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Aus: Ausgabe vom 20.02.2021, Seite 12 / Thema
Philosophie

Idealer Kapitalismus

Vor 100 Jahren wurde der Sozialphilosoph John Rawls geboren, vor 50 Jahren erschien sein Hauptwerk »Eine Theorie der Gerechtigkeit« – der vielleicht letzte originelle Entwurf zur Verteidigung der bürgerlichen Ordnung
Von Alfred J. Noll
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Der Gerechtigkeitssinn »ist ein Bestandteil des menschlichen Lebens und eine Voraussetzung dafür, dass man andere Menschen versteht und ihre Ansprüche anerkennt.« Zeitlebens hat sich John Rawls diesem Sinn gewidmet (Foto aus dem Jahr 1971)

John Rawls ist gewiss der einflussreichste Sozialphilosoph des 20. Jahrhunderts. Keine und keiner kommt an ihm vorbei – er ist omnipräsent, allgegenwärtig selbst dort, wo sein Name nicht genannt wird. Selbst beim Blick in den Weltraum entgeht man ihm nicht mehr, seit im Jahr 1991 ein Asteroid nach ihm benannt wurde. Wie aber nähert man sich einem derartigen Jahrhundertmonument westlicher Philosophie? Gewiss, es gibt Dutzende Einführungen in das Werk des am 21. Februar 1921 geborenen Denkers, inzwischen einige hundert Monographien zu seinem Hauptwerk und wohl einige tausend Artikel zu seiner Gerechtigkeitstheorie. An allen Universitäten der Welt wird gelehrt, was Rawls geschrieben hat, buchstäblich keine einzige Arbeit zur Sozialphilosophie kann es sich nach den heute gängigen akademischen Kriterien leisten, von Rawls abzusehen bzw. ihn zu ignorieren.¹

Eine Theorie der Gerechtigkeit

Freilich ist es, wenn man sich Rawls nähern will, nicht angeraten, gleich mit der Lektüre der 1971 erstmals publizierten »Theory of Justice« zu beginnen.² Bevor man sich darauf einlässt, die überaus verschlungenen Pfade seiner Erörterung der Gerechtigkeit zu betreten, sollte man sich über die Motive kundig machen, die Rawls seit den 1950er Jahren zu verschiedenen Anläufen bewegt haben. Es ist auf der persönlichen Ebene gewiss eine tiefe und glaubhafte Sehnsucht nach Gerechtigkeit, sachlich aber das immer wieder neu begründete und beschriebene Konzept kooperativer Fairness.

Über ersteres gibt etwa die folgende Stelle Auskunft: »Mir erscheint das Verschwinden der Gerechtigkeit nicht nur an und für sich unerwünscht, sondern auch aus praktischen Gründen. Nach meinem Dafürhalten werden gerechte Institutionen nicht von selbst entstehen, sondern ihre Entwicklung hängt bis zu einem gewissen Grad – wenn auch freilich nicht ausschließlich – davon ab, dass die Bürger einen Sinn für Gerechtigkeit haben, den sie sich im Zusammenhang ebendieser Institutionen aneignen. Das Fehlen jeglichen Interesses an der Gerechtigkeit ist schon als solches unerwünscht, denn dass man einen solchen Sinn (und alles, was dazugehört) hat, ist ein Bestandteil des menschlichen Lebens und eine Voraussetzung dafür, dass man andere Menschen versteht und ihre Ansprüche anerkennt. Wollte man immer so handeln, wie es einem gefällt, ohne sich über die Ansprüche der anderen den Kopf zu zerbrechen oder diese Ansprüche zur Kenntnis zu nehmen, so wäre das ein Leben ohne ein Bewusstsein von den wesentlichen Bedingungen einer anständigen Gesellschaft.«³

Dieses persönliche Glaubensbekenntnis fußt konzeptionell auf einer Vorstellung von Fairness bzw. auf der Vorstellung einer Gesellschaft als faires System der Kooperation.⁴ Das zentrale Thema von Rawls ist es, danach zu fragen, wie eine Grundkonzeption der Person und der politischen Gesellschaft aussehen kann und mit welchen Idealen von Freiheit und Gleichheit, Gerechtigkeit und staatsbürgerlichem Verhalten die Bürger im politischen Leben einer Demokratie ausgestattet sein sollten. Rawls will mit seiner Theorie der Gerechtigkeit als Fairness das kontraktualistische (vertragstheoretische) Paradigma auf den aktuellen Stand der Theorie praktischer Rationalität (im Sinne des anglo-amerikanischen Mainstreams) bringen; und er will explizit eine Alternative zu der nur am Nutzen orientierten utilitaristischen Ethik und Sozialphilosophie entwickeln.

