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Aus: Ausgabe vom 13.02.2021, Seite 12 / Thema
Klassenanalyse

Theorien der Verschleierung

Gibt es überhaupt noch eine Arbeiterklasse? Zur Aktualität der Klassenfrage (Teil 1)
Von Werner Seppmann
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Quo vadis, Arbeiterklasse? Nach Auffassung bürgerlicher Soziologen, deren sensationelle Ergebnisse längst auch schon die Linkspartei affiziert haben, hat sie sich in verschiedene Milieus aufgelöst (Werftarbeiter in Hamburg)

Zum Gedenken an die marxistischen
Lehrer Willi Gerns und Otto Marx.

In Frankreich oder England würde die Frage nach der Existenz einer Arbeiterklasse absurd wirken. In der Bundesrepublik hat eine akademische Soziologie jedoch jahrzehntelang für die Verbreitung von »Fake News« hinsichtlich elementarer gesellschaftlicher Sachverhalte gesorgt: Beharrlich wurde vom »Ende der Klassengesellschaft« und seit der Verbreitung »poststrukturalistischer« Sichtweisen auch vom Bedeutungsverlust sozialer Strukturierung überhaupt phantasiert: Die Vorstellungen vom »Sozialen« seien rein subjektiver Natur, und deshalb könne nur ein »dekonstruktivistischer Gesellschaftsbegriff« Verwendung finden. Daraus resultiere, »dass soziale Macht in der späten Moderne viel weniger manifest ist, als es so manche Klassenanalyse« behaupte.¹

Mit solch »poststrukturalistischen« Positionierungen wurden realitätsverzerrende Auffassungen, die schon in früheren Jahren in der bürgerlichen Soziologie der BRD tonangebend waren, zu neuem Leben erweckt. So auch die Beschwörungsformel einer sogenannten Individualisierungstheorie, wonach wir »trotz fortbestehender und neu entstehender Ungleichheiten heute in der Bundesrepublik bereits in Verhältnissen jenseits der Klassengesellschaft« lebten.²

»Der Tod zahlt bar«

Infolge der krisenhaften Veränderungen in Ökonomie und Gesellschaft ist eine solche wissenschaftlich kaschierte Realitätsverweigerung in Bedrängnis geraten, denn es lässt sich nicht mehr ignorieren, dass im Kontext des hochtechnologischen Exportmodells der BRD mit Niedriglöhnen und prekärer Arbeit klassengesellschaftliche Verhältnisse in einem ganz traditionellen Sinne wieder ihr hässliches Gesicht zeigen: Ein Viertel aller Beschäftigten steckt in prekären Arbeitsverhältnissen fest, fast 20 Prozent der Bundesbürger leben in Armutsverhältnissen, und 30 Prozent der Bevölkerung sind mit permanenten Abstiegsgefahren konfrontiert.

Als Quintessenz diverser Forschungsprojekte spricht der Sozialpsychologe Ernst-Dieter Lantermann von der Dominanz sozialer Bedrängungen: Nach seinen »Befunden erleben 60 Prozent der deutschen Bevölkerung ihre finanzielle Situation als ständige Gratwanderung zwischen Meistern und Absturz, 40 Prozent machen sich große Sorgen um ihren Arbeitsplatz, über 50 Prozent befürchten, dass sie ihre Ansprüche im Alter deutlich senken müssen, 30 Prozent rechnen auf mittlere Sicht mit der Erosion ihrer sozialen Netze«.³

Dass sich Zustände der Verunsicherung und Perspektivlosigkeit in den vergangenen Jahrzehnten verfestigen konnten, ist die Konsequenz intensiver Maßnahmen des Kapitals gegen elementare Lebensinteressen der Lohnabhängigen, die zum Abbau erkämpfter sozialstaatlicher Absicherungen geführt haben. Klassengesellschaftliche Symptome sind durch diesen Konfrontationskurs in vielen gesellschaftlichen Bereichen wieder sichtbar geworden. Beispielsweise, dass eine niedrigere Sozialstellung »mit stärkeren arbeitsbezogenen Gesundheitsgefährdungen« einhergeht, »die z. B. durch schwere körperliche Arbeit, Nacht- und Schichtarbeit, monotone Arbeitsabläufe, Unfallgefahren oder den Umgang mit toxischen und karzinogenen Stoffen und Substanzen hervorgerufen werden. Die Angehörigen sozioökonomisch benachteiligter Gruppen leben zudem häufiger in kleinen und schlecht ausgestatteten Wohnungen. In ihrer Wohnumgebung sind sie stärkeren Luftverschmutzungen und Lärmbelästigungen ausgesetzt.«⁴ Diese Lebensumstände führen dazu, dass die unteren Sozialschichten »vermehrt an Krankheiten leiden, wie zum Beispiel Herzinfarkt, Schlaganfall, Hypertonie, Adipositas, chronische Bronchitis, Depression und bei Männern Lungenkrebs und Leberzirrhose«.⁵

