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Aus: Ausgabe vom 20.02.2021, Seite 2 / Inland
Jahrestag des Anschlags von Hanau

Gedenken an Tote von Hanau

Jahrestag von rassistisch motiviertem Anschlag. Bundesweit Kundgebungen
Von Marc Bebenroth
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Kein Vergessen: Kundgebung von Jugendlichen am Freitag auf dem Marktplatz in Hanau

Von unten kam Solidarität, von oben gab es warme Worte der demonstrativen Anteilnahme. Am Freitag jährte sich der rassistisch motivierte Anschlag von Hanau zum ersten Mal. Auf dem Hauptfriedhof der hessischen Stadt im Osten des Rhein-Main-Gebiets wurde der neun Todesopfer gedacht. Rund 500 Angehörige und Hanauer Bürger kamen an einem Ensemble von Ehrengräbern zusammen. Dort sind Ferhat Unvar, Hamza Kurtovic und Said Nesar Hashemi begraben. Das Ensemble umfasst auch Gedenksteine für die weiteren sechs Todesopfer Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Gökhan Gültekin, Kaloyan Velkov, Vili Viorel Paun und Fatih Saracoglu.

In zahlreichen Städten waren bundesweit für Freitag und diesen Sonnabend Kundgebungen und Gedenkverstanstaltungen geplant, um an die Opfer des am 19. Februar 2020 verübten Anschlags zu erinnern. Worte des Mitgefühls kamen zudem von der Familie des 2019 von dem Neonazi Stefan Ernst ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. »Wir wünschen den Angehörigen von ganzem Herzen, dass ihre drängenden Fragen bald beantwortet werden«, heißt es in einer Stellungnahme der Familie vom Freitag.

Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) forderte eine lückenlose Aufklärung des Attentats. »Es ist unsere verdammte Pflicht, alles was dieser Staat weiß, auch den Angehörigen zu vermitteln«, sagte Kaminsky am Freitag im Rundfunk Berlin-Brandenburg. Aufgeklärt werden muss unter anderem, weshalb in der Tatnacht viele Notanrufe bei der Polizei nicht durchkamen. Vor diesem Hintergrund sieht der Zentralrat der Muslime (ZMD) die Schutzmaßnahmen weiterhin als nicht ausreichend an. Sie seien nur punktuell verstärkt worden, kritisierte ZMD-Präsident Aiman Mazyek der Neuen Osnabrücker Zeitung (Freitagausgabe). So müsse auch geklärt werden, ob an einem der Anschlagsziele, einer Shishabar im Stadtzentrum, der Notausgang wirklich verschlossen war. Im allgemeinen Diskurs wünsche er sich eine stärkere Betonung darauf, dass die Opfer Deutsche gewesen sind.

Aufklärung und Aufarbeitung seien die »Bringschuld des Staates gegenüber der Öffentlichkeit und vor allem gegenüber den Angehörigen«, hieß es im vorab veröffentlichten Redemanuskript von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Für die offizielle Gedenkveranstaltung in Hanau nach jW-Redaktionsschluss wurden er und Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier erwartet. Auf Anordnung von Landesinnenminister Peter Beuth (beide CDU) wehten am Freitag die Flaggen an allen öffentlichen Gebäuden und Dienststellen im Land auf halbmast. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) wich vom Protokoll der politischen Anteilnahme ab. »Wir bieten denen die Stirn, die das Gift des Rechtsextremismus, des Rassismus und des Antisemitismus verbreiten und unsere freiheitliche Lebensweise bekämpfen«, ließ Seehofer – der bis heute eine unabhängige, wissenschaftliche Untersuchung von strukturellem Rassismus in der Polizei blockiert – per ministerialer Mitteilung im Kurzbotschaftendienst Twitter am Freitag verlautbaren.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Roland Winkler, Aue: Stunde der Heuchler Es gibt Verantwortliche für das, was in diesem Lande seit vielen Jahren zu mörderischer Normalität geworden ist. Es gibt nicht erst seit Hanau »lückenlose Aufklärer«, die offenbar erst die Lücken mach...

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