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Aus: Ausgabe vom 22.02.2021, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

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Kämpfer für den Frieden

Zu jW vom 20.21.2.: »›Bewegt euch!‹«

»Jüngste Studien belegen, dass in Deutschland etwa eine Million psychisch kranke und verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche lebt. Die Tendenz ist steigend. Die Sportorganisationen dürfen im neuen Jahrtausend nicht zur Reparaturwerkstatt für gesellschaftliche Fehlentscheidungen werden …« Das waren die Worte einer Rede im Bundestag am 30. September 1999 aus dem Munde eines drahtigen Sportsmannes. Selbst vorgelebt, immer vorbildhaft für seine Mitmenschen, mit über 80 noch die Ernährung umstellend, bescheiden in seinem Wesen, anerkannt dafür und verehrt. Wie ein Olympiasieger, der er nie war. Doch bekannt wie ein bunter Hund. Neunmal DDR-Sportler des Jahres, zweimaliger Amateurweltmeister und Vizeweltmeister im Straßenrennsport, Bronze- und Silbermedaillengewinner im Mannschaftsfahren bei Olympia, mehrfacher DDR-Straßenmeister, DDR-Crossmeister, DDR-Mannschaftsmeister, mehrfacher Friedensfahrt- und DDR-Rundfahrtsieger. Alles erkämpft durch hartes Ringen mit sich. »Man muss sich selbst auch mal so richtig schinden können«, war sein Credo. Bis hin zum Rennsteiglauf über mehr als 70 Kilometer in den 70ern oder zum Erklimmen des Col du Galibier noch 79jährig. Schließlich geprägt durch die Lebenserfahrung, beginnend mit einem der schrecklichsten Kriege der Welt bis hin zu den ersten Friedensfahrten, hatte er die unabdingbare Gewissheit darüber, dass sein wichtigster Lebensinhalt und sein Lebensziel heißen würden: nie wieder Krieg! Leider fand die große Fahrt für den Frieden, organisatorisch bedingt, 2006 zum letzten Mal statt. Sowohl gesellschaftlich bedingte Niederlagen wie auch persönliche können ihm den Optimismus und sein helles Lachen nicht nehmen. Eben eine Kämpfernatur! Am 23. Februar 2021 wird er 90! Täve!

Inge Kaule, Kuratorium Friedensfahrt »Course de la Paix«

Dümmster wird König

Zu jW vom 19.2.: »Kopfschmerzen wegen ›Sputnik V‹«

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass diese Gesellschaft unfähig ist, mit Krisen umzugehen, dann liefert ihn Corona. Wirksame Maßnahmen werden elegant vom Tisch gewischt. Hinweise auf Länder, in denen die Krisenmanagements Früchte tragen, werden mit Hohn, Spott oder Affektiertheit zur Seite geschoben. Welch Demütigung, dass ausgerechnet Russland einen effizienten Impfstoff entwickelt hat! Man spricht vom strengen Lockdown. Welcher Lockdown denn? Während Kleinbetriebe, Bildungseinrichtungen, Kulturzentren trotz strenger Hygienemaßnahmen geschlossen bleiben müssen, läuft für die Automobilindustrie alles wie bisher. Das Leben der »Upperclass« hat sich dahingehend geändert, dass ihre Beinfreiheit im First-Class-Flieger, mit dem sie durch ihr von der »Underclass« gesponsertes Leben jettet, nochmals zugenommen hat. Was die technologischen Lobpreisungen der Vergangenheit wert sind, zeigt sich an der Unfähigkeit, auch nach einem Jahr Corona die grundlegendsten organisatorischen Dinge in den Griff zu bekommen. Lösungen? Ganz einfach: alle Bereiche der öffentlichen Daseinsvorsorge vergesellschaften! Dazu gehört auch der Bereich Forschung. Umsetzung? Nicht möglich, weil die gesellschaftlichen Voraussetzungen fehlen. Auch die Frage, ob es Sinn macht, einen Bankkaufmann als Gesundheitsminister zu beschäftigen, ist obsolet. An dem alten Grundsatz, dass die Fürsten stets den Dümmsten zum König krönen, hat sich nichts geändert.

Detlev Schulz, Gaggenau

Kein Schoßhündchen

Zu jW vom 18.2.: Leserbrief »Keine Spaltung«

Die Selbstverliebtheit einiger in meiner Partei feiert sich gerne selbst. Leider waren wir hier in Brandenburg nur für unzählige Skandale gut. Die Fixierung auf eine mögliche Beteiligung an einer Bundesregierung ist bei manchen schon leider krankhaft. Die Durchsetzungskraft sinkt bei uns leider gerade auf Bundesebene. Wer Testballons in Sachen NATO streut, zerstört nur den Markenkern der Partei als einziger Friedenspartei. Wer um des Pöstchens Willen neoliberalen Wahnsinn durch die Hintertür goutiert, braucht sich nicht zu wundern, wenn der Stammwähler uns abstraft. Wer Kritik nicht ertragen kann, gehört schlichtweg nicht in die Politik. Das DDR-Bashing selbst in meiner Partei ist ein Einknicken vor dem politischen Gegner. Ich stamme übrigens nicht aus einem SED-Haushalt, sondern aus einem DDR-Gewerbetreibenden-Haushalt. Ich war Vorstandsmitglied der DDR-Blockpartei NDPD. Die BRD hängt mir zum Halse raus. Die PDS hat dem kranken Kapitalismus wenigstens noch Angst gemacht. Ich habe keine Lust darauf, dass meine Partei zum Schoßhündchen des Kapitals mutiert, nur damit einige bei uns Bundesminister spielen können.

Christian Dirk Ludwig, Mitglied Die Linke, Berliner Sozialrichter a. D., Hohen Neuendorf

Mehr roter Pfeffer

Zu jW vom 19.2.: »Klarheit statt Vernebelung«

(…) Beim Studium der beinahe 140 Seiten des Wahlprogramms der Partei Die Linke habe ich an keiner Stelle vom Ziel des demokratischen Sozialismus gelesen. (…) Bedenklich erscheint mir auch das Fehlen jeglicher Aussage zum Eigentum an Produktionsmitteln. Die Eigentumsfrage ist eine der zentralen Fragen in jeder linken Partei. Zu dieser Frage muss im Wahlprogramm Stellung bezogen werden. (…) Insgesamt erscheint mir der Programmentwurf zu umfangreich und nicht klar genug formuliert für eine linke Partei. Wer soll nach getaner Arbeit 140 Seiten studieren? Auch halte ich es nicht für richtig, alle denkbaren interessanten Themen vollständig und lückenlos in einem Wahlprogramm abzuhandeln. Angebracht wäre eine durchdachte, kürzere Schwerpunktbildung. Es geht letztlich nicht darum, möglichst keinen Bürger mit linken Formulierungen zu erschrecken oder jedem etwas anzubieten, sondern um klare linke Positionen, um einen unverwechselbaren Programmentwurf! Es sollte sich um ein Kampfprogramm handeln und keine verdeckte Anbiederung an mögliche Koalitionspartner. Für eine eventuell angedachte Überarbeitung wünsche ich mir mehr Biss. Insgesamt muss an den Programmentwurf noch mehr roter Pfeffer.

Dr. Stephan Müller, Jahnsdorf

Es geht um klare linke Positionen! Es sollte sich um ein Kampfprogramm handeln und nicht um eine Anbiederung an mögliche Koalitionspartner!

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