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Aus: Ausgabe vom 23.02.2021, Seite 2 / Inland
Bahnhofswald Flensburg

»Ich habe so etwas noch nicht erlebt«

Investoren lassen im Flensburger Bahnhofswald Bäume ansägen. Stadt reagiert mit Räumung. Ein Gespräch mit Hanna Poddig
Interview: Kristian Stemmler
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Aktivisten fordern, den Bahnhofswald zu schonen (Flensburg, 19.2.2021)

Sie gehören zu den Menschen, die fast fünf Monate den Bahnhofswald in Flensburg besetzt gehalten haben, um eine Rodung für den Neubau eines Hotels und eines Parkhauses zu verhindern. Am Wochenende hat die Polizei die Besetzung beendet. Wie ist die momentane Lage?

Aktuell ist es so, dass noch ein Teil der Baumhäuser steht, im hinteren Teil des Geländes, wo das Parkhaus gebaut werden soll. Wo das Hotel errichtet werden soll, werden die Fällungen der bis zu 150 Jahre alten Bäume vorangetrieben. Am Montag vormittag gab es den Versuch, den um das Gelände errichteten Zaun zu überwinden, die Leute sind aber nicht auf die Bäume gekommen. Überall in der Stadt gibt es Protestdynamik. Am Montag morgen gab es eine Kletteraktion mitten in Flensburg, die eine der wichtigsten Kreuzungen für etwa drei Stunden teilweise blockiert hat. Am Sonntag abend gab es einen Brandanschlag auf ein Fahrzeug der Firma von Jan Duschkewitz, einem der beiden Investoren.

Am Freitag hatten die Investoren mit einer offenbar illegalen Aktion die Eskalation eingeleitet. Wie lief die ab?

Am frühen Freitag morgen tauchten Baumfäller und Sicherheitsleute überfallartig am Wald auf. Vermutlich, weil die Investoren es angesichts des bevorstehenden Endes der Rodungssaison am 28. Februar eilig haben. Wir gehen davon aus, dass die Polizei von dieser Aktion überrascht wurde. Die Baumfäller haben nicht etwa professionell Bäume gefällt, sondern in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Bäume so beschädigt, dass sie gefällt werden müssen. Die sind durch den Streifen des besetzten Gebietes gehastet, wo das Hotel hin soll, und haben alle Bäume angesägt. Dabei interessierte es sie nicht, ob oben Baumhäuser drauf waren oder sich dort Menschen aufgehalten haben.

Die Polizei kam dann dazu.

Im Laufe des Vormittags erschien die Polizei und forderte per Megaphon dazu auf, die Fällarbeiten sofort zu stoppen. Die Baumfäller haben das einfach ignoriert. Ich habe ja schon viele Besetzungen und Räumungen mitgemacht, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt. Dass ein mit Sturmhauben vermummtes Kettensägenkommando ankommt, Bäume ansägt und nicht aufhört, obwohl die Polizei direkt neben ihnen steht und sie dazu auffordert – das war für mich bisher unvorstellbar.

Sie sagen, es sind Menschen gefährdet worden.

Am gefährlichsten war, dass ein Baum angesägt wurde, und zwar fünf Zentimeter tief rundherum, auf dem ein Baumhaus drauf war, in dem sich eine Person aufhielt. Aktivisten, die versucht haben, das zu verhindern, sind richtig brutal von den Sicherheitsleuten attackiert worden. Die Polizei hat sich später geweigert, von den Securitys auch nur Personalien aufzunehmen.

Flensburgs Oberbürgermeisterin Simone Lange, SPD, hatte die Aktion vom Freitag noch als »unverantwortlich« bezeichnet, nutzt die Lage aber zur Räumung des Waldes. Wie bewerten Sie das?

Im Grunde belohnt Simone Lange die Investoren dafür, dass sie uns fast umgebracht haben. Dass sie auf der einen Seite sagt, es wäre jetzt alles Vertrauen in die Investoren dahin – das hat sie mir persönlich gesagt – und dennoch Amtshilfe leistet und die Räumung vorantreibt, das ist verlogen. Genauso wie der Vorwand für den Einsatz. Bei der Räumung des Hambacher Forstes war es der Brandschutz, hier ist es die angespannte Coronalage in Flensburg, wo die Infektionzahlen durch die Virusmutanten hoch sind. Früher hat Lange noch erklärt, es dürfe wegen Corona nicht geräumt werden, jetzt sagt sie das Gegenteil.

Der große Polizeieinsatz ist mit Blick auf die Infektionslage ja auch nicht ganz risikofrei.

Genau. Und dann wusste Lange auch genau, dass wir uns auf die Coronalage längst eingestellt hatten, indem wir zum Beispiel in Minimalbesetzung im Wald waren und die Baumhausbesatzungen nicht durchgetauscht haben. Aber es wird weitere Protestaktionen geben, weil der Wald vielen in Flensburg am Herzen liegt. Wir haben richtig viel Rückhalt in der Stadt. Und ehrlich gesagt, kann ich angesichts der unfassbaren Aktion am Freitag, bei der Leben gefährdet wurden, auch nachvollziehen, dass Leute auf die Idee kommen, ein Fahrzeug der Investoren anzuzünden.

Hanna Poddig ist Umweltaktivistin und Autorin

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