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Aus: Ausgabe vom 20.02.2021, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

Nanking-Birnen

Von Maxi Wunder

Ein Blitz, plock und dunkel. Birne kaputt. Dieser Schreckmoment führt mir jedesmal meine Zugehörigkeit zu der antiken Spezies der »gemeinen Birnenwechsler« vor Augen und ruft Schamgefühle in mir hervor angesichts meiner trotzigen Weigerung, endlich die bunte Vielfalt der modernen Leuchtmittel zu begreifen. Wie war das jetzt mit W statt Watt und Lumen bei LED im Vergleich zu E plus 14 minus Volt geteilt durch Energiesparlampe im Quadrat? So sehr ich auch die Schränke durchwühle, ich finde beim besten Willen keine alte Ersatzbirne mehr, nirgends. Erstmalig in meinem Leben betrete ich hilfesuchend ein Elektrofachgeschäft. Es hat trotz Lockdowns geöffnet. Yes!

»Guten Tag, ich bräuchte bitte eine Glühbirne.« Gespannte Erwartung seitens der Verkäuferin. Ich soll wohl präzisieren. »Also, für eine Hängelampe, die ist schon ziemlich alt, so aus den 30ern, Messing, und das Gewinde ist klein, ungefähr so.« Ich forme mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand ein Loch. Es ist zu groß und hat die Umrisse von Südamerika.

Leidgeprüfte Milde zeichnet sich im Gesicht der Händlerin ab. Offenbar bin ich nicht die einzige, die nicht weiß, was sie will. Es kommt zu einem längeren Verkaufsgespräch, an dessen Ende sich alle Unklarheiten vertieft haben. Aber ich bin im Besitz eines passenden »Leuchtmittels«!

Die Birnen hole ich beim Chinesen: Nanking-Birnen. Vier große, vollreife Birnen dünn abschälen und die Kerngehäuse entfernen. Die entstandene Höhlung mit den folgenden gut vermengten Zutaten vollstopfen: zwei EL Sultaninen, zwei EL Pinienkerne, einem TL Saft kandierter Ingwerstücke, einem TL Honig. Die Birnen aufrecht in eine gebutterte Form stellen, eine halbe Tasse Weißwein darübergießen und zugedeckt circa 15 Minuten dämpfen. Den sich bildenden Saft mit fünf EL Himbeergelee versetzen und die Sauce beim Anrichten über die heißen Birnen träufeln.

Stolz schraube ich das neue Stück ein. Bisschen dunkel. »Da druckt man sich mal eine Lumen-Watt-Vergleichstabelle aus und gut is’!« belehrt mich Roswitha und blinzelt Richtung Hängeleuchte. »Ist doch ganz einfach: Die 25-Watt-Glühlampe hier, die du übrigens viel zu teuer gekauft hast, entspricht fünf Watt Energiespar oder 4,5 Watt LED.« – »Aha.« – »Und 220 beziehungsweise 250 Lumen!« – »Wieso denn beziehungsweise? Entweder – oder, oder?« – »Nein. Der erste Lumenwert gibt die Helligkeit bei der jeweiligen Wattangabe der alten Leuchtmittel wieder. Der zweite Wert gibt den Mindestlichtstrom für vergleichbare LED-Leuchtmittel an. Grundlage dafür ist eine EU-Verordnung für ›Haushaltslampen mit ungebündeltem Licht‹ von 2009. Du hattest also zwölf Jahre Zeit, das zu kapieren. Zum Beispiel kann ein Fünf-Watt-LED-Leuchtmittel vom Typ A deutlich heller leuchten als eine Fünf-Watt-LED-Lampe vom Typ B. Die LED-Lampe vom Typ A erzielt durch hochwertigere Komponenten einen viel besseren Wirkungsgrad und strahlt deshalb mehr Licht ab, und bei einem Abstrahlwinkel von 360 Grad … bla, bla, bla …« Sie meint es gut, aber ganz ehrlich: Das interessiert mich immer noch nicht die Birne … äh, die Bohne.

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