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Aus: Ausgabe vom 27.02.2021, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Italiens Psyche

Ein verdrängtes Problem

Pandemie hat ohnehin schwierige Situation verschärft: Über den Zustand der psychischen Gesundheit in Italien
Von Francesco Bertolucci
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Cristina Contini begann Stimmen zu hören, als sie 19 Jahre alt war. Sie hatte einen schweren Unfall, der sie ins Koma brachte. Es gelang ihr, die Störung unter Kontrolle zu bekommen, und sie begann, anderen Menschen, die unter demselben Problem litten, zu helfen. Heute ist sie Präsidentin der Organisation »Hearing Voices«, die sie auch gegründet hat. Sie arbeitet mit Gesundheitsinstitutionen zusammen und hat die Art des Umgangs mit dieser Störung in Italien verändert. »Erst war es, als hätte ich zwei Paar Schuhe, zwei Leben: eine Cristina vor und eine nach dem Koma. Ich begann nach dem Koma Stimmen zu hören, weil es Komplikationen bei der Operation gab. Es waren Stimmen anderer Leute, tot oder lebendig. Aus der Gegenwart oder aus der Vergangenheit. Einer meiner ersten Gedanken war, zu verstehen, warum ich diese Stimmen höre. Nachdem ich erfolglos in Italien nach Hilfe gesucht hatte, fand ich Menschen in Wales, die mir zuhörten und mir Hilfsmittel an die Hand gaben, um diese Stimmen zu kontrollieren. Nach drei Jahren intensiver Arbeit an mir selbst war ich endlich in der Lage, eine Antwort auf meine Zweifel zu finden. Ich erkannte, warum ich Stimmen hörte. Dann begann ich, anderen zu helfen.«

Zweite Chance

Contini ist eine Frau, die ihre zweite Chance genutzt hat, um das Leben Hunderter anderer Menschen zu verändern. Eine »Revolution« für Menschen, die an psychischen Störungen leiden, die möglicherweise einmal in einem Atemzug mit Franco Basaglia genannt werden wird. Der venezianische Psychiater setzte sich für die Schließung von Anstalten ein – ein entsprechendes Gesetz aus dem Jahr 1978 trägt seinen Namen. Contini wiederum hat sich dafür eingesetzt, die Stimmen »loszuwerden« und Frieden zwischen ihnen und den sie Hörenden zu befördern – ihnen ihr Leben zurückzugeben.

Diese Störung wird typischerweise als Schizophrenie diagnostiziert. 80 Prozent der davon Betroffenen hören Stimmen. In Italien gelten zwischen fünf und acht Prozent der Bevölkerung als schizophren. Ein Viertel davon hat mindestens einmal ein solches Phänomen erlebt – aufwachen durch eine Stimme, hören einer Klingel, das Schellen eines Telefons oder dass jemand nach ihnen ruft, ohne dass dies tatsächlich passiert ist.

»Während des Lockdowns haben wir mindestens das Vierfache an Hilfeanrufen oder E-Mails erhalten. Zwischen 15 und 20 an einem Tag.« Und die Fälle dürften weiter nach oben schnellen, ist sich Cortina sicher, »wenn man sich anschaut, dass eine britische Studie zu dem Ergebnis gekommen ist, dass Post-Covid-Intensivpatienten visuell-auditive Halluzinationen erleiden und dass es in den fünf Jahren nach der Spanischen Grippe ebenfalls undefinierte neurologische Phänomene gegeben hat.«

In seltenen Fällen werden Stimmen von Geburt an gehört, meist beginnt das nach einem Trauma. »Wir haben ein wenig geforscht«, erklärt Contini, »und festgestellt, dass zwei von vier ›hörenden‹ Personen, die zu uns kommen, sexualisierte oder andere physische Gewalt, Mobbing unter Gleichaltrigen oder Suchterfahrungen durchlebt haben. Andere erzählten von getrennten Eltern, veränderten Gewohnheiten oder Stalking. Diese Stresssituationen haben eine innere Abspaltung bewirkt, bei der ein Teil sich Stimme verschafft hat.« Vereinfacht gesagt könnten Stimmen als eine Art »lebensrettende Reaktion« unseres Gehirns betrachtet werden. Es ist, als würde der abgespaltene Teil anfangen zu sprechen. Das passiere jedoch nicht unmittelbar nach einem Trauma: »Es dauert bis zu fünf Jahre, bevor die Stimmen kommen. Ein Mädchen begann sie mit 14 Jahren zu hören, nachdem sie mit zehn Jahren vergewaltigt worden war. Dissoziation ist ein Sicherheitsmechanismus nach einem Trauma, und es ist, als würden ›Hörende‹ eine Parallelwelt erschaffen – eine Matrix. Alle ›Hörenden‹ fragen dich: Hast du Matrix gesehen? Genau das ist es!«

