Gegründet 1947 Donnerstag, 15. April 2021, Nr. 87
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Aus: Ausgabe vom 27.02.2021, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

Kokoda

Von Maxi Wunder

Wir bekommen Besuch von unserem Chef Udo, achtlos wirft er seine Jacke in die Ecke. Sein Restaurant »Udo’s Probierstübchen« ist so gut wie pleite, einige »Anbieter« liefern nicht mehr, sie mahnen nur noch. »Eigentlich wollte ich was zu essen mitbringen. Aber die haben das Gas abgestellt. Könntet ihr das hier vielleicht bei euch zubereiten? … Oh, ich fühl mich wie der letzte Loser!« Er schmeißt ein Paket auf den Küchentisch und sinkt auf einen Stuhl. »Tja, bei uns ist leider auch Stromsperre.« Roswitha deutet auf die Pfütze unter dem Tisch, an dem wir in Gummistiefeln sitzen. »Wir warten mit dem Aufwischen noch, bis das Eisfach komplett abgetaut ist«, erkläre ich entschuldigend und singe leise vor mich hin: »Uptown girl, du musst den Kühlschrank einfach abtaun, gö-örl!«

»Ihr habt Nerven, Mädels. Was ist, wenn der Unternachbar ’ne nasse Decke bekommt?« – »Dann soll er uns aufwischen helfen«, kontert Roswitha lockdownzermürbt. »Ich meine, du erinnerst dich: Obwohl wir alles brav befolgt und pünktlich die Überbrückungsgelder beantragt haben für deinen Laden, haben die fast nichts überwiesen! Nur diesen lausigen Abschlag Novemberhilfe, angeblich wegen Softwareproblemen bei der Behörde.« Roswitha wickelt das Paket aus: »Fisch? Sieht gut aus!« – »Ach, schmeiß doch weg!« Udo schwimmt in Selbstmitleid. »Wegschmeißen?!« protestiert Rossi. Sie ergreift beherzt ein Küchenmesser und deklamiert: »Wann, wenn nicht in Krisenzeiten, bewährt sich die weitgereiste Frau von Welt?« Der Kabeljau landet mit einem Schwung in der Spüle. »Weißt du noch, Maxi, damals? Der marinierte Fisch auf Matanitu ko Viti?« – »Auf was? … ach so, ja!« Sie meint die Fidschi-Inseln, wo wir in unserem früheren Leben als Reiseleiterinnen gearbeitet haben. Dort gab es manchmal »Kokoda«:

500 g weißen Fisch waschen, ausnehmen und entgräten. In 1 cm große Würfel schneiden und mit dem Saft von 8 Limetten in eine Schüssel geben. An einem kühlen Ort ca. 10 Stunden ziehen lassen. Zwei rote Zwiebeln, eine Tomate und eine halbe Salatgurke kleinschneiden und zusammen mit einer entkernten, feingeschnittenen roten Chili und ein paar Ananasstückchen in eine Schüssel geben. Den Fisch aus der Kühlung nehmen, durch ein feines Sieb abseihen und mit kaltem Wasser gut abspülen. Zusammen mit 250 ml Kokosmilch zu der Salatmischung geben und mit Salz und Pfeffer abschmecken. Mit Limettenspalten dekorieren und servieren. Dazu Bier oder Moselwein.

»Das heißt, den können wir erst morgen früh essen?« fragt Udo verzagt. »Sei nicht traurig«, ermutige ich ihn. Während Rossi den Kabeljau bearbeitet, leite ich Udo sachte ins Wohnzimmer. »Schau mal, wir machen jetzt schön 25 Kerzen an, und dann drehen wir eine neue Folge unserer Senioren-Hautpflegeserie ›Wunden, Schrunden und Geschwüre‹, diesmal ganz im Stil der alten Meister. Solange der Akku reicht.« – »Ach ja, wir sind ja jetzt Influencer.« Udo schöpft wieder Mut. »Wie soll denn die Folge heißen?« – »Rossi, wie heißt noch mal der Youtube-Film, den wir heute drehen?!« brüll’ ich in die Küche. – »Eitern als Chance!«

Wer fürchtet sich eigentlich vor wem?

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