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Aus: Ausgabe vom 13.02.2021, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Klares aus der Echokammer

Von Arnold Schölzel
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In der Regel informiert die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) über außereuropäische Angelegenheiten besser als bundesdeutsche Medien. Helmut Schmidt soll ihre Lektüre der von Lageberichten des BND vorgezogen haben. Einseitig bis zur Desinformation wird die NZZ seit einigen Jahren allerdings, wenn es um deutsche Politik geht. Ende 2017 fragte Die Zeit unter dem Titel »Druck von rechts«, ob die NZZ »rechte Echokammern bedienen« wolle. Die Frage kann heute mit Ja beantwortet werden. Journalistisch bedeutet das: In der NZZ-Spezialausgabe für die Bundesrepublik kommt viel schrill Reaktionäres, in der gedruckten Ausgabe bleibt’s seriöser.

Die NZZ am Sonntag bot dafür am 7. Februar einen Musterfall: Auf Seite zwei ist unter der Überschrift »Kubas Ärzte versklavt« ein Hetzartikel plaziert. Unterzeile: »Havanna schickt Mediziner-Brigaden in alle Welt und kassiert dabei ab«. Genaues weiß die Autorin, NZZ-Lateinamerikakorrespondentin Sandra Weiss, zwar nicht, aber wozu Fakten, wenn sich der Vorstand der deutschen Linkspartei auf die Seite der Contras schlägt? Zahlen hätte Frau Weiss leicht kubanischen Medien entnehmen können. Die Yellow-Press-Schlagzeile besagt aber: Hier geht es um Hass wie auf einer Internetplattform Mark Zuckerbergs. Auf Seite drei setzt sich das fort mit einem antirussischen Aufwärmer zum Nawalny-Fall.

Über den Seiten vier und fünf steht dann aber die in solchem Kontext überraschende Schlagzeile: »Amerika sollte die Welt nicht mehr militärisch dominieren«. Das Zitat stammt aus dem darunter stehenden Interview mit dem US-Historiker Stephen Wertheim. Er vertritt die Ansicht, die globale Vormachtstellung der USA provoziere Konflikte, statt sie zu verhindern, und warnt vor einem Weltkrieg. Die NZZ-Redaktion druckt dazu aktuelle US-Zahlen ab: Rekordrüstungsetat von 738 Milliarden Dollar, rund 900 Stützpunkte weltweit mit 138.000 Soldaten. Elf Flugzeugträger auf den Ozeanen, außerdem neun Helikopter- und Senkrechtstarterträger, mit 68 U-Booten die größte Flotte dieser Art, die Luftwaffe kann 88 strategische Langstreckenbomber vom Typ B-52 global einsetzen.

Im Interview kritisiert Wertheim, der im Oktober 2020 das Buch »Morgen die Welt: Die Geburt der globalen US-Vorherrschaft«, veröffentlicht hat, die erste Rede Joseph Bidens zur Außenpolitik: Der habe »den Kurs seiner Vorgänger seit dem Zweiten Weltkrieg« fortgesetzt und »die Welt in Verbündete und Gegner« eingeteilt. Das sei »problematisch« und werde »zunehmend kontraproduktiv«. Er, Wertheim, vertrete »grundsätzlich die Auffassung, dass die USA schon seit 1940 allzu sehr auf militärische Dominanz als leitendes Prinzip ihrer Rolle in der Welt setzen.« Damals habe der Schock über die rasche Eroberung Frankreichs durch Hitlers Wehrmacht zu der Doktrin geführt. Heute hätten die USA mit einem Drittel aller Staaten militärische Bündnisse geschlossen. Komme es zu mehreren Konflikten gleichzeitig, »wenn Gegner wie China und Russland uns testen«, könne das zu einem dritten Weltkrieg führen.

Wertheim ist kein Antiimperialist, will nicht »einseitige Abrüstung«, sondern statt militärischer Supergewalt eine »Förderung der eigenen Interessen« wie den »Wohlstand breiter Schichten in Amerika«. Dazu müssten Mittel »aus dem Militärbudget zu Forschung, Bildung und Infrastruktur« umgelenkt werden.

Das grundlegende Übel unserer Epoche – der die Gesellschaft dominierende Militarismus des Westens – wird sehr klar benannt. Das ist verdienstvoll. Neokolonialistische Hetzartikel wie der zu Kuba besagen zugleich, wie lang der Weg zu Schlussfolgerungen in westlichen Redaktionen oder Machtzentralen noch ist. Von allein kommen sie nicht, dazu bedarf es neuer Tatsachen, Bewegungen, auch der Solidarität.

Das grundlegende Übel unserer Epoche – der die Gesellschaft dominierende Militarismus des Westens – wird sehr klar benannt. Das ist verdienstvoll. Neokolonialistische Hetzartikel wie der zu Kuba besagen zugleich, wie lang der Weg zu Schlussfolgerungen in westlichen Redaktionen oder Machtzentralen noch ist.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Istvan Hidy: Welt finanziert USA Seiner ersten Rede zur Außenpolitik zufolge will der neue US-Präsident Joseph Biden »den Kurs seiner Vorgänger seit dem Zweiten Weltkrieg« fortsetzen. Auch er teilt »die Welt in Verbündete und Gegner«...

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