Damit lässt sich zwar Rawls Intention und Ambition charakterisieren, aber spätestens hier stehen wir vor einem Problem: Jeder Versuch, Rawls Gerechtigkeitstheorie auch nur in Grundzügen darzulegen, gleicht einem Akt barbarischer Verkürzung. Sie zeigt sich allzu verästelt und verzweigt, immer wieder zur Selbstreflexion geneigt und mögliche Gegenargumente aufnehmend. Immerhin lässt sich mit groben Strichen eine Art Theorieskizze zeichnen – wobei vorausgeschickt sei, dass sich Rawls in seiner Theorie der Gerechtigkeit nicht nur auf Fragen der Güterverteilung bezieht, sondern darin auch Fragen der individuellen Freiheitssicherung eine zentrale Rolle spielen. Allerdings beziehen sich seine Kriterien nicht auf individuelles Handeln, sondern auf die sogenannte Grundstruktur der Gesellschaft, das heißt das System etablierter Rechte und Pflichten, die, von den einzelnen Bürgern in Anspruch genommen, die Verteilung gesellschaftlicher Grundgüter regeln.

Erstens: Rawls geht von einer hypothetischen Ausgangslage/Urzustand (Original Position) aus, in der die Menschen, allesamt freie und vernünftige Personen, einen Gesellschaftsvertrag (Social Contract) schließen.

Zweitens: Für den Abschluss dieses Gesellschaftsvertrages soll angenommen werden, dass jeder Vertragspartner ihn tatsächlich akzeptiert oder wenigstens davon überzeugt werden könnte, ihn zu akzeptieren, sofern ihm durch einen »Schleier des Nichtwissens« (Veil of Ignorance) sein Platz in der Gesellschaft, sein sozialer Status und seine Klassenzugehörigkeit, schlicht all das, was einen wirklichen Menschen ausmacht, verborgen bleibt.

Drittens: Als Gegenstand dieses Gesellschaftsvertrages würden die Menschen bestimmte »Principles of Justice for the Basic Structure of Society« (Gerechtigkeitsprinzipien für die Grundstruktur der Gesellschaft) festlegen, zu denen Gedanken- und Gewissensfreiheit, freie Marktwirtschaft, Privateigentum und monogame Familien gehörten.

Viertens: Der eigentliche Inhalt der den Vertragsgegenstand bildenden Gerechtigkeitsprinzipien sei dann, dass a) jedermann ein Recht auf das umfassendste Gesamtsystem von gleichen Grundfreiheiten habe, das für alle möglich sei, und b) die sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheiten so beschaffen sein müssten, dass sie den am wenigsten Begünstigten den größtmöglichen Vorteil bringen und dass Ämter und öffentliche Positionen allen bei fairer Chancengleichheit offenstehen. Der erste der beiden Grundsätze ist dabei »lexikalisch« vorgeordnet, das heißt, Grundfreiheiten dürfen nicht zugunsten einer höheren Effizienz des Wirtschafts- und Sozialsystems eingeschränkt werden. Überdies gilt: Ein Gerechtigkeitskriterium ist nur dann adäquat, wenn es unter bestimmten Bedingungen von jeder rationalen Person gewählt werden würde.

Fünftens: Das Ziel des Gesellschaftsvertrages sei es, die Verhaltensweisen der Vertragspartner und der sozialen Institutionen zum wechselseitigen Vorteil aller zu regulieren, die Gesellschaft wird dann definiert als ein »Cooperative Venture for Mutual Advantage« – ein kooperatives Unternehmen zum wechselseitigen Vorteil.

