Gegründet 1947 Montag, 12. April 2021, Nr. 84
Die junge Welt wird von 2500 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 26.02.2021, Seite 15 / Feminismus
Sexistische Gewalt

»Bilanz der Regierung ist katastrophal«

Frankreich: 2020 deutlich mehr Gewalt gegen Frauen. Macrons Kabinett scheitert bei Gleichberechtigung. Ein Gespräch mit Fabienne El-Khoury
Von Raphaël Schmeller
Internationaler_Tag_67480704.jpg
Protest am Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen am 25. November 2020 in Paris

Die französische Regierung hat jüngst mitgeteilt, dass die Zahl der Femizide im vergangenen Jahr auf den niedrigsten Stand seit 15 Jahren gefallen ist. 2020 wurden laut Statistik 90 Frauen von ihrem Partner oder Expartner ermordet, 2019 waren es 146. Teilen Sie die Einschätzung von Justizminister Éric Dupond-Moretti, dass es sich hier um eine nachhaltige und »hoffnungsvolle« Entwicklung handelt?

Zunächst möchte ich sagen, dass wir diese Zahlen bestreiten. Das Kollektiv »Féminicides par compagnons ou ex« spricht von mindestens 100 Femiziden im vergangenen Jahr. Nichtsdestotrotz, es gibt einen Rückgang. Doch 2020 war ein besonderes Jahr. Die meisten Femizide werden begangen, nachdem die Frau ihren Mann verlassen hat, und das war coronabedingt fast nicht möglich. Das hat vielleicht zu einem künstlichen Rückgang geführt. Wir müssen also mindestens 2021 abwarten, um beurteilen zu können, wie sich die Zahlen weiterentwickeln.

2020 war, wie Sie sagen, ein besonderes Jahr. Der Shutdown hat beispielsweise dazu geführt, dass es mehr Gewalt im häuslichen Kontext gab. Wie sieht Ihre erste Bilanz des Coronajahres in bezug auf die Gewalt gegen Frauen aus?

Es ist kompliziert, schon jetzt Zahlen zu nennen. Aber alle Vereine, die sich um betroffene Frauen kümmern, haben einen Anstieg der Hilfeanrufe verzeichnet. Die sogenannte häusliche Gewalt ist also deutlich gestiegen – aber nicht nur in Frankreich. Das ist ein weltweiter Trend, denn überall ist es für Frauen, wie bereits erwähnt, aufgrund der Pandemie schwieriger geworden, das Haus zu verlassen.

Hat die französische Regierung in diesem »Coronakontext« spezielle Maßnahmen ergriffen, um gegen diesen Anstieg der Gewalt vorzugehen?

Diese Regierung veranlasst Maßnahmen ohne große Wirkung. Nachdem ein runder Tisch zum Thema veranstaltet wurde, beschloss Staatspräsident Emmanuel Macron, elektronische Fußfesseln für gewalttätige Partner einzuführen, damit diese sich der Frau nicht nähern. Doch diese Maßnahme betrifft nicht einmal 30 Männer in ganz Frankreich, das Vorhaben ist also nur symbolisch. Was wir verlangen, sind deutlich mehr Unterkunftsplätze in Frauenhäusern. Außerdem müssen Polizeikräfte und Justizbeamte ausgebildet werden, um mit dem Problem besser umzugehen. Oft passiert es, dass, wenn eine Frau auf die Polizeiwache geht, um ihren gewalttätigen Mann anzuzeigen, ihr geantwortet wird, das sei doch nicht so schlimm, »Ihr Mann liebt Sie doch«. Die Hilfsvereine, Frauenhäuser etc. brauchen zudem dringend mehr finanzielle Mittel. Insgesamt sollte die Regierung sofort mindestens eine Milliarde Euro in die Hand nehmen, um ernsthaft gegen die Gewalt gegen Frauen vorzugehen.

Zu Beginn seiner Amtszeit 2017 hat Macron die Gleichheit zwischen Frau und Mann als »Grande Cause nationale« deklariert, also als übergeordnetes Ziel, das die Nation verfolgt …

Das ist ein Witz!

