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Aus: Ausgabe vom 22.02.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Finanzhaie

Deckmantel der Spekulanten

Private-Equity-Branche auf der Jagd nach Firmenübernahmen. Neue SPAC-Gesellschaften sammeln Kapital an Börsen ein
Von Simon Zeise
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Firmenfilets als Beute: Im Börsenrausch jagen die Finanzhaie unerbittlich

Finanzhaie sind gegen Pandemien immun: »Private-Equity-Markt überwindet Coronaschock«, jubelte die Unternehmensberatung Ernst and Young zum Jahreswechsel. Die Geschäfte liefen 2020 glänzend. Rund 34,6 Milliarden Euro investierten die Spekulanten im vergangenen Jahr – eine Steigerung von 2,4 Milliarden. Der Verkauf der Aufzugsparte von Thyssen-Krupp an das Konsortium aus den Private-Equity-Gesellschaften (PE) Cinven und Advent sowie der RAG-Stiftung für 17,2 Milliarden Euro war das teuerste Firmenfilet in Deutschland überhaupt, das den Besitzer wechselte.

Doch das Kapital wird ungeduldig. Die Fonds verwalten Riesensummen und wissen nicht wohin damit. Weltweit habe sich das »trockene Pulver«, wie das nicht investierte Geld im Bankerjargon genannt wird, im vergangenen Jahr um neun Prozent auf 865 Milliarden Dollar erhöht, schätzt Ernst and Young. Für das laufende Jahr haben die Investoren bereits angekündigt, sich Unternehmensanteile in Europa im Wert von 29 Milliarden Dollar (23,9 Milliarden Euro) einverleiben zu wollen – eine Steigerung um 60 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, wie Bloomberg am vergangenen Montag berichtete.

Michael Grote, Direktor am Frankfurt Institute for Private Equity and M & A (Private Equity = außerbörsliches Eigenkapital; M & A, Merger and Acquisitions = Fusionen und Übernahmen), erklärte im Gespräch mit jW: »Wegen der niedrigen Zinsen rentieren sich Anlagen in Anleihen kaum. Private Equity, Banken und Börsen verfügen deshalb über enorm viel Geld für die Investition in Unternehmen«. Private-Equity-Fonds kauften üblicherweise Unternehmen von der Börse, mit dem Ziel, sie umzustrukturieren und gewinnbringend wieder an die Börse zu bringen. Der Nachteil eines solchen »Delisting« sei, dass einige große Marktteilnehmer zur Beschaffung von Fremdkapital wegfielen, erläuterte Grote. So stehe in den Statuten der meisten Versicherungsgesellschaften, dass nur ein kleiner Teil des Kapitals in außerbörslichen Wertpapieren angelegt werden darf.

Wie aber an die lukrativen Renditen kommen, wenn der Kapitalmarkt in Deutschland noch so weit reguliert ist? Höchstgewinne werden in der Privat-Equity-Branche mit bis zu 20 Prozent des eingesetzten Kapitals angepriesen.

Der jüngste Einfall der Spekulanten nennt sich SPAC (Special Purpose Acquisition Company). Mit diesen Mantelgesellschaften bekommen Investoren ein Instrument an die Hand, mit dem sie nicht nur außerhalb der Börse Kapital einsammeln, sondern auch das Parkett abgrasen können. Die Börsenmäntel werden an die Börse gebracht, verschaffen sich dort Kapital, um sich an einem Unternehmen zu beteiligen. Die leere Unternehmenshülle und das aufgekaufte Unternehmen werden anschließend zu einer Gesellschaft verschmolzen und auf diesem Weg an die Börse gebracht. Aktionäre wissen nicht, auf welches Unternehmen es die SPACs abgesehen haben.

Es sind eingefleischte Manager, die sich der Börsenmäntel bedienen. Der Franzose Bernard Arnault, mit einem Vermögen von rund 99 Milliarden Euro drittreichster Mann der Welt und Gründer des Luxusgüterimperiums LVMH Moët Hennessy – Louis Vuitton, ist auf den Zug aufgesprungen. Arnault, dem der Ruf eines »Wolfs in Kaschmir« vorauseilt, wird zusammen mit dem früheren Unicredit-Chef Jean Pierre Mustier den SPAC Pegasus Europe an die Börse in Amsterdam bringen, die wegen des »Brexit« mittlerweile zum größten Aktienumschlagplatz in Europa aufgestiegen ist. Die beiden wollen zunächst zehn Prozent der Anteile von Pegasus zeichnen. Neben Mustier, der erst Anfang Februar nach vier Jahren sein Mandat als Vorstandsvorsitzender der Unicredit abgelegt hat, schlüpfen weitere frühere Bankbosse unter den Börsenmantel, darunter der frühere Commerzbank-Chef Martin Blessing, Ex-UBS CEO Sergio Ermotti oder Tidjane Thiam, der bis 2010 an der Spitze der Credit Suisse stand.