Klassenschranken manifestieren sich auch darin, dass es immer schwerer fällt, den Gefährdungslagen zu entkommen: Wer in einer Familie von »Geringverdienern« aufwächst, lebt auch als Erwachsener mit 70prozentiger Wahrscheinlichkeit in einer bedrängenden Soziallage. Auch »beim Wettlauf um die höheren Bildungsabschlüsse haben sich (…) die Chancenabstände zwischen privilegierten und benachteiligten Gruppen« wieder vergrößert.⁶ Die Lebenschancen laufen bereits vom Zeitpunkt der Geburt zwischen den Angehörigen verschiedener Klassen und Schichten auseinander.

Die strukturellen Benachteiligungen kulminieren in einer zwei- bis dreifach erhöhten Sterblichkeit in den unteren Klassen. Es stellt einen zivilisatorischen Skandal auf den »Schlachtfeldern der Ungleichheit« (Göran Therborn) dar, wenn Männer des unteren Einkommensviertels, die in in ihrem Berufsleben meist großen Belastungen ausgesetzt waren, in der BRD im Durchschnitt zwölf Jahre früher sterben als Männer im oberen Einkommensviertel. Nur 70 Prozent der Männer aus den ärmeren Schichten erreichen das 65. Lebensjahr, während es bei den Wohlhabenden 90 Prozent sind. »Der Tod zahlt bar«, heißt es bei Heiner Müller.

Kern der Klassenfrage

Diese Daten geben ein aufschlussreiches Spiegelbild der gesellschaftlichen Ungleichheitsverhältnisse und sind in elementarer Weise mit der Klassenfrage vermittelt – sie machen jedoch nicht deren Kern aus. Denn Klassenspaltung ist ein strukturelles Problem, dass sich besonders darin ausdrückt, dass eine relativ kleine Finanzelite in der Lage ist, ohne Rücksicht auf die sozialen Konsequenzen nicht nur ihre ökonomischen Verwertungsinteressen durchzusetzen, sondern auch der gesamten Gesellschaft ihren Stempel aufzudrücken: Das Klasseninteresse der kapitalistischen Verwertungselite bestimmt beispielsweise über die Schaffung, die Verlagerung oder den Abbau von Arbeitsplätzen – und damit über das Lebensschicksal einer Bevölkerungsmehrheit.

Im Kern geht es bei der Klassenfrage um die Aneignung von Mehrarbeit. Dieses Ausbeutungsstreben »konstituiert die zentrale, theoretisch und empirisch zu ermittelnde Achse der Klassenspaltung«.⁷ Kaum überschätzt werden kann, dass es bei der Sicherstellung der Mehrwertproduktion nicht nur um die Ausbeutung lebendigen Arbeitsvermögens, sondern auch um die Stabilisierung von Herrschaft geht. Denn als Machtzentrum nimmt das Industriesystem eine gesamtgesellschaftliche Schlüsselposition ein, und die Betriebe fungieren als Kristallisationspunkte eines gesellschaftlichen Geschehens, in dem die Rolle des Kapitals als »die alles beherrschende ökonomische Macht der bürgerlichen Gesellschaft«⁸ deutlich wird. Deshalb sind die kapitalistischen Betriebe auch das Zentrum gesellschaftlicher Widerspruchserfahrungen.

Weil im sozioökonomischen System die Lohnabhängigen den Platz von Beherrschten einnehmen, ist die Arbeitswelt, trotz aller »sozialpartnerschaftlichen« Rhetorik, ein Ort der unmittelbaren Konfrontation zwischen Kapital und Arbeit: »Dieses tagtäglich erlebte Schicksal stellt (…) immer wieder einen einheitlichen objektiven Kontext gemeinsamer kollektiver Erfahrung dar.«⁹ Während »das Kapital (…) konzentrierte gesellschaftliche Macht« ist, verfügt der Arbeiter nur über seine Arbeitskraft.¹⁰ Durch Zusammenschlüsse und Widerstand kann sich die Position der Arbeitenden zwar verbessern, sie kann aber im kapitalistischen Rahmen nicht grundlegend verändert werden. Trotz aller durch gesellschaftlichen Druck erzwungenen Kompromisse behält das Kapital langfristig das letzte Wort, wie gerade in der gegenwärtigen Phase sozialpolitischer Konterrevolution deutlich wird.¹¹

