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Aus: Ausgabe vom 24.02.2021, Seite 11 / Feuilleton
Spießersystem

Endlich wieder schwarzfahren

Im Kampf gegen den Blockwart in mir
Von Pierre Deason-Tomory
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»Er guckte mich fragend an, dachte kurz nach und holte sich ein Ticket«

Zehn Wochen Lockdown. Ich werde langsam verrückt, muss mich mit Staatsbürgertum infiziert haben. Jedesmal, wenn ich im Supermarkt jemanden sehe, der die Maske nicht richtig trägt, kriege ich die Wut. Ich wüte nur innerlich, damit es keiner merkt, aber heftig. Ich rege mich nicht etwa auf, weil ich meine Gesundheit bedroht sehe, sondern weil sich der gelockdownte Blockwart in mir abreagieren will. Er sucht einen Anlass, seine schlechte Laune auszuspucken, sieht eine freie Nase und brüllt mir ins Ohr: Dos – öst – gögen die Rrrägeln!

Es kommt noch schlimmer. Letzte Woche bin ich in Nürnberg Bus gefahren und habe mich tatsächlich darüber gefreut, dass alle brav ihren weißen Stoffschnabel trugen. Typisch für die Preußen Bayerns. In meiner Jugend hat mich die notorische Korrektheit in Nürnberg wahnsinnig gemacht. Die Stadt war bevölkert von schlechtgelaunten Oberlippenbärten und Dauerwellen und so aufregend wie der Wiener Zentralfriedhof bei Nacht. Überall fuhren Polizisten herum und achteten darauf, dass keiner gegen das Gesetz verstößt. Mit 20 bin ich einmal verhaftet worden, weil ich bei Rot den Fußgängerüberweg überquert habe.

Ich suchte die Schwachstelle des Spießersystems, fand aber nichts und wurde behelfsweise Schwarzfahrer. Kämpfte 20 Jahre lang an der Fahrkartenfront und wurde oft erwischt. Jede größere Stadt hatte eine Akte Deason: Nürnberg, München, Berlin, Hamburg und Halle, bei der Deutschen Bahn kannten sie mich auch. Der Grund meines Treibens war mal Geldnot, mal Geiz, begründet habe ich es politisch.

Anfang des Jahrtausends fuhr ich in Halle in Tarnfarben gekleidet und mit rasiertem Schädel mit einem Bewohner des besetzten Hauses in einer Straßenbahn vom VL ins Zentrum. Ich erklärte ihm, wir bräuchten keine Fahrscheine zu ziehen, weil die Straßenbahn der Stadt, also uns gehören würde. Er guckte mich fragend an, dachte kurz nach und holte sich ein Ticket.

In Hamburg bin ich einmal frühmorgens, in Jackett und Mantel, in Klein Flottbek in die erste Klasse der S1 eingestiegen. Nebenan saßen zwei ältere Junkies und frühstückten Heroin. Ein Kontrolleur kam, ignorierte die beiden Kunden und fragte mich freundlich nach dem Fahrschein. Tut mir leid, ich habe keinen. Er lächelte. Natürlich haben Sie einen. Nein, wirklich nicht, ich fahre immer schwarz. Ungläubig kritzelte er auf seinem Block herum.

Einige Wochen später kam Post von der S-Bahn Hamburg, adressiert an »Herrn Deason«, ohne Vornamen: »Sehr geehrter Herr Deason, Ihr Sohn Pierre ist am … ohne gültigen Fahrausweis angetroffen …« Ich antwortete: »Sehr geehrte Damen und Herren, leider habe ich keinen Sohn namens Pierre, also kann dieser auch nicht …« Die schrieben zurück: »Sehr geehrter Herr PIERRE Deason. Wenn Sie keinen Sohn namens Pierre haben, ist die Angelegenheit natürlich gegenstandslos …«

Irgendwann habe ich damit angefangen, Fahrkarten zu kaufen. Weil ich mir eingestehen musste, dass ich meine Mitmenschen beklaue, wenn ich nicht bezahle, obwohl ich kann. In Nürnberg fahren sie derzeit alle schwarz. Die Fahrer dürfen keine Tickets verkaufen und kontrolliert wird auch nicht. Das ist nicht mehr das Nürnberg, das ich kenne, dachte ich bei mir am Mittwoch morgen an der Haltestelle Gleißhammer Bahnhof, als der 43er kam. Ich richtete mir die Maske, stieg hinten ein und fuhr mit. Ohne.

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