Auch ein deutscher Kapitalsammler will beim SPAC-Boom mit dabei sein, der kein Kind von Traurigkeit ist. Zalando-Gründer Oliver Samwer hat dafür im September 2020 seine Beteiligungsgesellschaft Rocket Internet von der Börse genommen. Samwer, der sich einst als »Aggressivsten im Internet« bezeichnete und seine Mitarbeiter in E-Mails aufforderte, Marktsegmente in einem »Blitzkrieg« zu erobern, nutzte die Coronakrise. Beim Delisting seines Unternehmens konnte er die Aktionäre abspeisen. Weil die Börsenkurse abgesackt waren, zahlte Samwer pro Wertpapier 18,57 Euro, während Analysten den Unternehmenswert auf etwa 30 Euro pro Papier taxierten. Das gesparte Geld nutzt Samwer, um einen Börsenmantel an die Wall Street zu bringen. Die Rocket Internet Growth Opportunities mit Sitz in der Steueroase Kaimaninseln soll 287,5 Millionen Dollar einsammeln und binnen 24 Monaten eine Internethandelsplattform finanzieren.

In Frankfurt am Main soll der erste SPAC am heutigen Montag gehandelt werden. Die Private-Equity-Gesellschaft Lakestar hält die Hände auf und bittet um 275 Millionen Euro, um nach eigenem Bekunden junge europäische Unternehmen vor dem Zugriff von US-Investoren zu schützen. Bleibt die Frage, wer sich um die Arbeiter der Firmen kümmert, mit denen an der Börse immer schneller Roulette gespielt wird.

Hintergrund: Bis die Blase platzt

Kapital drängt unvermindert aufs Parkett. Die sogenannten Börsenmäntel sind nur eine Spielart der riskanten Wetten, die im Zuge der Aktienhausse plaziert werden. Dax und Dow Jones haben zum Jahresbeginn neue Höchststände erreicht. Der Chef der Allianz, Oliver Bäte, warnte am Freitag anlässlich der Bilanzpressekonferenz des Konzerns in München vor einer gefährlichen Spekulationsblase: »Wir machen uns große Sorgen um das Thema Finanzmarktstabilität.« Die Situation insbesondere an den Aktienmärkten ähnele der vor dem Crash 2008/09 und dem Crash des Jahres 2000, als Kleinanleger ihr Geld Brokern anvertrauten, die ihr Glück in der »New Economy« versuchten – bis die »Dotcomblase« platzte. Der Anteil dieses »dummen Geldes« am Aktienhandel hat sich laut Credit Suisse seit Anfang 2020 von 15 auf 30 Prozent verdoppelt. Onlineportale, auf denen Lohnabhängige ihr karges Gespartes verjubeln können, boomen. Beim Münchner Onlinebroker Scalable Capital, der im Sommer vergangenen Jahres seine Casinotüren geöffnet hat, stehen die Spekulanten Schlange. »Aktuell gewinnen wir pro Tag einige tausend Kunden«, sagte Firmenchef Erik Podzuweit dem Handelsblatt am 4. Februar. Profitieren konnte Scalable unter anderem vom Hype um die Gamestop-Aktie. Denn anders als andere Broker hatten die Münchner kein Verkaufsverbot verhängt. Ende Januar hatten sich Tausende Kleinsparer auf dem Onlineportal Wallstreetbets dazu verabredet, Aktien des Videoverleihers Gamestop zu kaufen. Sie wollten es großen Hedgefonds zeigen, die angekündigt hatten, mit Wetten auf sinkende Kurse der Gamestop-Papiere Gewinne einzustreichen (siehe jW vom 30. Januar).

Wie schnell es wegen des vielen eingesetzten Geldes zu Kursstürzen kommen kann, zeigte auch eine Episode um Tesla-Chef Elon Musk. Der schlug am Donnerstag, dem 7. Januar, per Twitter vor, statt des Messengerdienstes Whatsapp den alternativen Anbieter Signal zu verwenden. Aktionäre ließen alles stehen und liegen und zeichneten Signal-Aktien wie verrückt – dachten sie jedenfalls, denn der Messenger ist überhaupt nicht börsennotiert. Statt dessen kauften sie Papiere des US-Medizinunternehmens Signal Advance, dessen Wert am nächsten Tag und sogar noch nach dem Wochenende um 930 Prozent anzog. Erst am Dienstag, dem 12. Januar, stürzte der Kurs wieder um 60 Prozent ab. Ein Fest für Fonds, die schnell mit großen Summen jonglieren können. Die Jünger von Elon Musk werden an den Bildschirmen zu Hause dumm aus der Wäsche geschaut haben. (sz)

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