Maßstab der Veränderung

Vor diesem Hintergrund legt Rawls den Ablauf der Ermittlung der Gerechtigkeitskriterien wie folgt dar: Es soll zunächst auf einer ersten Stufe unter dem vollständigen »Schleier des Nichtwissens« nur das allgemeine Gerechtigkeitskriterium bestimmt werden; auf der zweiten Stufe wird dann die Verfassung erarbeitet, der Schleier lüftet sich ein wenig. Die vorhandenen Ressourcen, die Produktivität der Wirtschaft etc. werden jetzt bekannt, und hier soll jetzt eine Verfassung bestimmt werden, die mit dem allgemeinen Gerechtigkeitskriterium der ersten Stufe in Einklang steht und eine gerechte und wirksame Gesetzgebung ermöglicht. Die dritte Stufe enthält dann (wiederum fiktiv) die Merkmale derjenigen Entscheidungssituation, die für eine gerechte Gesetzgebung als Ergebnis rationaler Wahl konstitutiv ist. In der vierten und letzten Stufe geht es dann um die Anwendung der gefundenen Regelung auf Einzelfälle durch die Verwaltung und die Justiz, aber auch um die Befolgung der Regeln durch die Bürger. Der Clou dieses Ablaufschemas besteht darin, dass sich der Schleier des Nichtwissens zwar schrittweise lüftet, aber von Stufe zu Stufe zugleich bestimmte Normen festgelegt werden, die auf den späteren Stufen nicht mehr geändert werden dürfen, sondern als Adäquatheitskriterium (Maßstab) der jeweils konkreteren Normen fungieren.⁵

Rawls konzipierte seine Theorie explizit als Veränderungsmaßstab – und kaum erschienen, hagelte es Gegenschriften, Nachreden, Polemiken. Was soll ein hypothetisches Sozialmodell, das keine Entsprechung in der Wirklichkeit hat? »A hypothetical contract is no contract at all (ein hypothetischer Vertrag ist überhaupt gar kein Vertrag)«, meinte etwa der Rechtsphilosoph Ronald Dworkin. Müsse nicht der von Rawls verordnete Schleier des Nichtwissens allen Menschen die gemachten Erfahrungen als empirische Basis für ihre rationalen Entscheidungen abschneiden? Seien seine Gerechtigkeitsprinzipien denn etwas anderes als eine gedanklich verordnete zeitlose Hierarchie von ausgewählten, interessenbezogenen Freiheiten? Und hieße, wenn man etwa die Glaubensfreiheit absolut setzen würde, dies nichts anderes als die Übergabe auch der politischen Herrschaft an die Kirche? Es wurden also Inkonsistenzen und kontraproduktive Konsequenzen gefunden – und plötzlich kam der in der Moderne weithin vergessene Gesellschaftsvertrag als philosophisches Modell wieder zu Ehren.

Besieht man rückblickend den nicht abreißenden Strom von Tinte, der zu, für und gegen Rawls vergossen wurde, dann stellt sich freilich die Frage, was diese Hochkonjunktur veranlasst hat. Was intensiverer und breiterer Nachschau bedürfte, lässt sich immerhin mit der an dieser Stelle notwendigen Beschränkung ganz plakativ dazu sagen: Indem die Gesellschaftsvertragstheorie eine Fähigkeit zur Verallgemeinerung grundlegender Interessen innerhalb des existenten Kapitalismus unterstellt und in der Privateigentümergesellschaft einen moralisch neutralen Standpunkt für möglich hält sowie überdies ein individuell nutzenmaximierendes Verhaltensreglement fixiert, wird – wie Hermann Klenner das schon vor einigen Jahrzehnten auf den Punkt gebracht hat – »letztlich eine idealisierte Form kapitalistischer Gesellschaftsstruktur rationalisiert«⁶. Zwar wird die kapitalistische Existenzweise der Gesellschaft als veränderungsbedürftig beschrieben, aber eben auch als optimierungsfähig bzw. sich selbst optimierend. Anders gesagt: Was sich nicht in systemgerechte Reformen kanalisieren lässt, ist dann schlicht unvernünftig bzw. irrational.

Während frühbürgerliche Vertragstheoretiker wie Thomas Hobbes mit ihren Modellen des Gesellschaftsvertrags ein Instrument gegen den Feudalismus und gegen religiöse Bevormundung entwickelten, sind die heutigen Vertragstheoretiker also weitgehend Apologeten des Bestehenden. Oder nochmals in den Worten von Hermann Klenner: »Wo jene aufklären, verschleiern diese: Jene verallgemeinerten in ihrem ›Social Contract‹ die Interessen aller nichtfeudalen Klassen des Volkes, während diese den realen Gesellschaftsantagonismus von heute, der höchstens auf der Wolkenebene zu einer Interessenübereinstimmung via Vertrag generalisiert, also harmonisiert werden kann, ›wegzurationalisieren‹ sich anschicken. Sie reflektieren also weniger die Gesellschaftskrise als vielmehr die Legitimationskrise des Kapitalismus.«⁷ Das ist gewiss eine etwas arg plakative Darstellung – aber eine Entstellung dieser vielfältigen und oftmals mit äußerstem Scharfsinn unternommenen Konstruktionen ist es nicht.

Ein liberaler Reformer?

