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Aus: Ausgabe vom 25.02.2021, Seite 15 / Medien
Neues Trikot

Überlaufen (k)ein Problem

Seitenwechsel vom Medienbereich in die Wirtschaft mögen legal sein. Der Glaubwürdigkeit »unabhängiger Journalisten« schaden sie
Von Marvin Oppong
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Seitenwechsel sind eher keine Gratwanderung: Skulptur »Balanceakt« vor Axel-Springer-Verlag in Berlin

Seitenwechsel in der Politik kennt man – vom Entwicklungsminister zum Cheflobbyisten des Rüstungskonzerns Rheinmetall (Dirk Niebel, FDP), vom Bundeswirtschaftsminister zum Aufsichtsratsmitglied der Deutschen Bank (Sigmar Gabriel, SPD) oder aus dem Kanzleramt zum Vorstandsmitglied bei der Deutschen Bahn (Ronald Pofalla, CDU). Weniger berichtet und weniger öffentlich diskutiert werden derartige Drehtüraktionen im Journalismus. Dabei sind sie keineswegs unproblematischer. Jeder nahtlose Wechsel auf die Gegenseite ruft die Frage hervor, wie groß zuvor die Distanz zum Objekt der Berichterstattung war – die Grundvoraussetzung für unabhängigen Journalismus.

Vergangene Woche wurde bekannt, dass der frühere Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe zur Deutschen Bank wechselt. Dort soll er ab März bei dem skandalträchtigen Finanzkonzern »Global Head of Political Affairs« werden, was man mit Cheflobbyist übersetzen könnte. Afhüppe, der zehn Jahre lang als politischer Korrespondent für Wirtschaftswoche, Spiegel und Handelsblatt in Berlin aktiv war, wird als Leiter der Abteilung Politische Angelegenheiten der Deutschen Bank direkt an den Vorstandschef berichten. Der ehemalige Journalist verließ die Handelsblatt Media Group im Dezember. Nun wechselt er zu der Bank, über die die Wirtschaftstageszeitung unter seiner Leitung regelmäßig berichtete.

Probleme hinsichtlich des Seitenwechsels sieht er nicht. Auf die Frage von jW, »haben Sie als Handelsblatt-Chefredakteur stets kritisch und mit der erforderlichen journalistischen Distanz über die Deutsche Bank berichtet?« erklärte Afhüppe am Dienstag: »Ja. Als Handelsblatt-Chefredakteur galten für die Deutschen Bank dieselben kritischen Maßstäbe wie für jedes andere Unternehmen.«

Der Leipziger Medienwissenschaftler Uwe Krüger hat 2011 eine vielbeachtete Dissertation über die Beziehungen zwischen führenden deutschen Journalisten und Spitzen aus Politik und Wirtschaft vorgelegt und zu dem Thema geforscht. Krüger meint: »Wenn ein Journalist in die PR oder den Lobbyismus wechselt, kauft der neue Arbeitgeber natürlich auch die Erfahrungen im Medienbereich und auch das persönliche Netzwerk mit ein.« So nahm Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing denn anlässlich der Personalie auch ausdrücklich Bezug auf Afhüppes Kontakte – der sei mit seiner Erfahrung »und seinem Netzwerk (…) prädestiniert dafür«, Brücken unter anderem nach Berlin auszubauen.

Afhüppe sieht hierbei keine Gefahr. Auf die Frage, ob er mit seinem Wechsel seine Kontakte an die Deutsche Bank verkauft habe, erklärte er: »Nein, Kontakte sind unverkäuflich. Ich will mit meiner Erfahrung als politischer Journalist einen Beitrag dazu leisten, die Beziehungen der Deutschen Bank zu den politischen Entscheidern weltweit zu stärken.«

Der Wechsel des früheren Handelsblatt-Chefredakteurs stellt keine Ausnahme dar. Schon 2015 war der Leiter des Invesitgativressorts der Zeitung Die Welt, Jörg Eigendorf, als Konzernsprecher der selben Bank nach Frankfurt am Main gewechselt.