Auf der Suche nach der Arbeiterklasse

Infolge der gesellschaftlich-ökonomischen Krisenentwicklung sind auch in linken Diskussionen Klassengesellschaft und Arbeiterklasse wieder zum Thema geworden. Für diese Rückkehr zu einem gesellschaftsanalytischen Realismus bedurfte es der Erfahrung, dass die Lohnabhängigen sich an den Wahlurnen nicht nur von der SPD, sondern auch von der Partei Die Linke zu großen Teilen verabschiedet haben, weil sie in beiden Organisationen nicht mehr verlässliche Vertreter ihrer Interessen zu erkennen vermochten.

Während sich die SPD auf der Suche nach einer »neuen Mitte« bereitwillig für neoliberale Positionen öffnete und mit Nachdruck eine Politik gegen die Bevölkerungsmehrheit (die Hartz-Gesetze sind nur deren sichtbarster Ausdruck) – auch um den Preis der politischen Marginalisierung – betrieb, gingen der Linkspartei bei ihrer Suche nach den »progressiven städtischen Milieus« und im Nebel »identitätstheoretischer« Spiegelfechtereien die »Mühseligen und Beladenen« zu beträchtlichen Teilen verloren: Während 2005 noch 24 Prozent der Erwerbslosen die Partei Die Linke wählten, reduzierte sich dieser Anteil bis 2017 auf nur noch elf Prozent. Zumindest hat diese Entwicklung in der Partei zu einem Nachdenken über Klassenfragen und die Arbeiterklasse ebenso wie zur Eröffnung einer Debatte über eine »neue Klassenpolitik« geführt.¹² Zu den ersten Dokumenten dieser »Neubesinnung« gehört ein produktives Buch des langjährigen Kovorsitzenden der Partei Bernd Riexinger.¹³ Aber auch in Diskussionsbeiträgen aus dem Umfeld der Rosa-Luxemburg-Stiftung mehrten sich klassenanalytische Stellungnahmen, die jedoch, im Gegensatz zum Riexinger-Text, wenig Klarheit in die Diskussion gebracht, sondern in zentralen Fragen erneut akademische Manipulationsschablonen aufgegriffen haben.

Vielleicht kündigt sich dennoch das Ende einer systematischen Blickverzerrung und beharrlichen Realitätsverweigerung an, die lange die Diskussionen über sozioökonomische Grundsatzfragen in der Linkspartei geprägt haben. Doch die theoretischen und politischen Irrwege der Vergangenheit sind immer noch eine schwere Hypothek. Denn es fällt bei der bisherigen Debatte auf, dass auch in den produktivsten Beiträgen zu dieser Klassendiskussion kaum an frühere Theoriebestände einer marxistischen Tradition »angeknüpft wird und zentrale Begrifflichkeiten kaum gefüllt werden (…). Über Form und Inhalt einer entsprechenden ›neuen Klassenpolitik‹ herrscht daher ebenso Unklarheit wie über die Frage, was denn eigentlich ›alte‹ Klassenpolitik ist und was an ihr nicht mehr trägt.«¹⁴

Reproduziert wird an vielen Stellen der Debatte etwas, was der Sozialhistoriker Lutz Raphael als »Meinungswissen« bezeichnet hat, als »Zwischenreich mehr oder weniger fraglos unterstellter Deutungen, Wörter und Vorstellungen über die soziale Welt, welche die Spontanerklärungen in Alltag, Medien und Politik untermauern, ohne auf elaboriertes, gar überprüfbares Wissen zu rekurrieren«.¹⁵ So beispielsweise durch die Akzeptanz der Formeln einer akademischen Milieuforschung (deren Schlagworte und reduktionistische Sichtweisen auch durch viele Positionspapiere der Linkspartei geistern), die geeignet sind, die Aufmerksamkeit von den gesellschaftlichen Konfrontationslinien auf Nebenschauplätze umzulenken.

