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Aus: Ausgabe vom 16.02.2021, Seite 16 / Sport
Wintersport

Horrormusik und harte Hunde

Das war die Bob-WM in Altenberg
Von Thomas Behlert
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Die ersten Monobobsiegerinnen (von links): Stephanie Schneider, Kaillie Humphries, Laura Nolte

Bevor die lustig anzuschauenden Monobobs und die sogenannte Formel 1 des Winters, die Viererbobs, auf WM-Fahrt gingen, rutschten verwegene Sportlerinnen und Sportler die über 1.400 Meter lange Eisbahn im erzgebirgischen Altenberg bäuchlings auf Skeletonschlitten ins Ziel. Vier Läufe absolvierten die Skeletonabteilungen, bis dann doch die Deutschen auf dem Treppchen standen. Skeleton sieht übrigens gefährlicher aus, als es ist, der Schwerpunkt des Schlittens liegt sehr tief. Stürze kommen selten vor, bei Fehlern schlingert der Sportler eher durch die Kurven.

Bei den deutschen Damen gab es im Vorfeld etwas Zoff, denn der langjährige Trainer Dirk Matschenz wurde wegen seiner harten Trainingsmethoden entlassen und wechselte deswegen zu den russischen Skeletonsportlern. Titelverteidigerin Tina Hermann war damit nicht einverstanden und trainierte weiter mit dem angeblich so harten Hund. Sie tat anscheinend gut daran, denn nach einem verkorksten ersten Lauf legte sie drei schnelle, fehlerfreie Fahrten hin und verteidigte so ihren WM-Titel. Auf den zweiten Rang fuhr die lange Zeit führende Jacqueline Lölling (BRD), die Bronzemedaille konnte sich die Russin Elena Nikitina umhängen, die wie alle russischen Sportler wegen des Ausschlusses Russlands durch den Internationalen Sportgerichtshof CAS nicht die Landesflagge zeigen durfte. Bei den Männern verteidigte Christopher Grotheer vom BSR Rennsteig Oberhof seinen WM-Titel. Trotz neuer Technik kam Alexander Tretjakow (Russland) »nur« auf Platz zwei und verwies damit Alexander Gassner auf den dritten Rang, der sich trotzdem mächtig freute – endlich ist er in der Weltklasse angekommen. Die sonntägliche Mixed-Plazierung war im Grunde schon vorher klar: Es gewannen Hermann/Grotheer vor Lölling/Gassner und Nikitina/Tretjakow.

Bei der WM-Premiere im Monobob der Damen gab es keine Überraschungen. Wie zuvor in der Zweierbobkonkurrenz siegte abermals die US-Amerikanerin Kaillie Humphries vor den deutschen Fahrerinnen. Nach zwei Läufen führte noch Stephanie Schneider auf ihrer Heimbahn, Laura Nolte lag auf dem dritten Rang. Leider machte Schneider mit ihrem »bockigen Pony«, wie sie das Gefährt selbst bezeichnete, im dritten Lauf ein paar Fehler mehr als Humphries. Alle Bobfahrerinnen leisteten mit dem Monobob Historisches, denn es war die erste offizielle Weltmeisterschaft. Die deutsche Olympiasiegerin im Zweierbob von 2018, Mariama Jamanka, nannte den Wettkampf eine »Gaudiveranstaltung«, gab sich aber Mühe und belegte den vierten Rang.

Spürbar kraftvoll und schnell wurde es, als schließlich die Viererbobs über die Bahn bretterten. Hier konnte man sich als Bobfan zurücklehnen, die Fahrten der Teams einfach genießen und sich am Ende mit Francesco Friedrich über dessen fünftes Double freuen. Mit den Anschiebern Alexander Schüller, Candy Bauer und Thorsten Margis fuhr der Sachse erstmals in einem Wettkampf mit dem 2022er Olympiabob, der eine verbesserte Aerodynamik und variablere Lenkbarkeit besitzt. Trotz Fahrfehler – im ersten Lauf waren nicht alle Athleten pünktlich im Schlitten, außerdem brach er noch nach dem Start aus – holte sich das Team Friedrich mit der Bestzeit 1:48,040 Minuten die goldene Plakette vor dem österreichischen Team um Benjamin Maier. Platz drei gehörte dem deutschen Piloten Johannes Lochner und seiner Crew. Bei Friedrich, der mit einem schwarzen und einem weißen Handschuh hantiert, spielt auch die psychologische Komponente eine Rolle: Wenn am Start die Musik des Horrorfilms »The Purge« läuft, wissen die Trainer der anderen Nationen, dass wieder alles erlaubt ist und am Ende trotzdem der Francesco gewinnt.

Bei der WM sah man wieder mal, dass Bobfahren eine komplexe Sportart ist, bei der drei Dinge besonders wichtig sind: ein explosiver, schneller Start, eine saubere Fahrweise und nagelneues Material. Nun dürfen wir auf die Winterspiele 2022 in Peking gespannt sein, wenn die vom deutschen André Lange trainierten chinesischen Sportler in den Wettkampf einsteigen. Falls sich nicht plötzlich Politiker der kapitalistischen Länder einmischen und hysterisch einen Boykott fordern.

Wer hat Angst vor wem?

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