Nach ihrem Trauma arbeitete Cristina weiter, heiratete und bekam ein Kind. Statt die Stimmen mit pharmakologischen Mitteln zu unterdrücken, was der Normalfall ist, versuchte sie herauszufinden, warum sie diese hörte. Und dabei fand sie den Schlüssel – für sich und für andere. »Es gibt kein Medikament, das Stimmen unterdrücken kann. Es kann dich beruhigen und beim Schlaf helfen – was nicht wenig ist. Aber du musst an den Gründen arbeiten, welche die Stimmen ausgelöst haben. Und du musst sie entschlüsseln. So können wir damit leben. Um Antworten zu finden, musst du auch interpretieren, was die Stimmen sagen. Wenn ich eine Stimme höre, die mir sagt: ›Bring dich um‹, dann heißt das übersetzt: ›Ändere die Art, wie du lebst!‹«

Nachdem es Cristina gelungen war, ihre Stimmen unter Kontrolle zu halten, wollte sie anderen helfen. 2005 begann sie in der Abteilung für psychische Gesundheit in Reggio Emilia zu arbeiten. »Es war kein einfacher Weg, aber die Psychiater begannen, mich zu Rate zu ziehen. Denn wenn du keine Stimmen hörst, wie kannst du sie dann erkennen? Selbst das Verstehen von Bildern ist schwierig. Eine Frau zeigte mir einmal ein Bild von einem erstochenen Weihnachtsmann. Niemand verstand die Bedeutung, dabei war es nichts weiter als das Bildnis ihres Vaters – es war ein Ausdruck ihres Traumas.«

Stimmen können sich sowohl äußerlich als auch innerlich manifestieren. Letzteres führe oft zu selbstverletzendem Verhalten. Das passiere, weil die Menschen mit 1.000 bis 2.500 Befehlen am Tag bombardiert würden. Die Stimmen hätten einen Namen und ein Alter, das der gewaltausübenden Person, dem Lehrer, dem Trainer oder dem Vergewaltiger entspreche. »Es gibt eine Klassifizierung in der Stimme, der Tonlage, dem Rhythmus und im Inhalt. Eine ›hörende‹ Person muss gefragt werden, wie viele Stimmen sie hört, wer sie sind oder wie sie sich bezeichnen. Einem Psychiater fällt das nicht ein. Nur jemand mit eigener Erfahrung darin weiß, welche Fragen gestellt werden müssen.«

Seit sie ihre Arbeit als Gruppenmanagerin begonnen hat, ist Continis Hilfe im ganzen Land gefragt. Sie wird als Rednerin auf internationale Kongresse eingeladen, ihre Organisation, in der auch andere »Hörende« aktiv sind, hat neben dem Hauptsitz in Reggio Emilia Zweigstellen in Brescia und Cagliari aufgebaut. Darüber hinaus ist sie an vielen Projekten im öffentlichen Gesundheitssektor beteiligt. In einem nächsten Schritt soll ihr Ansatz als offizielle Behandlungsmethode eingeführt werden. »Offensichtlich ergänzen wir uns«, erläutert Contini. »Wir ersetzen nicht die medizinische Behandlung, denn ohne die psychotherapeutischen Einrichtungen wäre alles sinnlos. Wenn nötig, muss beispielsweise Medizin zum Schlafen verabreicht werden. Heilung bedeutet nicht länger komplette Genesung oder chronische Störung, Normalität oder Abnormalität. Heilung bedeutet die Anerkennung des Leidens als Teil eines Raums in meinem Leben. Wir geben Instrumente an die Hand, damit die Stimmen kontrollierbar werden und der Sinn dahinter erkannt wird. Wenn das gelingt, geht die Anzahl der Stimmen zurück.«

