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Aus: Ausgabe vom 25.02.2021, Seite 7 / Ausland
Krieg in Jemen

Krieg und Armut

Jemen: Neuer UN-OCHA-Bericht mit erschreckenden Zahlen. Ende der Blockade durch Saudi-Arabiens Militärallianz gefordert
Von Wiebke Diehl
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Ein Mann hat durch eine Explosion sein Bein verloren und wartet in Sanaa auf seine Behandlung (2.12.2020)

Die humanitäre Situation im Jemen verschlimmert sich immer weiter. Das ist das Fazit eines aktuellen, vom Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (UN-OCHA) veröffentlichten Berichts. Die Lage im Jemen gilt demnach weiter als größte humanitäre Katastrophe weltweit und werde sich aller Wahrscheinlichkeit nach auch 2021 noch einmal deutlich verschlechtern, sofern keine politische Lösung in dem Konflikt gefunden wird. Bereits im vergangenen Jahr habe sich dem Bericht zufolge die Anzahl direkter Kampflinien um 14 auf 49 erhöht.

20,7 Millionen Jemenitinnen und Jemeniten sind laut UN-OCHA von humanitären Hilfsleistungen abhängig. Dass die Zahl mit 66 Prozent der Bevölkerung niedriger liegt als die zuletzt angegebenen 80 Prozent, ist einzig dem veränderten Analyseansatz geschuldet, wie die Autoren betonen. Der Schluss, die humanitäre Lage hat sich verbessert, könne daraus keinesfalls gezogen werden – im Gegenteil. 12,1 Millionen Jemenitinnen und Jemeniten seien akut gefährdet. Allein 2,25 Millionen Kinder im Alter von unter fünf Jahren sowie über eine Million Schwangere seien unterernährt.

Zerstörtes Gesundheitswesen

Besonders betroffen vom Krieg ist das Gesundheitswesen. 20 Millionen Menschen müssten auf notwendige Gesundheitsleistungen »verzichten«, für 11,6 Millionen stelle dies eine große Gefahr dar. Nur die Hälfte der jemenitischen Gesundheitseinrichtungen ist noch in Betrieb, bei den Schulen sind es laut dem Bericht noch zwei Drittel. Große Teile der öffentlichen Infrastruktur sind nicht mehr funktionstüchtig, bei der für die Trinkwasserversorgung notwendigen sind es gar nur noch fünf Prozent.

Im Jemen, in dem inzwischen vier Millionen Menschen vertrieben wurden und der allein im vergangenen Jahr zusätzlich zum Krieg mehrere Naturkatastrophen erlitten hat, haben es Krankheiten wie Cholera, Dengue, Malaria, Diphterie und auch Covid-19 ganz besonders leicht, sich weiter auszubreiten. Der Jemen ist eines der am schlechtesten vorbereiteten Länder auf Ereignisse wie die Überschwemmungen vom vergangenen Frühjahr und Sommer, die mehr als 130 Menschenleben gefordert und Wohnhäuser sowie Infrastruktur zerstört haben. Oder die Heuschreckenplage, durch die 4.609 Hektar landwirtschaftlich genutztes Land zerstört worden sind. Eine noch größere Katastrophe droht von dem bei Hodeida vor der Küste liegenden Öltanker »FSO Safer« auszugehen, auf dem sich 1,2 Millionen Barrel Rohöl befinden und der zum letzten Mal im Jahr 2015 gewartet worden ist. Bereits im Mai 2020 ist Wasser in den Maschinenraum des Schiffes gelangt, es könnte jederzeit sinken oder explodieren und ein ökologisches, ökonomisches und humanitäres Desaster verursachen, von dem etwa 1,6 Millionen Jemeniten direkt betroffen wären.

Deutliches Statement

Der Bericht von UN-OCHA geht auch auf die fatale wirtschaftliche Lage ein und setzt hier ein deutliches Statement: Zwar sei der Jemen bereits vor dem Krieg von Armut gebeutelt gewesen. Die aktuelle Krise sei aber dem Krieg geschuldet, dessen Lösung nur eine politische sein könne. Seit 2015 ist die Wirtschaftsleistung demnach um die Hälfte gesunken, mehr als 80 Prozent der Bevölkerung leben inzwischen unter der Armutsgrenze. Im Zuge der Covid-19-Pandemie seien die Überweisungen von Auslandsjemeniten um 80 Prozent zurückgegangen, womit für Millionen von Menschen der Lebensunterhalt weggebrochen sei. Hinzu kämen die atemberaubende Abwertung des jemenitischen Rial, die die Preise für Nahrungsmittel extrem in die Höhe getrieben hat, sowie die nur zu zehn bis 15 Prozent ausgeschöpften Kapazitäten bei Gas- und Erdölexporten, auf die das Land aber dringend angewiesen ist, bei gleichzeitig sinkenden Preisen auf dem Weltmarkt.

Experten gehen davon aus, dass sich auch im nächsten Jahr die Inflation verschärfen wird, Gehälter weiter sinken sowie die Preise für Nahrungsmittel steigen. Die Autoren des Berichts präsentieren auch hier einen Vorschlag, wie die fatalen Folgen für die jemenitische Bevölkerung und Wirtschaft zumindest abgefedert werden könnten: durch Aufhebung der seit Jahren durch die von Saudi-Arabien angeführte Kriegskoalition verhängten Vollblockade des Landes.

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