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Aus: Ausgabe vom 23.02.2021, Seite 10 / Feuilleton
Pop

Pop sagen, Pop meinen

Nicht mehr so kratzbürstig: Das neue Album der Londoner Band Goat Girl
Von René Hamann
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Mehr Elektronik, mehr Glamour, mehr Quietschbunt: Goat Girl

Was macht eigentlich Wolfgang Doebeling? Der halblegendäre Musikjournalist und Radio-DJ musste Ende des Jahres seine so beliebte wie gefürchtete Sendung »Roots« auf Radio eins/RBB abgeben. Hat er eine Bleibe für seinen stets etwas abseitigen Country gefunden, für seinen Rock, der immer eher Stones war als Beatles, für all das Seltsame, das sonst niemand spielte? Vielleicht traut er sich ins Netz, vielleicht ist er schon bei der Konkurrenz (Flux FM?) untergekommen, wir wissen es nicht. Und wünschen ihm nur das Beste.

Denn wir haben ihm schon etwas zu verdanken – zum Beispiel, dass diese Band, Goat Girl aus London, hierzulande erste Aufmerksamkeit erfuhr, und zwar noch vor Veröffentlichung ihrer ersten Platte. Goat Girl, das sind vier junge Frauen mit der Attitüde Kaugummi ausspuckender Gören, die einen recht rauen Indierock mit Kuhglockenpunk zusammenbrachten, was Doebeling spannend fand.

»Goat Girl«, das Debüt von 2018, hatte bereits elektronische Elemente, war aber in der Hauptsache kratzbürstig und hookversessen. Die tiefe Stimme von Lottie Cream schnorrt sich lässig durch die von Gitarristin L. E. D. geprägten Gitarrentracks, hier und da gibt es Chöre, oder zumindest zweistimmigen Gesang. Die Texte sind politisch, alltagspolitisch, übergeordnet politisch. Toxische Männlichkeit im »Brexit«, das Rock-’n’-Roll-Leben, wie es mal war, so was.

Auf dem zweiten Album »On All Fours« ist das alles im wesentlichen immer noch so. Allerdings geht es musikalisch und soundtechnisch in eine poppigere Richtung. Ein bisschen wie bei The Big Moon, einer anderen Londoner Frauenband mit Indie-Appeal, die ähnliche Schritte unternahm, haben sich Goat Girl unter der Regie von Dan Carey für noch mehr Elektronik und noch mehr Schmiss entschieden.

So klingt »Anxiety Feels« (»diese Pillen machen mir Angst, ich will das nicht mehr«) fast schon groovy, »Jazz (In the Supermarket)« krautrockig und »Never Stays the Same« nach den Pretenders, die merkwürdigerweise immer mal als Referenz der Band auftauchen. »P. T. S. Tea« und die Single »Sad Cowboy« (mit Eurotrash-Solo) könnten Tanzflächenfüller in der Indiedisko werden, wenn es Indiediskos noch gäbe.

Das Böse oder Traurige versteckt sich hinterm Glamour, der Pop sagt und das auch entschieden so meint, was auch immer dieses kleine Wort im Jahre 2021 noch bedeuten soll. Wolfgang Doebeling wird vermutlich mit einem lachenden und einem tränenden Auge zuhören: Der Countryeinfluss, der Kuhglockenpunk sind nicht mehr so da, dafür dürfte er sich mit – oder besser: für – Goat Girl über mehr Airplay und größere Reichweite freuen. Was man ganz früher einmal Ausverkauf nannte. Und heute vielleicht Überlebenszeichen.

Goat Girl: »On All Fours« (Rough Trade/Beggars Group/Indigo)

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