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Aus: Ausgabe vom 24.02.2021, Seite 5 / Inland
Unternehmenspolitik

Sparlampe Osram

Hauptversammlung: Konzern hat seit Börsengang 2013 Belegschaft halbiert – Übernahme durch Sensorenhersteller AMS. IG Metall befürchtet weitere Stellenstreichungen
Von Oliver Rast
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Ausgeglüht: Produzenten des Verpackungsinhalts sind immer weniger gefragt

Es klingt wie eine Wandparole auf einem stillen Örtchen: »Für seine Aktionäre war, ist und bleibt Osram ein großer Erfolg«, sagte Kathrin Dahnke, Finanzvorstand der Osram Licht AG, auf der Onlinehauptversammlung des Unternehmens mit Sitz in München am Dienstag. Das Osram-Management habe auf die weltweite Coronapandemie »mit früh eingeleiteten und effizienten Krisenmaßnahmen reagiert«, teilte das Unternehmen auf jW-Anfrage mit. Nicht nur das: Die Umsätze im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres mit 840 Millionen Euro blieben auf Vorjahresniveau, Rekordmargen erzielte Osram im Halbleitergeschäft. »Wir erwarten insgesamt ein Umsatzwachstum zwischen zehn und 14 Prozent«, frohlockte Vorstandschef Olaf Berlien bei seiner Rede. Fürwahr, der frühere Berliner Glühlampenhersteller gilt als Krisengewinner. Unerwähnt indes blieb, dass Osram nach dem Börsengang im Juli 2013 seine Belegschaft nahezu halbiert hat – von fast 40.000 auf aktuell etwa 21.000 Beschäftigte. Ein Endpunkt ist nicht in Sicht.

Und auch sonst gibt es Bewegung. Seit Juli 2020 gehört die ehemalige Siemens-Tochter zum österreichischen Sensorspezialisten AMS. Dieser hält nach mehreren Anläufen 69 Prozent der Anteile am Münchener Lichttechnikkonzern. Die EU-Kommission hatte die Übernahme ohne Auflagen gebilligt. Folgenlos bleibt das nicht: So endete mit der Hauptversammlung am Dienstag die Amtszeit von Vorstandsboss Berlien. Er hatte bereits vor einigen Monaten angekündigt, seinen bis Ende 2022 laufenden Kontrakt nicht zu erfüllen. Osram wird künftig direkt aus der AMS-Zentrale im steiermärkischen Premstätten geführt. AMS-Finanzchef Ingo Bank übernimmt gewissermaßen als Zweitjob das Ruder.

Vormalige Hindernisse scheinen aus dem Weg geräumt. Der Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag könne kurzfristig im Handelsregister eingetragen werden, teilten die Österreicher gleichentags auf ihrer Homepage mit. Das Prozedere hatte sich verzögert, mehrere Osram-Aktionäre hatten offenbar erfolglos gegen das Übernahmeangebot geklagt. AMS will sich mit dem Vertrag Zugriff auf die Finanzmittel von Osram verschaffen – auch um die Schulden für die mehr als vier Milliarden Euro schwere Übernahme zu tilgen. Nach Brancheninformationen soll AMS den Osram-Aufkauf »zu einem sehr großen Teil fremdfinanziert« haben, berichtete am Dienstag das Handelsblatt.

Eine Geschäftspraxis, die auf Kosten der Beschäftigten gehen dürfte. Jürgen Kerner, geschäftsführendes Vorstandmitglied der IG Metall und für Branchenpolitik zuständig, sah schon im vergangenen Sommer Anzeichen, »dass AMS Osram zerschlagen und massiven Personalabbau zur Erzielung von Synergien« betreiben könnte. »Das ist für uns nicht akzeptabel«, so Kerner weiter. Der Metaller monierte die Übernahmepläne insgesamt: »Hier wird mit der Überlebensfähigkeit von zwei Unternehmen und den damit verbundenen Arbeitsplätzen verantwortungslos gezockt.«

Die Befürchtungen scheinen berechtigt. Mehrheitseigner AMS hatte früh deutlich gemacht, dass er an der Osramschen Digitalsparte »kein strategisches Interesse« habe, diese abstoßen wolle. Eine diesbezügliche jW-Anfrage ließ AMS bis Redaktionsschluss unbeantwortet.
Osram ging im Vorfeld der Hauptversammlung längst in eine Art Vorleistung. Ende 2020 machte die Geschäftsführung das Osram-Werk im oberbayerischen Eichstätt dicht und verlagerte die Kinolampenproduktion nach Berlin. Rund 130 Eichstätter Beschäftigte wurden ihre Jobs los. Zuvor wickelte das Unternehmen sein Joint Venture für »modernes Autolicht« mit dem Industriezulieferer Continental ab. Eva Lettenbauer, Sprecherin für Arbeitsmarktpolitik, Frauen und Jugend der bayerischen Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, zeigte sich am Dienstag gegenüber jW besorgt: »Ich fordere von AMS ein klares Bekenntnis zum Erhalt der verbliebenen drei Standorte in Bayern – einschließlich einer Beschäftigungsgarantie.«
Einen Bonbon hatte Finanzvorstand Dahnke hingegen noch für die Aktionäre: Das Segment Vorschaltgeräte und Elektronik soll einen neuen Eigentümer bekommen, sagte sie; so heißt das, wenn Unternehmenszweige samt Belegschaft lästig geworden sind. Wichtig ist der Vorstandsfrau vor allem folgender Wandkalenderspruch: »Osram geht als kerngesundes Unternehmen in die gemeinsame Zukunft mit AMS.«

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