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Aus: Ausgabe vom 22.02.2021, Seite 8 / Inland
Krise in der katholischen Kirche

»Wir sind äußerst verwundert über diese Entscheidung«

Vatikan hält auch aus politischen Gründen am Kölner Erzbischof Woelki fest. Ein Gespräch mit Christian Weisner
Interview: Kristian Stemmler
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Angespannt: Kardinal Rainer Maria Woelki, Erzbischof von Köln, bei der ökumenischen Andacht zum Beginn der Passionszeit (Düsseldorf, 20.2.2021)

Fast täglich gibt es neue Schlagzeilen über die Vorgänge um den Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki. Worum geht es im Kern dabei?

Woelki wird vor allem vorgeworfen, dass er den Pfarrer Johannes O. gedeckt hat, der Ende der 1970er Jahre einen Jungen im Kindergartenalter missbraucht haben soll. Nachdem Woelki 2014 Erzbischof von Köln geworden war, entschied er sich, weiter nichts zu unternehmen und den Fall auch nicht nach Rom zu melden. Dazu muss man wissen, dass Woelki junger Kaplan bei diesem Pfarrer O. war, dass dieser so etwas wie ein Mentor und väterlicher Freund für ihn gewesen ist.

Was hat es mit dem Gutachten auf sich, das Woelki unter Verschluss hält?

Er hat ein Gutachten über den Umgang des Erzbistums mit sexueller Gewalt an Kindern bei der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl in Auftrag gegeben. Aber das hält Woelki seit Wochen mit dem Hinweis auf angebliche Mängel des Gutachtens zurück, was viele sehr empört.

Ihre Bewegung weist darauf hin, dass die Ursachen dieser Affäre tiefer liegen und kritisiert das zögerliche Herangehen der Kirche an das Thema sexueller Missbrauch.

Um das zu erklären, muss ich etwas weiter ausholen: Schon vor gut 25 Jahren, 1995, gab es eine große Affäre um dieses Thema. Es ging um Missbrauchsvorwürfe gegen den damaligen Erzbischof von Wien, Kardinal Hans Herrmann Groër. Das war der Ausgangspunkt für die Entstehung der Kirchenvolksbewegung »Wir sind Kirche« in Österreich, später in Deutschland und weltweit. Doch trotz weiterer Missbrauchsskandale im In- und Ausland hat sich lange kaum etwas bewegt. Erst nach Veröffentlichung der sogenannten MHG-Studie wurde im Dezember 2019 in Deutschland ein auf mehrere Jahre angelegter Reformprozess, der »Synodale Weg« gestartet, um die tieferen Ursachen von Missbrauch in der Kirche zu analysieren.

Und Woelki gehört zu den konservativen Bischöfen, die diesen »Synodalen Weg« ausbremsen wollen?

Das muss man so sagen. Der Beschluss des »Synodalen Wegs« 2019 war zwar einstimmig. Hinterher ist aber herausgekommen, dass es vier Enthaltungen gab. Eine davon kam sicher von Woelki. Er gehört zu den Bischöfen, die aktiv gegen diesen Reformprozess arbeiten.

Für Erstaunen und Protest hat vor kurzem die Entscheidung des Vatikans gesorgt, keine kirchenrechtlichen Schritte gegen Woelki einzuleiten, weil er die Missbrauchsvorwürfe gegen O. nicht nach Rom hätte melden müssen. Wie sehen Sie das?

Wir sind äußerst verwundert über diese Entscheidung des Vatikans. Ich kenne vier renommierte Kirchenrechtler, die bestätigen, dass die römischen Rechtsnormen für solche Fälle eigentlich klar sind. Unabhängig vom Ergebnis einer Voruntersuchung in Köln hätte Woelki den Missbrauchsverdacht gegen den mit ihm befreundeten Priester O. im Jahr 2015 nach Rom melden müssen. Diese Rechtsnormen zum Umgang mit sexuellem Missbrauch hatte bereits Papst Benedikt XVI. im Jahr 2010 festgelegt. Und Papst Franziskus hatte deren Verletzung zuletzt mit scharfen Sanktionen belegt.

Es wird spekuliert, dass der Vatikan aus politischen Gründen am Kardinal festhält.

Ja. Manche vermuten, dass der Woelki für den Vatikan ein so wichtiger Bremsklotz für den »Synodalen Weg« ist, dass man ihn nicht aufgeben will.

Aber es heißt auch, die Mehrheit der Bischöfe sei entsetzt über das Verhalten des Vatikans. Stimmt das?

Ja. Der Vertrauensschaden, den das Agieren von Woelki und jetzt auch das Nichthandeln des Vatikans innerhalb wie außerhalb der Kirche ausgelöst hat, ist immens. Die Zahl der Austritte wird im Erzbistum derzeit nur dadurch begrenzt, dass die Kapazitäten des zuständigen Gerichts erschöpft sind. Und in Köln ist immer auch noch viel Unmut über seinen Vorgänger Kardinal Joachim Meisner im Spiel. Der hatte immer wieder gegen die Bischofskonferenz agiert, indem er seinen direkten Draht nach Rom ausspielte. Es gab die Hoffnung, dass Woelki sich von Meisner emanzipiert hätte, aber im Grunde ist sein Stil noch unsäglicher.

Christian Weisner ist Sprecher der Kirchenvolksbewegung »Wir sind Kirche«

Debatte

  • Beitrag von Rudi E. aus L. (21. Februar 2021 um 20:00 Uhr)
    Missbrauch in der katholischen Kirche – ja leider auch in der evangelischen – ist mittlerweile ein Dauerthema geworden, erstreckt sich über viele Jahre, ohne dass überhaupt ein Ansatz von Lösungen und Gegenmaßnahmen erkennbar ist. Grundsätzlich hat der katholische Klerus versucht, sich dieser widerwärtigen Thematik stets mit Ignoranz und Arroganz zu entziehen. Wurde der öffentliche Druck zu groß, versuchten die Diener Gottes, halbherzige Lösungsansätze vorzustellen, die nicht das Papier wert waren, auf dem sie standen.

    Katholische Priester, die sich an Kindern sexuell vergehen, ohne dass ihre verantwortliche Diözese gegen sie vorgeht, sind in meinen Augen übelster Abschaum, die, wäre dies in früheren Jahrhunderten passiert, von einem Großinquisitor Torquemada Höllenqualen übereignet worden wären. In unserer allzu modernen Zeit der Aufklärung und Toleranz scheint der Klerus in der Aufarbeitung dieser Verbrechen eher Milde walten zu lassen, als sich damit öffentlich auseinandersetzen zu müssen. Die einzige Strafe der verfehlten Diener Gottes besteht darin, die Täter aus der Schusslinie zu bringen, sie einer anderen Kirchengemeinde zuzumuten, wo sie sich erneut an ihren Zöglingen vergreifen.

    Das verkniffene, verschlagene (man verzeihe mir den Ausdruck) und unaufrichtige Gesicht eines Erzbischofs Woelki ist für mich das beredte Beispiel für einen Klerikers, der nicht bereit ist, die Verantwortung zu übernehmen, die man von ihm erwartet.

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