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Aus: Ausgabe vom 24.02.2021, Seite 8 / Ansichten

Profit vor Gesundheit

Die Pandemie und der Westen
Von Jörg Kronauer
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Neues Grab wird ausgehoben während der Coronakrise in Everett/Massachusetts (27.5.2020)

Nein, Gedenken allein reicht nicht. »Wahrlich düster, herzzerreißend« sei es, dass die Vereinigten Staaten die Schwelle von einer halben Million Coronatoten überschritten hätten: Mit gefühlvollen Worten stellte sich US-Präsident Joseph Biden, an die gewaltige, immer noch rapide steigende Zahl der Pandemieopfer erinnernd, der Öffentlichkeit. Doch so wichtig es ist, der Opfer zu gedenken: Wer über die Coronatoten spricht, sollte von den Ursachen des Massensterbens nicht schweigen. Und nein, damit ist keinesfalls allein das SARS-2-Virus gemeint. So katastrophal der Erreger bereits Ende 2019, Anfang 2020 zugeschlagen hat: Staaten wie China oder Vietnam, Südkorea oder Australien haben gezeigt, dass man seiner tödlichen Wirkung Grenzen setzen kann. Die bislang 500.000 Todesopfer in den USA sind nicht zuletzt besonderen sozioökonomischen Verhältnissen geschuldet, die sich als völlig unfähig erwiesen haben, der Pandemie Einhalt zu gebieten – und das beileibe nicht nur in Nordamerika.

Dort, aber auch in Westeuropa und anderswo galt von Anfang an, dass der Profit Vorrang vor dem Leben hat. Schutzmaßnahmen wurden Anfang 2020 viel zu spät eingeleitet und viel zu früh wieder aufgehoben, um das Gewinnstreben der Privatwirtschaft nicht zu stören. Aus demselben Grund wurde – und wird – die Fahrt zum Arbeitsplatz den meisten trotz Ansteckungsgefahr zugemutet. Die nicht zu vermeidenden Einschränkungen werden soweit wie möglich auf den persönlichen Alltag konzentriert. Kommt dann noch eine geballte Ladung an Ignoranz oder Inkompetenz hinzu, dann schnellen die Opferzahlen schwindelerregend in die Höhe, und das nicht nur in den USA oder in Brasilien, das inzwischen eine Viertelmillion Coronatote verzeichnet, sondern auch in der EU, die die Schwelle von einer halben Million der an oder mit dem Virus Gestorbenen schon ein paar Tage vor den USA überschritten hat. Nebenbei: Ihrerseits eine Gedenkveranstaltung mit einem Auftritt ihrer Kommissionspräsidentin abzuhalten – das war »den Europäern« das Massensterben auf dem eigenen Kontinent wohl nicht wert.

Mörderisch ist das Profitstreben des Westens auch im Weltmaßstab. Während China schon im März 2020 zahlreiche Länder mit Hilfslieferungen im Kampf gegen die Pandemie unterstützte und etwa Kuba anderen mit der Entsendung seiner Ärztebrigaden beistand, verweigern die Mächte Nordamerikas und Westeuropas bis heute die dringend nötige Freigabe der Impfstoffpatente, kaufen die verfügbaren Vakzine vom Markt – und setzen missliebige Länder mit brutalen Sanktionen unter Druck: Venezuela, Syrien oder Iran, ohnehin hart von der Pandemie getroffen, wird mit neuen wirtschaftlichen Zwangsmaßnahmen zugesetzt. Die Coronatoten in diesen und anderen Ländern, an sie erinnerte Biden in seiner emotionsgeladenen Ansprache natürlich nicht.

Wer hat Angst vor wem?

Diejenigen, die sich nicht scheuen, gegen Faschismus, Rassismus, Krieg und Ausbeutung einzutreten? Die dafür mit Verfolgung und Repression rechnen müssen? Oder diejenigen, die Verfassung und die herrschenden Verhältnisse »schützen«?

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