Gibt es nicht einmal ein paar kleine Fortschritte? Hat das Thema vielleicht mehr Aufmerksamkeit bekommen?

Das ist nur ein PR-Coup. Ich weiß nicht, wie es möglich ist, dass ein Präsident, der die Gleichheit zwischen Frau und Mann als oberstes Ziel ausruft, einen Mann zum Innenminister ernennt, gegen den Vergewaltigungsvorwürfe im Raum stehen (Gérald Darmanin, jW). Oder der Justizminister: Wie kann Dupond-Moretti diesen Posten bekommen, obwohl bekannt ist, dass er frauenfeindlich ist und als Anwalt schon oft Männer verteidigt hat, die wegen Vergewaltigung oder Pädophilie verurteilt wurden? Selbst wenn es minimale Maßnahmen gegeben hat, wir sind immer noch sehr weit von dem entfernt, was wir und andere Organisationen fordern. Die Arbeit der Regierung ist manchmal sogar kontraproduktiv. Beispielsweise hat sie eine Ausschreibung gestartet, um das Betreiben der Notrufnummer 3919 bei häuslicher Gewalt neu zu vergeben. Nur weil es viel Protest dagegen gab, wurde die Ausschreibung gestoppt, und der Verein, der die Nummer seit mehreren Jahren betreibt und viel Erfahrung damit hat, konnte weitermachen. Die Bilanz der Regierung in dieser Frage ist wirklich katastrophal.

Wie sieht es mit der gesellschaftlichen Ebene aus? Ist der Widerstand gegen frauenfeindliche Gewalt und die Untätigkeit der politisch Verantwortlichen in den vergangenen Jahren gewachsen?

Ja, zum Glück gibt es auch Fortschritte. 2014 waren wir mit unserer Organisation beispielsweise fast allein, wenn es darum ging, das Wort Femizid (auf Französisch »féminicide«, jW) zu benutzen. Uns wurde vorgeworfen, die französische Sprache zu verhunzen. Heute wird der Begriff sowohl in der Politik als auch in der Justiz verwendet. Das zeigt, dass das Töten von Frauen aus sexistischen Gründen als gesellschaftliches Problem anerkannt wird. Ein weiterer Fortschritt: Langsam beginnt die Scham die Seite zu wechseln. Immer mehr Frauen zeigen ihre Peiniger an, sie trauen sich, etwas auszusprechen, das früher noch als etwas Beschämendes empfunden wurde.

Fabienne El-Khoury ist Sprecherin der feministischen Organisation »Osez le féminisme«, die 2009 gegründet wurde

Wer fürchtet sich eigentlich vor wem?

Polizei vor Kiezkneipen- oder Waldschützern, Instagram vor linken Bloggern, Geheimdienste vor Antifaschisten? Oder eher andersherum? Die Tageszeitung junge Welt entlarvt jeden Tag die herrschenden Verhältnisse, benennt Profiteure und Unterlegene, macht Ursachen und Zusammenhänge verständlich.

Unverbindlich und kostenlos lässt sich die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) probelesen. Abbestellen nicht nötig, das Probeabo endet automatisch.

Ähnliche:

  • Sieht sich als den »am meisten verfolgten Politiker Frankreichs,...
    19.01.2021

    Millionen für Sarkozy

    Neue Ermittlungen gegen früheren französischen Präsidenten. Ein System auf der Anklagebank
  • François Fillon (M.) und Emmanuel Macron (r.) auf Wahlplakaten 2...
    19.01.2021

    Von Vätern und Brüdern

    Korruptions- und Bestechungsaffären: Französische Justiz ermittelt gegen Sarkozys »Kerntruppe«
  • Rachefeldzug gegen eigene Beamte: Frankreichs Justizminister Eri...
    16.01.2021

    Auf der Jagd

    Gegen Frankreichs Justizminister Dupond-Moretti ermitteln die eigenen Leute

Regio:

Mehr aus: Feminismus