Von dieser Theorie wird eine Gesellschaftsvorstellung konstruiert, die auf den sozialen Reproduktionsbereich (also dem Verhalten jenseits der Arbeitswelt) fokussiert ist. Sie stützt sich dazu vorrangig auf Datenmaterial, mit dessen Hilfe die soziale Strukturierung weitgehend auf Lebensstile und Konsumpräferenzen sowie die mit ihnen korrespondierenden ideologischen Widerspiegelungsformen reduziert wird. Präsentiert wird von den Milieutheoretikern ein Gesellschaftskonstrukt, das nach eigener Einschätzung nicht mehr »unmittelbar die Zweiteilung zwischen Kapital und Arbeit wiedergibt«.¹⁶ Zwar ist die Milieutheorie auf den ersten Blick eine eindrucksvolle intellektualistische Bastelarbeit – nur über Klassenfragen sagt sie nichts aus.

Es ist von programmatischer Bedeutung, dass die klassentheoretische Diskussionsreihe der Rosa-Luxemburg-Stiftung mit einem Betrag von Michael Vester, dem »Chefideologen« dieser Milieutheorie, begann, bei der es explizit um die Destruktion der Klassentheorie als Machtanalyse geht. Es gebe überhaupt keine einheitlichen Klassenlagen mehr, heißt es in diesem einleitenden Beitrag, weil die (durchaus realen) Zerfaserungs- und Spaltungstendenzen als unüberschreitbar begriffen werden müssten. Deshalb sei es illegitim, das Klassenverhältnis »allein durch Ausbeutung definieren« zu wollen.¹⁷

Milieutheorie statt Klassenanalyse

Dokumentiert wird von der Milieutheorie, was die gesellschaftlichen Subjekte über sich selbst denken und meinen, vermieden jedoch, die subjektiven Einstellungsmuster in Beziehung zu den objektiven Verhältnissen zu setzen. Deshalb ist die Milieutheorie ein sozialanalytisch nur sehr eingeschränkt aussagefähiges (Ein-)Ordnungsinstrument und vorrangig geeignet, vom Herrschaftscharakter der gegebenen (Widerspruchs-)Verhältnisse abzulenken. Weil es ihr nicht gelingt, »in dem komplizierten Netz der sozialen Erscheinungen wichtige Erscheinungen von unwichtigen zu unterscheiden«,¹⁸ werden relevante Aspekte von Nebensächlichkeiten überdeckt.

Weil die Milieutheorie nur beschreibend und kategorisierend, jedoch nicht strukturanalytisch verfährt, geraten ihr elementare Probleme von Macht und (potentieller) Gegenmacht nicht in den Blick. Doch von der Welt realer Konflikte wollen die Milieutheoretiker ohnehin nichts wissen. Denn als Quintessenz ihres Reduktionismus betonen sie, dass »Wirtschaftsimperien großer Familien schon lange keine herrschende Klasse mehr« konstituierten. Begründet wird diese intellektuelle Bankrotterklärung damit, dass »die Entscheidungsspitzen der Gesellschaft winzig klein und teilweise unsichtbar« und in einer Milieugruppe von 20 Prozent der Bevölkerung eingebettet seien, die alleine durch »ihren Geschmack und ihre Umgangsformen dingfest zu machen« sei.¹⁹ Die herrschende Klasse löse sich nach milieutheoretischer Auffassung dadurch auf, dass ihre Repräsentanten teurere Autos fahren und über einen abstandswahrenden Habitus verfügen. Es bleibt unausgesprochen, was den Kern der Macht- und Klassenfrage ausmacht, dass nämlich die Kapitalelite mit ihren Investitionsstrategien über die Existenzgrundlagen und Lebensperspektiven der abhängig Beschäftigten entscheidet. Bernd Riexinger hat klärende Worte zum »Status« der Milieuforschung für eine ernsthafte Klassendiskussion gefunden: Das theoretische Raster der Milieuforschung wurde aus »entsprechenden Befragungen herausgefiltert (…). Schon das macht deutlich, dass der Milieubegriff andere Fragen beantworten soll als der Klassenbegriff und ihn nicht ersetzen kann«.²⁰ Es hat etwas Tragisches, dass auch der (bisher) produktivste Beitrag zur Klassendiskussion innerhalb der Linkspartei sich der destruktiven Sogwirkung des Milieudiskurses²¹ nicht hat entziehen können.