Medienwissenschaftler Krüger sieht solche Vorgänge kritisch. »Stellen Sie sich vor, dort hat vielleicht jemand zuvor der Welt geheime Unterlagen über die Firma zugespielt – und dann kommt der Oberenthüller der Zeitung als Kommunikationschef in die Firma, mit dem Auftrag, Lecks zu stopfen.« Solche Frontenwechsel könnten Quellen verunsichern und bärgen auf lange Sicht die Gefahr, die Presse von Informationsflüssen abzuschneiden.

Eigendorf schließt derartige Interessenskonflikte aus. Auf jW-Anfrage erklärte er am Dienstag: »Der Quellenschutz ist eine vorrangige journalistische Pflicht, die auch dann noch gilt, wenn man nicht mehr als Journalist arbeitet. Der Schutz meiner früheren Quellen ist deshalb weiterhin Priorität für mich. Ich habe auch im nachhinein keine Informanten preisgegeben und werde das auch in Zukunft unter keinen Umständen tun.« Zudem habe er in seinen »letzten drei Jahren bei der Welt nur noch sporadisch über die Deutsche Bank berichtet«.

Stimmt. Alles ist legal. Doch Seitenwechsel suggerieren für das Publikum stets auch eine besondere Nähe zwischen Journalisten und dem Gegenstand ihrer Arbeit. So kannte man Ulla Fiebig als Korrespondentin aus der »Tagesschau«. Fiebig war im ARD-Hauptstadtstudio bis Sommer 2018 auch für das Familienministerium von Franziska Giffey (SPD) zuständig. Im Oktober 2018 wurde sie Leiterin des Pressereferats in genau dieser Behörde und Pressesprecherin der Ministerin. Wie das ARD-Hauptstadtstudio auf jW-Anfrage bestätigte, war Fiebig zuvor sogar an zwei journalistischen Berichten über ihre spätere Chefin beteiligt.

Anja Bröker, ebenfalls bekannt als »Tagesschau«-Korrespondentin, leitet nun den Bereich Pressestelle, News Room und Social Media der Deutschen Bahn AG. In der Funktion war sie auch schon als Sprecherin des staatseigenen Unternehmens in der »Tagesschau« zu sehen. Es gibt zahlreiche weitere Beispiele solcher Drehtürpassagen.

Eine Karenzzeit für derartige Wechsel, wie sie die Organisation Lobbycontrol für die Politik fordert, sei, so Krüger, »aus sozialer Sicht schwer vermittelbar«. In der Masse verließen Medienschaffende ihre Branche in Richtung PR, »viele tun dies auch aus Existenznot heraus, weil die kriselnde Zeitungsbranche weniger sichere und weniger gutbezahlte Arbeitsplätze bietet und auch weniger geregelte Arbeitszeiten als die PR«. Doch er sieht eine reale Gefahr: »Seitenwechsler mit Erfahrung und Netzwerken im Journalismus können den Einfluss der PR auf die Medien erhöhen. Es ist denkbar, dass ein Journalist bereits in einer Phase der Annäherung an den künftigen Arbeitgeber redaktionelle Entscheidungen in dessen Sinne trifft. Und Seitenwechsler können das Vertrauen der Öffentlichkeit in den Journalismus beschädigen – nach dem Motto: aha, gerade noch Kritiker und Kontrolleur der Macht, jetzt schon Diener und Verkäufer der Macht?«

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ralf S. (24. Februar 2021 um 21:55 Uhr)
    Ach, die Armen, die Sorge um ihre Existenz treibt sie dazu! Bevor man also als Chefredakteur eines Leitmediums evtl. den Dritt-, Viert- oder Fünftwagen aufgeben muss (für Frau und Kinder muss ja auch gesorgt sein), weil die letzte Gehaltserhöhung hinter den Erwartungen zurückgeblieben ist, wechselt man lieber schweren Herzens die Branche bzw. die Seite. Nachvollziehbar.

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