Vor allem die gemeinsame Arbeit zwischen verschiedenen Institutionen sei wichtig, denn 80 Prozent der »Hörenden« könne in Zusammenarbeit mit der Familie, Psychotherapeuten, Psychiatern und Krankenhäusern dabei geholfen werden, ihr Leben wieder unter Kontrolle zu bekommen. »So wie ich sie wiedererlangt habe.«

Psychologischer Notstand

Über sechs Millionen Italiener leiden an psychischen Störungen. Das sind mehr als zehn Prozent der Bevölkerung. Durch die Pandemie wird ein Anstieg von 30 Prozent erwartet, der auch Kinder betrifft, denen Struktur und Kommunikation fehlen.

Marco sitzt auf seinem Bett mit dem Kissen im Rücken, noch immer regungslos. Er schaut auf etwas, gleichzeitig scheint er an einem ganz anderen Ort zu sein. Er ist einer von mehr als 900.000 Menschen, die in Italien an Depressionen leiden und deswegen in Behandlung sind. Seine Aktivitäten wurden durch die Auswirkungen der Pandemie auf einen Schlag verlangsamt, der folgende langsame Wiederstart und die Ungewissheit haben ihn zusammenbrechen lassen. »Ich habe Jahre der Aufopferung in Rauch aufsteigen sehen. Und dann bin ich kollabiert«, erzählt Marco.

Seit dem Lockdown sind einige Monate vergangen, aber die Auswirkungen sind noch immer deutlich spürbar. In dem Land, das für »Sonne, Essen und gute Laune« steht, hat die Pandemie zu einer Zunahme mentaler Störungen wie Depressionen, Angstzustände, Schizophrenie, Panikattacken und Essstörungen geführt – letztere stiegen wegen der Einschränkungen und der damit einhergehenden Verfügbarkeit großer gehorteter Mengen an Essen um 30 Prozent. Der Anstieg der Erwerbslosigkeit führte zu einer siebenprozentigen Steigerung bei Depressionen.

Eine Studie des Instituts für klinische Physiologie in Pisa kommt zu dem Ergebnis, dass etwa elf Millionen Italiener im Jahr rund viermal mehr für Psychopharmaka ausgeben als der europäische Durchschnitt. »Das bedeutet nicht, dass all diese Menschen in psychiatrischer Behandlung sind«, erklärt Enrico Zanalda, Präsident der Italienischen Gesellschaft für Psychiatrie. Diese Studie beinhalte auch jene, die Schlaftabletten konsumierten. Dennoch korreliere die Zahl mit jener, dass sieben von zehn Menschen einmal in ihrem Leben eine psychische Störung erleiden. Davon würden die meisten privat behandelt, denn viele würden sich nicht an öffentliche Einrichtungen wenden aus Angst vor Auswirkungen auf den Job.

Ein großes Problem in Italien seien Depressionen und Angstzustände, die zusammengenommen rund drei Millionen Menschen beträfen. »Aufgrund dieser Störungen nehmen sich rund 4.000 Menschen im Jahr das Leben«, führt Zanalda aus. Statistisch gesehen würden jedoch nur 20 Prozent der Erkrankten um Hilfe ersuchen. Dass dies ein unterschätztes Problem ist, wird an einer weiteren Studie der Tor-Vergata-Universität in Rom deutlich: In Italien fließen durchschnittlich weniger als 3,5 Prozent der Mittel für das Gesundheitsressort in den Bereich der mentalen Gesundheit – im Vergleich zu acht bis 15 Prozent in den anderen G-7-Staaten.