Auch an anderen Stellen wird im Rahmen der Diskussion im Umfeld der Rosa-Luxemburg-Stiftung die Axt an die Wurzeln eines angemessenen Verständnisses der Klassenfrage gelegt. Mit penetranter Regelmäßigkeit durch Beiträge von Klaus Dörre. Beispielsweise, wenn er die Auffassung postuliert, dass »mehrere Klassen von Lohnarbeitern und Lohnarbeiterinnen existieren«²² und »jede Person unterschiedlichen Klassen« angehöre.²³ Vor allem durch die aktuellen Spaltungsprozesse, hätten sich mit den Prekarisierten und den Arbeitslosen neue Klassen konstituiert. Das ist jedoch eine simple Verwechslung von sozioökonomischer Klassenlage und statistischer Klassifizierung, denn der Arbeitslose ist arbeitslos, weil es ihm (in der Regel zeitweilig) nicht gelingt, seine Arbeitskraft zu verkaufen: Er bleibt strukturell und habituell jedoch ein Arbeiter, dessen ganzes Bestreben darin liegt, ins Arbeitsleben zurückzukehren.

»Verschwiegene Produktionsstätten«

Die Behauptung eines »Bedeutungsverlustes« der Arbeiterklasse ist in einigen Kreisen zum geflügelten Wort geworden, aber unter den Tisch fällt dabei die Tatsache, dass sie (selbst nach den fragwürdigen Kriterien der amtlichen Statistik) ein Drittel der Bevölkerung ausmacht und durch ihre zentrale Stellung im ökonomischen Reproduktionsprozess eine kollektiv produzierende und kollektiv ausgebeutete Klasse ist, deren Mitglieder zu ihrer Lebensbewältigung nichts anderes als ihre Arbeitskraft besitzen und deshalb zu deren Verkauf gezwungen sind.

In vielerlei Hinsicht hat sich die Arbeiterklasse in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Arbeit ist tendenziell auch »intellektueller« geworden – aber dennoch ist der Schweiß nicht flächendeckend vom »Geist« abgelöst worden. Es wird manchmal über die »Sweat Shops« in Asien berichtet – aber dass solche Verhältnisse auch beträchtlicher Teil der arbeitsweltlichen Realität im industriellen Europa sind, wird mit Schweigen übergangen. Es ist mehr als nur eine historische Reminiszenz, sondern für einen beträchtlichen Teil der Lohnabhängigen immer noch von gegenwärtiger Bedeutung, was Didier Eribon protokolliert hat: »Wenn ich meine Mutter heute vor mir sehe mit ihrem geschundenen, schmerzenden Körper, der fünfzehn Jahre lang unter härtesten Bedingungen gearbeitet hat – am Fließband stehen, Deckel auf Einmachgläser schrauben, sich morgens und nachmittags höchstens zehn Minuten von jemanden vertreten lassen, um auf die Toilette gehen zu können –, dann überwältigt mich die konkrete, physische Bedeutung des Ortes ›soziale Ungleichheit‹. Das Wort ›Ungleichheit‹ ist eigentlich ein Euphemismus, in Wahrheit haben wir es mit nackter, ausbeuterischer Gewalt zu tun. Der Körper einer alternden Arbeiterin führt allen die Wahrheit über die Klassengesellschaft vor Augen. (…) Es ist mir völlig unbegreiflich, wie die extreme Härte solcher Arbeitsformen und der Protest gegen sie (›Nieder mit dem höllischen Akkord‹) aus der Vorstellungswelt und dem Vokabular der Linken verschwinden konnten, obwohl gerade hier die konkrete Existenz der Menschen – ihre Gesundheit zum Beispiel – auf dem Spiel steht.«²⁴

Was Eribon schildert, entstammt nicht einer überwundenen Vergangenheit, sondern ist in vielen »verschwiegenen Stätten der Produktion« (Marx) immer noch an der Tagesordnung. Denn vollmundige Prognosen über einen »Humanisierungsschub« (von dem in einigen gewerkschaftlichen Führungsetagen gesprochen wird), ein »Ende der Arbeitsteilung« und die Ausbreitung »postindustrieller Zustände« (von denen große Teile einer akademischen Soziologie zu berichten wussten) erweisen sich immer deutlicher als ideologische Unterwerfungsübungen²⁵, denn grundlegende, für die Arbeitenden vorteilhafte Veränderungen in der Arbeitswelt sind Randerscheinungen geblieben oder im Rahmen der neoliberalen Konterrevolution zu einem beträchtlichen Teil wieder verschwunden.²⁶

Anmerkungen

1 Martin Saar: Klasse/Ungleichheit. Von den Schichten der Einheit zu den Achsen der Differenz. In: Stephan Moebius/Andreas Reckwitz (Hg.): Poststrukturalistische Sozialwissenschaften. Frankfurt a. M. 2008, S. 202

