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Aus: Ausgabe vom 19.02.2021, Seite 6 / Ausland
Coronaleugnung

Kein Test, ein Problem

Tansanias Regierung setzt auf Coronaleugnung. Lehnt Impfstoff ab
Von Christian Selz, Kapstadt
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Tansanias Präsident John Magufuli schreitet im November 2020 in Dodoma die Ehrengarde ab

Der Coronapandemie begegnet Tansania seit langem wie die sprichwörtlichen drei Affen: nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Offizielle Ansteckungszahlen haben die Behörden des ostafrikanischen Landes zuletzt Anfang Mai vergangenen Jahres bekanntgegeben, anschließend verfügte Präsident John Magufuli, dass keine Statistiken mehr veröffentlicht werden durften. Im Juni erklärte der Staatschef Tansania schließlich für coronafrei, als Erfolgsrezept wollte er Gebete ausgemacht haben. Gegenteilige Behauptungen – sprich: das Publizieren nichtöffentlicher Informationen zur Coronapandemie – sind unter Strafe verboten. Vor diesem Hintergrund scheint es fast logisch, dass Magufuli nun öffentlich vor Impfungen warnt. Es gibt nur ein Problem – die Realität.

»Impfungen sind gefährlich. Wenn die Weißen in der Lage wären, Impfstoffe zu erfinden, hätten sie einen Impfstoff gegen AIDS gefunden, eine Impfung gegen Tuberkulose hätte die Krankheit inzwischen eliminiert haben können, ein Malariaimpfstoff wäre gefunden worden, es wäre eine Impfung gegen Krebs gefunden worden«, gab Magufuli in einer im Staatsfernsehen übertragenen Rede Ende Januar sein Medizinverständnis zum Besten. Der Staatschef will so Antiimperialismus simulieren, um nach innen Stärke zu zeigen und zugleich die Machtlosigkeit seiner Regierung im Kampf gegen das Virus zu kaschieren. Immerhin gestand er in dem Zusammenhang ein, dass es inzwischen wohl doch wieder Coronainfektionen in seinem Tansania gäbe – angeblich eingeschleppt von Tansaniern, die ins Ausland gereist seien, um sich impfen zu lassen. »Das sind diejenigen, die Corona bei ihrer Rückkehr zurück ins Land gebracht haben«, wetterte Magufuli.

Die Regionaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für Afrika, Matshidiso Moeti, konterte Magufulis Rede via Twitter mit dem Hinweis: »Die Wissenschaft zeigt, dass Impfstoffe wirken, und ich rufe die Regierung auf, eine Covid-Impfkampagne vorzubereiten.« Genau das will Tansanias Gesundheitsministerin aber erklärtermaßen nicht tun. Ihr Land habe »keine Pläne, Covid-19-Impfstoffe zu akzeptieren«, erklärte Dorothy Gwajima am 1. Februar in einer Pressekonferenz, die Züge einer bizarren Kochshow angenommen hatte. Gemeinsam mit weiteren Offiziellen bereitete die Ministerin vor laufenden Kameras eine Tinktur aus Knoblauch, Ingwer und Limetten zu, die sie anschließend mit verzerrtem Gesicht trank. Zudem rief sie zum regelmäßigen Inhalieren auf – dies alles aber freilich nur, weil es in einem nicht namentlich genannten Nachbarland einen neuerlichen Coronaausbruch gegeben habe.

Während die Gesundheitsministerin Hausmittel verschreibt und der Präsident noch immer zum Beten gegen Corona aufruft, warnen selbst Kirchenvertreter inzwischen eindringlich vor dem Virus. Und auch wenn die Regierung sich nach wie vor weigert, Patienten mit »Atemwegsinfektionen« oder »Asthma« Coronatests zu ermöglichen, deutet vieles darauf hin, dass das Virus in Tansania ungebremst wütet. Die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete in der vergangenen Woche von überfüllten Krankenhäusern in der Wirtschaftsmetropole Daressalam. Ärzte, die aus Angst vor Repressionen anonym bleiben wollten, sprachen von einer Flut von Patienten mit Coronasymptomen und erklärten, dass es an Sauerstoff und Beatmungsgeräten mangele. Am Mittwoch dieser Woche schließlich starb der Vizepräsident des halbautonomen vor der Küste Tansanias liegenden Inselstaats Sansibar, der dort nach Angaben seiner Partei ACT-Wazalendo seit Ende Januar mit Covid-19 im Krankenhaus gelegen hatte. Magufuli sprach sein Beileid aus – ohne das Wort Corona in den Mund zu nehmen.

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Debatte

  • Beitrag von Marco O. aus B. (18. Februar 2021 um 22:21 Uhr)
    Magufuli, war das nicht der, der sich PCR-Tests kommen ließ und dann eine Papaya, eine Ziege und irgendein Öl testen ließ?

    Alles positiv.

    Kein Wunder, dass er das mit Corona skeptisch sieht.

    Wie immer man auch selbst dazu steht ...
  • Beitrag von Franz L. aus S. (19. Februar 2021 um 07:57 Uhr)
    Gibt es in Tansania wirklich mehr Coronatote als in Kenia oder Südafrika? Aber mit dem Unterschied, dass in Tansania die Schulen nicht geschlossen wurden und die Wirtschaft nicht ruiniert wird. Der Artikel ist niveaulos und arrogant.
  • Beitrag von Olaf M. aus M. (19. Februar 2021 um 10:13 Uhr)
    Ich kann mich dem Vorredner nur anschließen. Was in dem Artikel auch aus dem Blick gerät, ist die Tatsache, dass Corona in Afrika eine untergeordnete Rolle spielt, was hiesige Wissenschaftler offensichtlich verzweifeln lässt (siehe https://www.apotheken-umschau.de/Coronavirus/Warum-hat-Afrika-so-wenig-Corona-Tote-560723.html). Die Demographie spielt dabei eine Rolle, kann die niedrige Zahl der Erkrankungen und Toten aber nicht allein erklären. Vielleicht spielt ja auch das Klima eine Rolle, das den Vitamin-D-Spiegel in der Wintersaison nicht so absinken lässt wie in Europa, was ein durchgängig gegen Erkältungsviren leistungsfähigeres Immunsystem erklären könnte.

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