Rawls hat sich immer als ein liberaler Reformer verstanden. So war es für ihn gewiss, dass es in den USA dringlich eine Reform des Gesetzes zur Wahlkampffinanzierung braucht, um das derzeitige System, in dem Macht für Geld zu haben ist, zu überwinden. Nicht minder unstrittig war für ihn, dass gewaltige Anstrengungen unternommen werden müssten, um halbwegs faire Bildungschancen herzustellen. Er wusste, dass die USA rasch eine Form der allgemeinen Krankenversicherung einführen müssten, dass es an einem Recht auf sozial nützliche Arbeit ermangelt und dass es noch ein weiter Weg ist bis zur rechtlichen und tatsächlichen Gleichstellung der Frauen. Nur wenn diese Reformen tatkräftig in Angriff genommen würden, ließen sich die schlimmsten Aspekte der Diskriminierung und des Rassismus in den USA mildern.⁸

Diese und andere Reformvorschläge sind, wie die gesamte Gerechtigkeitstheorie von Rawls, fest eingebettet in die Vorstellung, dass es darum gehe, einen »Overlapping Consensus« herzustellen bzw. zu bewahren. Er geht davon aus, dass es einer politischen Gerechtigkeitskonzeption bedürfe, die ganz grundsätzlich die Ideale und Werte eines demokratischen Staates formuliert und ordnet und dadurch die Ziele der Verfassung sowie deren Grenzen bestimmt; gesucht sei ein Konsens, der die Hoffnung vermittle, er könne von den widerstreitenden religiösen, philosophischen und moralischen Lehren akzeptiert werden, die sich über Generationen hinweg entwickelt hätten. Dieser »übergreifende Konsens« sollte dann das politisch-konzeptive Gerechtigkeitskriterium für alle sein. Dabei ist für dessen Formulierung in erster Linie bedeutsam, dass dadurch »trotz tiefgehender Divergenzen Stabilität und gesellschaftliche Einheit durch die öffentliche Anerkennung einer vernünftigen politischen Gerechtigkeitskonzeption erreicht werden kann«.⁹ Rawls will einen derartigen Konsens dadurch realisieren, dass er erstens ein für allemal den Inhalt der Grundrechte und Grundfreiheiten festlegt und ihnen einen bestimmten Vorrang zuweist; es müsse zweitens der öffentliche und freie Vernunftgebrauch gewährleistet werden, wobei es darauf ankomme, die Gerechtigkeit nicht nur auszuüben, sondern ihre Ausübung auch erkennbar zu machen; und drittens sollte eine Einübung in die Tugenden der Kooperation erfolgen.

Rawls zielt in nachgerade freundlich-utopischer Weise darauf ab, dass sich auf der Grundlage gegenseitiger Achtung eine Realität sozialer Kooperation einstellt, und dass sich dann – wenn dies mehr und mehr öffentlich anerkannt ist – quasi im Selbstlauf auch eine Tendenz hin zur Entwicklung der dafür wesentlichen Tugenden herausentwickeln würde: »Die Bürger, sobald sie zu würdigen beginnen, was eine liberale Konzeption leistet, (werden) eine Loyalität ihr gegenüber entwickeln, die sich im Laufe der Zeit verstärkt. Sie werden es für vernünftig und klug halten, ihre Loyalität gegenüber den Grundsätzen der Gerechtigkeit zu bekräftigen, die Werte ausdrücken, welche unter den einigermaßen günstigen, Demokratie ermöglichenden Bedingungen normalerweise alle Werte aufwiegen, die mit ihnen in Konflikt geraten mögen. Damit ist dann ein übergreifender Konsens erreicht.«¹⁰

Unschwer lassen sich gegen diese Wunschvorstellungen Einwände erheben. Diese und ähnliche Konzeptionen zerschellen rasch an den uns von einem finanzmarktgetriebenen Kapitalismus aufgenötigten Umständen, sie wirken gegenüber der Ungeheuerlichkeit, mit der uns aus Profitgier täglich die natürlichen Lebensgrundlagen vernutzt werden, fast lächerlich. Und angesichts der multimedialen Verblödungsmaschinerie, der wir alle ausgesetzt sind, ist die von Rawls formulierte Erwartungshaltung bestenfalls illusorisch – zumal Rawls notorisch unfähig bzw. unwillig ist, einen Akteur für die Umsetzung seiner politischen Konzeption auszuspähen und zu benennen – alles soll »irgendwie« von alleine oder doch bestenfalls durch intellektuelle Einsichtsfähigkeit der berufsmäßig zum Denken Angehaltenen passieren.

