Gegründet 1947 Montag, 12. April 2021, Nr. 84
Die junge Welt wird von 2500 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 26.02.2021, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Einfach losstiefeln

Die Compilation »Start Walkin’ 1965–1976« konzentriert sich auf die erfolgreichsten Jahre der Sängerin Nancy Sinatra
Von Christina Mohr
11.jpg
Augenzwinkernde Kombi: Nancy Sinatra und Lee Hazlewood (1967)

Allein aus den Coverversionen ließen sich lange Spotify-Listen erstellen: Unzählige Künstlerinnen und Künstler versuchten sich schon an »Sand«, »Summer Wine« und »Some Velvet Morning«, und doch gelingt es nur selten, den Originalen gerecht zu werden oder ihnen einen anderen Twist zu verleihen. Zu prägnant und einzigartig sind die Duette von Nancy Sinatra und Lee Hazlewood, diese augenzwinkernde Kombi aus Hazlewoods tief brummendem Bariton mit schlüpfrigem Unterton und der sich mal unschuldig, mal raffiniert inszenierenden Sinatra, deren Gesangsstil Spuren bei Nachfolgerinnen von Debbie Harry bis Lana Del Rey hinterließ. Klar ist auch: Lyrics wie »I’m gonna open up your gate« oder Nancys Gekicher als Reaktion auf ­Hazlewoods brünstiges »You’re too much of a ladybird« wirken heute ob ihrer angestaubten Frivolität so rührend wie outdated, wie ein Stapel alter Playboy-Hefte.

Eine aktuelle Deluxecompilation – alle Songs wurden remastert, die CD steckt in einem Hardcoverbuch, das Doppel-LP-Vinylset mit Booklet wird in einem Klappumschlag präsentiert – konzentriert sich auf die erfolgreichsten Jahre Nancy Sinatras als Sängerin: »Start Walkin’« zitiert im Titel den Befehl zur Selbstermächtigung aus ihrem größten Hit »These Boots Are Made For Walkin’« aus dem Jahr 1966, den der damals zwar namhafte und solvente Produzent, als Singer-/Songwriter jedoch noch nicht nennenswert erfolgreiche Lee Hazlewood ursprünglich für sich geschrieben hatte. Sinatra konnte Hazlewood überzeugen, den Song nicht selbst zu singen, sondern ihr zu überlassen: »One day these boots are ­gonna walk all over you« klänge aus dem Mund einer Frau sexy, von einem Mann dagegen nur erbärmlich, befand Sinatra. Diese Äußerung widerspricht dem Image als formbarem Püppchen, dessen künstlerischer Werdegang scheinbar von zwei Männern – ihrem Vater und Hazlewood – dominiert wurde.

Und deren Karriere – großer Name hin, populäre Sidekicks her – schon in den mittleren 70ern ausfadete. In einem Interview mit einer britischen Zeitschrift bekannte die im vergangenen Sommer 80 Jahre alt gewordene Sinatra, dass sie schlicht zu schüchtern für das ganz große Showbusiness gewesen sei, man hätte sie zu allem überreden müssen. Heute bereue sie es, viele Angebote nicht wahrgenommen zu haben. Vielleicht war sie aber auch einfach klug genug, um zu ahnen, dass es besser sein könnte, mit einem überschaubaren, aber unverwechselbaren Song- und Filmœuvre abzutreten, anstatt sich in immer neuen Inkarnationen veränderten Zeiten anpassen zu müssen.

2004 ließ sie sich allerdings überreden, wieder sang sie Lieder, die berühmte Männer für sie geschrieben hatten: Von Morrissey über Jon ­Spencer, Jarvis Cocker bis Bono reicht die Komponistenliste des Albums »Nancy Sinatra«, das eine hübsche Huldigung ohne nachhaltige Wirkung blieb. Wesentlich nachhaltiger sind dagegen die Stücke, die Sinatra im Zeitraum 1965–1976 aufnahm, und zwar nicht nur die Duette mit Hazlewood: Die Compilation »Start Walkin’« eröffnet mit »Bang Bang«, ebenfalls ein Song, den ein Mann (Sonny Bono) für eine Frau (Cherilyn Sarkisian) geschrieben hatte. Sonny & Cher standen in direkter Konkurrenz zu Nancy & Lee, dass beide Versionen quasi zeitgleich erscheinen konnten, war wohl auch nur in den Sixties möglich. Nancy Sinatra arbeitete in jenen Jahren mit verschiedenen Songschreibern wie Mac Davis (»Hello L. A., Bye Bye Birmingham«) und Lenny Waronker (»Hook and ­Ladder«) zusammen, Geniestreiche wie »Jackson« gelangen aber vor allem in der komplizenhaften Kollaboration mit Lee Hazlewood. Selbst wenn sie nicht gemeinsam sangen: Der James-Bond-Titelsong »You Only Live Twice« ist nicht in der pompösen Originalversion zu hören, sondern in einer von Lee Hazlewood für den US-amerikanischen Markt umarrangierten Produktion, die leichter und luftiger wirkt.

Natürlich dürfen Klassiker wie das optimistische »Sugar Town« und »Happy« nicht fehlen, die Compilation birgt aber auch Unbekannteres wie das deutlich an »California Dreaming« angelehnte »How Are Things in California?« von 1971 oder »Machine Gun Kelly«, das bislang nur auf Samplern, nie als Single veröffentlicht wurde. Dramatische Geschichten entfalten sich in »Arkansas Coal« und »Down From Dover«, geschrieben von Dolly Parton, das 1970 gewiss keinen Platz im Radioairplay bekam, aber zu den eindrucksvollsten Stücken des Albums gehört: keine Spur von frivolem Gekicher, hier fließen am Schluss (echte?) Tränen der Trauer.

Trotz ihrer Unsicherheit glaube sie an Bestimmung, wurde Sinatra unlängst zitiert, ihre Aufgabe sei es offenbar, etwas für die Frauen zu tun. Ob ihr das gelungen ist, bleibt zu diskutieren – aber manchmal ist es tatsächlich die beste Lösung, einfach loszustiefeln.

Nancy Sinatra: »Start Walkin’ 1965–1976« (Light in the Attic/Cargo)

Wer fürchtet sich eigentlich vor wem?

Polizei vor Kiezkneipen- oder Waldschützern, Instagram vor linken Bloggern, Geheimdienste vor Antifaschisten? Oder eher andersherum? Die Tageszeitung junge Welt entlarvt jeden Tag die herrschenden Verhältnisse, benennt Profiteure und Unterlegene, macht Ursachen und Zusammenhänge verständlich.

Unverbindlich und kostenlos lässt sich die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) probelesen. Abbestellen nicht nötig, das Probeabo endet automatisch.

Mehr aus: Feuilleton