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Aus: Ausgabe vom 26.02.2021, Seite 10 / Feuilleton
Geschichte

Herr und Hinzugekommene

Ostkolonialisierung: Überlegungen zur »Einheit«
Von Ulrich van der Heyden
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Und nicht nur ihr: Eine Demo im September 1990 in Berlin gegen die »Wiedervereinigung«

Nach mehr als drei Jahrzehnten deutscher »Einheit« dringt so langsam ins Bewusstsein der vereinigten Brüder und Schwestern, dass etwas nicht ganz stimmen kann mit der jedes Jahr am 3. Oktober euphorisch gefeierten Einigung, die eben keine Einheit war und ist, weil nämlich nicht zwei gleichberechtigte Partner diese vollzogen haben. Es bleibt ein übler Beigeschmack von Überrumpelung oder kolonialer Besitzergreifung. Dieser Eindruck wird vor allem von der Tatsache bestätigt, dass der Reichtum in Deutschland nicht nur von oben nach unten ungleich verteilt ist, sondern auch von West nach Ost. Der französische Sozialphilosoph Pierre Bourdieu (1930–2002) hatte schon Ende der 1990er Jahre über das östliche Nachbarland festgestellt, dass die politischen und ökonomischen Verhältnisse in Wendezeiten so unterschiedlich gewesen sind, dass er nicht von einem Einheitsprozess zwischen Ebenbürtigen sprechen könne.

Nun mag man über die Berechtigung des Begriffs einer »kolonialen Besitzergreifung« des Ostens durch Westdeutschland, in der übrigens viele Kolonialhistoriker und Politiker Parallelen zum »klassischen« Kolonialismus in Übersee erblicken, unterschiedlicher Ansicht sein. Aber Bezeichnungen wie »Fremdbestimmung«, »Anschluss«, »Angliederung«, »Bevormundung«, »Ent-« und »Abwertung«, »Transformation ohne Integration« oder »neue Ostkolonisation«, wie es schon 1991 der konservative Politikwissenschaftler Arnulf Baring formulierte, sprechen dafür, dass es sich tatsächlich um einen Kolonisierungsprozess handelte.

Sinneswandel

Es drängen sich zwei Fragen auf. Erstens: Hätte man 1990 bei einer so gravierenden politischen Entscheidung wie der »Vereinigung« nicht das gesamte deutsche Volk in Ost und West fragen sollen? Und zweitens: Es sind in den vergangenen 30 Jahren Hunderte von Meinungsumfragen durchgeführt worden, die alle in der einen oder anderen Weise die Ungleichmäßigkeit der Lebensverhältnisse in beiden Teilen Deutschlands belegt haben – aber warum ist noch kein Meinungsforschungsinstitut auf die Idee gekommen, die ostdeutsche Bevölkerung zu befragen, ob sie noch einmal ihren Staat unter ihren Füßen wegwählen würde, so wie sie es am 18. März 1990 getan hat? Immerhin sind Stimmungsschwankungen im Wahlvolk nichts Unbekanntes. So stimmten im Dezember 1989 die Noch-DDR-Bürger für eine »Beibehaltung der DDR als souveräner Staat«. Anfang Februar 1990 befürworteten laut Umfragen angeblich 79 Prozent eine »Wiedervereinigung«. Laut wissenschaftlichen Untersuchungen basierte der Sinneswandel auf Versprechungen von Bundeskanzler Helmut Kohl auf seiner Veranstaltung in Dresden und der Zusicherung, die D-Mark einzuführen.