2 Ulrich Beck: Risikogesellschaft. Auf den Weg in eine andere Moderne. Frankfurt a. M. 1986, S. 121

3 Ernst Dieter Lantermann: Die radikalisierte Gesellschaft. Von der Logik des Fanatismus. München 2016, S. 64

4 Thomas Lampert: Soziale Ungleichheit und Gesundheit im höheren Lebensalter, In: Karin Böhm et al. (Hg.): Gesundheit und Krankheit im Alter. Berlin 2009, S. 122

5 Hans Jürgen Andreß/Martin Kronauer: Arm – Reich. In: Stephan Lessenich/Frank Nullmeier (Hg.): Deutschland. Eine gespaltene Gesellschaft. Frankfurt a. M. und New York 2006, S. 48

6 Rainer Geißler: Die Sozialstruktur Deutschlands. Opladen 2008, S. 285

7 Dieter Boris: Was machen wir mit dem Klassenbegriff? In: Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung, Nr. 82, Juni 2010, S. 148

8 Karl Marx: Einleitung zur Kritik der Politischen Ökonomie. In: Marx-Engel-Werke, Bd. 13, S. 638

9 Thomas Leithäuser: Kapitalistische Produktion und Vergesellschaftung des Alltags. Produktion, Arbeit, Sozialisation. Frankfurt a. M. 1967, S. 57

10 Karl Marx: Instruktionen … In: Marx-Engels-Werke, Bd. 16, S. 196

11 Vgl. Werner Seppmann: Kapital und Arbeit. Klassenanalysen I. Kassel 2017

12 Michael Vester/Ulf Kadritzke/Jakob Graf: Klassen – Fraktionen – Milieus. Beiträge zur Klassenanalyse (1). Berlin 2019, S. 50, und Mario Candeias/Klaus Dörre/Thomas E. Goes: Demobilisierte Klassengesellschaft und Potenziale verbindender Klassenpolitik. Beiträge zur Klassenanalyse (2). Berlin 2019

13 Bernd Riexinger: Neue Klassenpolitik. Solidarität der vielen statt Herrschaft der wenigen. Hamburg 2018

14 André Leisewitz/John Lütten: Neue Klassendiskussion. Anmerkung zu Klassentheorie, Klassenverhältnissen und zur linken Strategie. In: Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung, Nr. 116, Dezember 2018, S. 36

15 Lutz Raphael: Jenseits von Kohle und Stahl. Eine Gesellschaftsgeschichte Westeuropas nach dem Boom. Berlin 2019, S. 110, S. 94

16 Michael Vester: Von Marx bis Bourdieu. Klassentheorie als Theorie der Praxis. In: M. Vester/U. Kadritzke/J. Graf, a. a. O., S. 50

17 Ebd., S. 15

18 W. I. Lenin, Werke, Bd. 1, S. 129

19 Michael Vester/Peter von Oertzen u. a.: Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel. Frankfurt a. M. 2001, S. 504 f.

20 B. Riexinger, a. a. O., S. 7

21 Vgl.: Thomas E. Goes: Linke Potentiale und klassenpolitische Voraussetzungen. In: M. Candeias/K. Dörre/Th. E. Goes, a. a. O.

22 Klaus Dörre: Umkämpfte Globalisierung und soziale Klassen, in: M. Candeias/K. Dörre/Th. E. Goes: Demobilisierte Klassengesellschaft, a. a. O., Berlin 2019, S. 28

23 Ebd., S. 17

24 Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. Berlin 2015, S. 2

25 »Erstmals in der Geschichte des Industriesystems wird es mit der Neoindustrialisierung möglich, (…) die Voraussetzungen für kompetentes, selbstbewusstes Verhalten im Arbeitsprozess entscheidend zu verbessern«. (Horst Kern und Michael Schumann: Das Ende der Arbeitsteilung? Rationalisierung in der industriellen Produktion: Bestandsaufnahme, Trendbestimmung. München 1984, S. 327)

26 Dieter Sauer: Die organisatorische Revolution. Umbrüche in der Arbeitswelt. Hamburg 2013

Werner Seppmann schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 7. Oktober 2020 über den Irrationalismus als Überlebensprinzip. Von ihm ist soeben die Broschüre »Gibt es überhaupt noch eine Arbeiterklasse?« erschienen, die beim pad-Verlag Bergkamen zum Preis von 6 Euro erhältlich ist. Bezug unter pad-verlag@gmx.net

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