Rawls wird man das persönliche Bemühen und die dahinterstehende Aufrichtigkeit nicht absprechen wollen – funktional läuft das Postulat eines »Overlapping Consensus« auf die tugendhafte Einrichtung in und die Gewöhnung an die Gegebenheiten bürgerlich-liberaler Verfassungsversprechungen hinaus, die sich beim vorurteilsfreien Blick auf die Wirklichkeit seit jeher als ebenso wohl- wie hohlklingende Illusionen erwiesen haben.

Die Welt ist veränderbar

Was wird bleiben von John Rawls? Zunächst einmal der unabweisbar klare Blick darauf, dass es keine transzendent-religiösen oder andere metaphysische Begründungen für eine rationale Vorstellung von Gerechtigkeit und Staat braucht – und dass es solche auch nicht gibt. Rawls ist ein durch und durch weltlicher Autor. Zweitens enthält Rawls imponierendes Lebenswerk den Nachweis, dass sich der jeweilige Denkeinsatz eines Philosophen stets unter die Zuchtrute des selbst vorangetriebenen Kenntniszugewinns stellen kann – und auch stellen muss. Vergleicht man etwa die »Theory of Justice« von 1971 mit der Umarbeitung seiner Gerechtigkeitstheorie in »Justice as Fairness. A Restatement« von 1985 und beobachtet, wie sehr Rawls hier versucht, seine Theorie als eine politische Konzeption den wirklichen Verhältnissen näherzubringen, dann kann einem dies – auch wenn man seiner Theorie höchst kritisch gegenübersteht – nur Respekt abnötigen.

Jürgen Habermas, von übertriebenem Selbstzweifel gewiss nicht angekränkelt, schrieb vor Jahrzehnten: »Die philosophische Ethik hat eine aufklärende Funktion allenfalls gegenüber den Verwirrungen, die sie selbst im Bewusstsein der Gebildeten angerichtet hat.« Das ist gewiss wahr. Der in allem sehr viel bescheidenere John Rawls hingegen hat immer wieder einbekannt, dass er doch keinesfalls mehr wüsste, als die von ihm behandelten Autoren (denn warum sollte er sonst seine Zeit mit und an ihnen verschwenden!), dass er stets nur zu vorläufigen Ergebnissen gekommen sei und deshalb unentwegt und unabsehbar verbessern, ändern und ergänzen müsse, und er hat offen eingestanden, dass er nie zufrieden gewesen ist mit seinem eigenen Verständnis anderer Autoren. Ganz im Gegenteil: Rawls drückte zeit seines Lebens glaubhaften Respekt vor den denkerischen Leistungen anderer aus und klammerte davon auch Karl Marx nicht aus: »Angesichts der Lebensumstände Marx’ ist seine Leistung als Theoretiker der Ökonomie und der politischen Soziologie des Kapitalismus außerordentlich, ja nachgerade heroisch«, schreibt Rawls. Nach 1990 resümierte er: »Die Vorstellung von einem die ganze Gesellschaft umfassenden öffentlichen und demokratischen Wirtschaftsplan hat sehr tiefe Wurzeln und grundlegende Konsequenzen in Marx’ Denken. Es ist wichtig, dass man das sieht – vor allem jetzt, da der Zusammenbruch des Kommunismus uns leicht dazu verlocken kann, diese Zusammenhänge zu verkennen und anzunehmen, schon die bloße Vorstellung von einem demokratisch aufgestellten Wirtschaftsplan sei diskreditiert. Es mag zwar sein, dass wir dagegen sind, aber dennoch müssen wir zu verstehen versuchen, warum diese Vorstellung in der sozialistischen Tradition eine derart zentrale Rolle gespielt hat und welches ihre heutige Bedeutung für uns ist.«

Drittens zeigt uns die Resonanz auf Rawls Gerechtigkeitstheorien seit den 1970er Jahren aber auch, in welch enormen Ausmaß die Legitimationsbedürftigkeit des Kapitalismus zugenommen hat: Die reformerisch-liberale Theorie von Rawls hat für die globale akademische Ideologiearbeit eine willkommene Folie geliefert, um sich aus allen Richtungen bürgerlicher Rechtfertigungsprosa daran abzuarbeiten, die Argumente zu schärfen, zu aktualisieren und auf ihre Konsistenz hin zu untersuchen.

