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Aus: Ausgabe vom 26.02.2021, Seite 4 / Inland
Rechte Fanszene

Weltbild kein Thema

Rechte Fans von Rot-Weiß Erfurt terrorisierten andere Fangruppen. Verbindungen zur AfD bleiben unklar
Von Steve Hollasky
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»Jungsturm«-Banner im Erfurter Steigerwaldstadion (29.10.2016)

In dem seit Monaten andauernden Prozess gegen vier mutmaßliche Mitglieder der rechten Hooligangruppe »Jungsturm« in Gera gehen die Vorstellungen von Verteidigung und Staatsanwaltschaft weit auseinander. Die Staatsanwaltschaft forderte am Mittwoch für die zwischen 21 und 29 Jahre alten Männer Haftstrafen zwischen drei und viereinhalb Jahren.

Sie sieht es als erwiesen an, dass die Angeklagten sich in den Jahren 2018 und 2019 mit anderen Hooligangruppen zu Schlägereien verabredeten und insbesondere Fans des FC Carl Zeiss Jena attackierten. Diese sollen die mutmaßlichen Gewalttäter als »Repräsentanten einer verhassten Idee« angesehen haben, so der Staatsanwalt in seinem Abschlussplädoyer vom Mittwoch. Die Taten der Gruppe »Jungsturm«, die der Hooliganszene um den FC Rot-Weiß Erfurt zugerechnet wird, seien dazu geeignet gewesen, das friedliche Zusammenleben in Deutschland beträchtlich zu stören. Zudem sei der Zusammenschluss ein Sammelbecken nicht nur für gewaltbereite, sondern insbesondere rechte Fans gewesen, die Gewalt als identitätsstiftend angesehen hätten.

Allerdings wollte die Staatsanwaltschaft auch klargestellt wissen, dass es ihr nicht um das neonazistische Weltbild der Angeklagten gehen würde, sondern darum, »ob man andere Menschen zusammenschlagen darf«, hieß es im Plädoyer der Anklage. Über diesen Ansatz zeigte sich Katja Maurer, Vorsitzende der Stadtratsfraktion der Partei Die Linke in Erfurt, gegenüber jW erschüttert. Dieses Vorgehen von Staatsanwaltschaft und Polizei sei »immer wieder« bei rechts motivierten Straftaten zu beobachten. Im Ergebnis würden sich Opfer rechter Überfälle mitunter gar nicht mehr an die Polizei wenden. Gerade die Verbindungen des »Jungsturms« in die Politik werfen für Maurer, die für ihre Partei seit 2019 auch im Thüringer Landtag sitzt, Fragen auf. So habe es wiederholt Gerüchte gegeben, dass Mitglieder des »Jungsturms« und anderer rechter Fangruppen »im Umfeld« von AfD-Demonstrationen aufgetreten seien und Gegnerinnen und Gegner der Partei bedroht hätten.

Zugleich betonte Maurer, dass gerade auch Fanprojekte versuchen würden, gegen rechte Umtriebe unter den Anhängern des Erfurter Fußballklubs anzugehen. Das unterstrich auch Lisa Karl vom Erfurter Fanprojekt im Gespräch mit jW. Gerade, weil das Auftreten des »Jungsturms« erschütternd sei, setze das Erfurter Fanprojekt auf Präventionsarbeit mit jugendlichen Fußballfans. In der Fanszene von Rot-Weiß Erfurt gehörten auch »soziale Projekte mit Geflüchteten« zur Realität, so Karl.

Obwohl der Erfurter »Jungsturm« nach Recherchen der Polizei andere Fangruppen terrorisiert habe, fordert die Verteidigung derweil ein weitaus geringeres Strafmaß als die Anklage. Für ein 21jähriges Mitglied der kriminellen Vereinigung verlangt die Verteidigung die Anwendung des Jugendstrafrechts und die Aussetzung der möglichen Haftstrafe zur Bewährung. Das Urteil steht noch aus.

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Debatte

  • Beitrag von Ralf S. aus G. (26. Februar 2021 um 02:14 Uhr)
    Sind bestimmt eigentlich gute Jungs, die es mit ihrer Heimatliebe nur etwas zu wild getrieben haben. Ich bin guter Dinge, dass das Gericht dem Rechnung trägt und es mit dem Strafmaß nicht übertreiben wird.

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