Viele der Wähler, die damals »keine Experimente« wollten – wie es auf einem CDU-Plakat hieß –, leben heute nicht mehr, nur noch ihre Nachfahren. Ist es nicht verständlich, dass damals viele Westdeutsche, wenn sie nicht total antikommunistisch verblendet waren, ziemlich ratlos darauf geblickt haben, was die Ostdeutschen durch ihre Kreuze auf den Stimmzetteln aufgegeben haben? Die nie offiziell gestellte Frage könnte bei einer Meinungsumfrage lauten: Hätten die Ostdeutschen die Parteien, die die rasche »Einheit« angestrebt hatten, auch nach einigen Jahren erlebter Praxis im Kapitalismus wiederum so gewählt, wenn es um die Frage der Souveränität gegangen wäre? Dies in der Erkenntnis, dass sich die Versprechungen von »blühenden Landschaften« als Schall und Rauch erwiesen haben, sehr viele arbeitslos geworden sind, ihre soziale und kommunikative Basis über Nacht verschwand, die Jüngeren ihren Lebensunterhalt in den westlichen Bundesländern suchen mussten (was in der Kolonialzeit als Wanderarbeit bezeichnet worden wäre), die ungleichen Rentenzahlungen immer noch bis heute deutlich machen, wer der Herr und wer der Hinzugekommene ist? Oder dass im Osten länger als im Westen gearbeitet werden muss? Wenn also all die negativen Folgen des überhasteten, nicht durch ein Plebiszit abgesicherten Vereinigungsprozesses bekannt gewesen wären, hätten wir dann diese größere BRD?

Angeblich sollen nach einer jüngsten Befragung zwei Drittel der Deutschen die »Einheit« als Gewinn betrachten. Ja, haben sie denn eine andere Chance, als sich einzurichten? Was hätten sie tun können, als sie feststellen mussten, dass sie – wie es Wolf Biermann in seiner gern benutzten Fäkalsprache ausdrückte – »vom Regen in die Jauche« gekommen waren?

Wenn Verbote aufgehoben oder gelockert werden, streben Menschen zunächst nach dem bisher Unerreichbaren. Wenn dann der Glaube, dieses Unerreichte kennenzulernen, abnimmt und die harte Realität wahrgenommen wird, dann setzt ein Bedauern ein: Im deutsch-deutschen Verhältnis entstanden die »Jammerossis«. Die wussten sich nicht besser zu wehren und schufen für ihre Brüder und Schwestern den Begriff »Besserwessi«.

»Buschzulage«

Westdeutschen Politikern und Wirtschaftsfachleuten wurde der Weg in den Osten in kolonialer Weise geebnet, wovon der Begriff »Buschzulage«, mit dem Sonderzahlungen für Beamte aus alten Bundesländern umgangssprachlich bezeichnet wurden, eine deutliche Sprache spricht. Auch in den von den Europäern erbeuteten Kolonialgebieten wurde (mit Ausnahme der Briten, die eine »Indirect Rule«, eine indirekte Herrschaft in ihrer Kolonialpolitik bevorzugten) als eine der ersten Handlungen die Gesetzlichkeit der Kolonialherren eingeführt. Denn nur so konnten sie die eventuell aufmüpfige Bevölkerung unter Kontrolle halten.

Man kann heute darüber lamentieren, und dies geschieht hauptsächlich im Osten – auch in früheren kolonialen Mutterländern haben sich nur die wenigsten Bürger gegen die eigene Fremdherrschaft in Übersee, von der sie ja profitierten, aufgelehnt. Aber es ist ein Tröpfchen Wahrheit an einer Aussage des ehemaligen Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse (SPD): In einem Interview 2017 ermahnte er seine ostdeutschen Mitbürger, sich zu erinnern, wer welche Partei Anfang der 1990er Jahre gewählt hat. Wer heute über westdeutsche Dominanz klage, dem würde er entgegnen: »Erinnert euch!«

Die Erinnerung an den für die Ostdeutschen schwierigen Weg würde heute weniger Groll, Enttäuschung, Frustration, Minderwertigkeitsgefühle, Trauer, Resignation bedeuten, wenn dieser über ein Plebiszit geführt hätte. Das ist jedoch illusionäres Gedankenspiel – welche Kolonialmacht hat die Kolonisierten jemals gefragt, ob sie kolonisiert werden wollen?

Ulrich van der Heyden ist Historiker, Politikwissenschaftler und Spezialist für die Kolonialgeschichte Afrikas

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