Keine an der konkreten Veränderung unserer Welt interessierte Theorie wird sich letztlich damit abfinden können, ihre Kritik an den Zuständen und ihre Vorschläge für eine bessere Zukunft von der Vorstellung ausgehen zu lassen, »die Bürger seien freie und gleichberechtigte Personen«, und eine auf konkrete und tatsächliche Veränderung der gewaltförmigen Verhältnisse gerichtete Theorie wird gerade nicht »abstrahieren von diversen Merkmalen der sozialen Welt«, und sie wird sich hüten »in bestimmten Richtungen Idealisierungen vorzunehmen«¹¹. Ganz im Gegenteil: Wir wissen darum, dass die Mehrzahl der Menschen weder frei noch gleichberechtigt ist, wir wissen darum, dass wir von den tatsächlichen Verhältnissen nicht abstrahieren sollten, und dass alle Formen der Idealisierung und das damit verbundene Ende gedanklicher Reflexion nichts anderes zur Folge haben, als voreilig Grenzen der Veränderbarkeit zu imaginieren oder Illusionen zu erwecken.

Zwar können wir von John Rawls lernen, »dass die Grenzen des Möglichen nicht durch das Wirkliche gegeben sind, denn die politischen und sozialen Institutionen können ebenso wie vieles andere in höherem oder geringerem Maße verändert werden«¹². Gewiss werden alle Arbeiten von Rawls von einem ehrlichen Reformwillen getragen – seine unerschütterliche gedanklich-konstitutionelle Bindung an die Vorstellung, das Bestehende ja nur zu bewahren, lässt aber mitunter den Eindruck entstehen, er habe sich als Motto gewählt, was der italienische Schriftsteller Giuseppe Tomasi di Lampedusa in seinem Roman »Il Gattopardo« den Tancredi zu Fürst Salina sagen lässt: »Se vogliamo che tutto rimanga come è, bisogna che tutto cambi« – »Wenn alles so bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern.«

Anmerkungen

1 Am besten ist man bedient mit Samuel Freeman (Hrsg.): The Cambridge Companion to Rawls. Cambridge 2003. Von den deutschen Werken ist zu empfehlen: Wolfgang Kersting: John Rawls zur Einführung. 4. Aufl., Hamburg 2015

2 Das gut 600 Seiten dicke Werk liegt in deutscher Übersetzung vor: John Rawls: Eine Theorie der Gerechtigkeit. Übersetzt von Hermann Vetter. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt a. M. 1975

3 John Rawls: Geschichte der politischen Philosophie. Hrsg. von Samuel Freeman, übersetzt von Joachim Schulte. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt a. M. 2008, S. 532 f.

4 So erschien schon 1958 Rawls Aufsatz »Justice as Fairness« in der Philosophical Review 58 (1958), S. 164–194.

5 Das ist, wenn man so will, nichts anderes als wir aus dem »Stufenbau der Rechtsordnung« (Adolf Julius Merkl) kennen: Jede Verordnung muss sich am Maßstab des Gesetzes messen lassen, jedes Gesetz am Maßstab der Verfassung.

6 Hermann Klenner, in: Reimar Müller/Hermann Klenner, Gesellschaftsvertragstheorien von der Antike bis zur Gegenwart, Berlin 1985, S. 53

7 Ebd., S. 54

8 Derartige Reformpostulate bilden aber nicht den Inhalt von Rawls philosophischen Büchern, sie sind nur en passant zu lesen, etwa in der Einleitung zu seinem postum erschienenen Buch »Geschichte der politischen Philosophie«, S. 39.

9 John Rawls: Die Idee des politischen Liberalismus. Aufsätze 1978–1989. Hrsg. von Wilfried Hinsch. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt a. M. 1992, S. 295

10 Ebd., S. 327

11 John Rawls: Gerechtigkeit als Fairness. Ein Neuentwurf. Hrsg. v. Erin Kelly, übersetzt von Joachim Schulte. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt a. M. 2003, S. 29

12 Ebd., S. 24

Alfred J. Noll schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 5. Januar über den Rechtsphilosophen Hermann Klenner anlässlich von dessen 95. Geburtstag.

Debatte

  • Beitrag von Dieter R. aus N. (20. Februar 2021 um 08:11 Uhr)
    Die Freiheit des Denkens endet in der kapitalistischen Welt durchgängig an der Grenze des eigenen Systems. Darüber hinausgehende Alternativen müssen nicht einmal verboten werden, dazu reichen als vorauseilender Gehorsam in der Regel Opportunismus, Antikommunismus und/oder die Beschränktheit der sogenannten »Denker«.

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