Im Land der mediterranen Esskultur leiden rund drei Millionen Italiener an einer Essstörung mit einer durchschnittlichen jährlichen Steigerung um rund 8.500 Fälle und mehr als 3.000 dadurch bedingte Todesfälle. Davon sind auch bereits achtjährige Kinder betroffen. Unter den Betroffenen »sind Leute im mittleren Alter, junge Erwachsene und mehr und mehr Mädchen und Jungen zwischen acht und zehn Jahren«, konstatiert Luca Maggi, Klinikdirektor in der Toskana in einer der vielen Einrichtungen in Italien, in der Essstörungen behandelt werden. »Wir könnten das auch als Epidemie bezeichnen, die von der Umwelt bestimmt wird, in der wir leben. Essen ist eine Art Kontrolle von etwas, das nicht zu kontrollieren ist. Die Zukunft der Pandemie ist unklar. Aber die Kontrolle des Gewichts ist in gewisser Weise möglich, auch wenn die Entbehrungen unvorstellbar erscheinen.«

Die Ernährungsberaterin Francesca Castrogiovanni fügt hinzu: »Da gibt es Menschen, die nur einen Apfel am Tag essen, andere essen ein Ei, und wieder andere haben Angst davor, ihre eigene Spucke zu schlucken aus Angst davor, dick zu werden.« So weit würde Alice nicht gehen, aber der ungewisse Stillstand hat sie zu Fall gebracht. »Mir ging es auch vorher nicht gut, aber die Pandemie war ein Schock. Ich fühlte mich der Gnade des Geschehens ausgeliefert, so als könne ich nicht länger selbst entscheiden – ich betrat einen Tunnel.«

Tabuisiertes Problem

Die Problematik psychischer Störungen bei Kindern kann durch eine Frage des Kinderneuropsychologen Stefano Benzoni auf den Punkt gebracht werden: »Warum geben wir vor, dass, wenn es um neuropsychologische Störungen geht, dieses Problem nicht existiert?« Die Auswirkungen der Pandemie hätten die Situation verschärft, aber es sei auch vorher schon schwierig gewesen. »Neuropsychologische Störungen betreffen zwischen zehn und 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 500.000 Kinder an Sprachstörungen und Lernschwierigkeiten leiden, rund 100.000 ernsthafte und komplexe Störungen wie etwa Autismus aufweisen. Diese werden ein Leben lang bestehen und haben einen schwerwiegenden Einfluss auf die Lebensqualität der Familien. Mindestens 20.000 Kinder und Jugendliche nehme Psychopharmaka ein.«

Problematisch sei vor allem die andauernde Tabuisierung des Themas: »Auch heute noch ist es für eine Familie ein schwerer Schritt, um Hilfe durch Gesundheitsbehörden zu ersuchen. Sie fühlen sich beurteilt, wenig verstanden und sehr einsam. Nur einem Drittel der Fälle kommt die notwendige öffentliche Fürsorge zugute. Eine sehr kritische Zahl, wenn wir bedenken, dass rund 50 Prozent der Erwachsenen mit einer Störung Symptome und Probleme bereits in der Kindheit hatte.«

Die Situation der auf Kinderneuropsychologie spezialisierten Einrichtungen und ihrer Ausstattung sei dramatisch, fügt Benzoni hinzu. So habe eine Stadt wie Mailand bis vor zwei Jahren kein Krankenhaus gehabt, das eine Station für Kinder und Jugendliche mit psychologischen Störungen zur Verfügung stellen konnte. Ähnlich sieht die Situation für die Behandlung von Essstörungen aus. Dabei seien diese weltweit »der Hauptgrund für Todesfälle bei Jugendlichen und besonders bei Mädchen bis zu einem Alter von 25 Jahren«, wie Maria Patrizia Cappelletto von der Vereinigung »Leben jenseits des Spiegels« betont. »Das sollte Institutionen dazu veranlassen, ihre Hilfezentren zu stärken und sie nicht zu schließen wie es gegenwärtig passiert. Auch für uns Eltern ist das nicht leicht, und mehr Hilfe zu haben, macht den Unterschied.«

Eine Untersuchung, die im vergangenen Jahr in Italien, Spanien und Großbritannien von der Forschungsgruppe »Open Evidence« durchgeführt wurde, zeigt, dass der Prozentsatz der Bevölkerung, deren psychische Gesundheit aufgrund verschiedener sozioökonomischer Umstände gefährdet ist, in Italien 41 Prozent beträgt. »Die ökonomische Krise bedingt eine Steigerung bei Angstzuständen und Depressionen«, fügt Direktor Zanalda hinzu. Es liege an der Regierung und den Unternehmen, dem entgegenzusteuern, »andernfalls steigt das Risiko eines Zusammenbruchs«.

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