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Aus: Ausgabe vom 13.02.2021, Seite 4 / Inland
Protest gegen rechten Aufmarsch

Nazigegner mobilisieren nach Dresden

Bombardierung vor 76 Jahren: Proteste gegen revisionistischen Aufmarsch
Von Sandra Schönlebe
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Die Straße nicht den Revisionisten überlassen: Antifaschistische Demonstranten in Dresden (13.2.2020)

Eine seit Monaten anhaltende Pandemie hält sie nicht von ihrem Aufmarsch durch die sächsische Landeshauptstadt ab. Auch in diesem Jahr wollen Neonazis zum 76. Jahrestag der Bombardierung Dresdens durch die Alliierten im Zweiten Weltkrieg auflaufen. Doch den Faschisten soll nicht unwidersprochen die Straße überlassen werden; Proteste von Nazigegnern für diesen Sonnabend sind angekündigt.

Zwischen dem 13. und 15. Februar 1945 hatten britische und US-amerikanische Luftstreitkräfte die Stadt Dresden bombardiert. Etwa 25.000 Menschen starben. Dresden war eine wichtige Garnisonsstadt und ein infrastrukturelles Zentrum für die Versorgung der Front im Osten. Auch Deportationen in die Vernichtungslager im Osten waren über die Bahnhöfe der Stadt abgewickelt worden. Die Nazis nutzten die Angriffe für ihre Propaganda, indem sie den Mythos der »unschuldigen Kunststadt«, Geschichten über angebliche Tieffliegerangriffe und völlig überhöhte Zahlen von bis zu 250.000 Todesopfern in die Welt setzten. Diese Legenden halten sich teilweise bis heute in der Stadt.

Für Neonazis ist der 13. Februar seit den 1990er Jahren einer der wichtigsten Termine des Jahres. Zeitweise mobilisierten sie europaweit für die jährlichen Aufmärsche mit Teilnehmerzahlen im hohen vierstelligen Bereich. Dank konsequenter Blockaden antifaschistischer Gruppen verlor der Termin über die Jahre an Strahlkraft. Dennoch versuchen rechte Akteure in der Region auch in diesem Jahr, die Ereignisse zu instrumentalisieren. So kündigten die AfD und ihre Jugendorganisation »Junge Alternative« wie schon seit 2017 ihre Präsenz mit etwa 100 Personen auf dem zentralen Altmarkt an. Das ehemalige »Aktionsbündnis gegen das Vergessen« führt entsprechend den Auflagen diesmal lediglich eine Kundgebung durch. Der langjährige Organisator der Veranstaltung ist NPD-Kader. Am frühen Nachmittag werden nach Angaben der Dresdner Versammlungsbehörde bis zu 500 Teilnehmer am Hauptbahnhof erwartet. Es wird mit Neonazis aus ganz Sachsen gerechnet. Auch die Jugendorganisation der NPD hat laut »Dresden Nazifrei« eine weitere Versammlung am frühen Nachmittag am Bahnhof Mitte angemeldet. Möglicherweise versuchen die Neonazis, das Demonstrationsverbot zu umgehen, indem sie von der einen zur anderen Veranstaltung laufen.

Der Versammlungsort wird traditionell möglichst lange geheimgehalten, um es antifaschistischen Protesten nicht zu leicht zu machen. Von denen dürfte es einmal mehr reichlich geben; etwa ein Dutzend Gegenveranstaltungen ist angemeldet. Das Bündnis »Dresden nazifrei« ruft zu Blockaden auf und bittet um die strikte Einhaltung der Abstands- und Hygienevorschriften: »Solidarisch, mit Abstand und Maske, aber konsequent und entschlossen.« Man wolle »den Nazis den Platz auf der Straße soweit wie möglich nehmen und ihrer perfiden Propaganda einen lautstarken Protest entgegensetzen«. Hierfür wurden um den Hauptbahnhof zwei Veranstaltungen geplant. Auch die Jusos, »Omas gegen rechts« und Bündnis 90/Die Grünen haben in der Altstadt Kundgebungen angemeldet. Die Stadt selbst ruft zu einer virtuellen Menschenkette auf, deren Effekt indes höchstens symbolischer Natur sein wird.

Von den neonazistischen Veranstaltungen gingen in der Vergangenheit wiederholt Angriffe auf Journalisten aus. Dies ist auch in diesem Jahr zu befürchten. Die Polizei Dresden hat eigens eine Notfallnummer eingerichtet, unter der Pressevertreter Unterstützung anfordern können. Diesen Service können Antifaschisten, die ebenfalls regelmäßig Opfer neonazistischer Gewalt bei den Demonstrationen wurden, leider nicht in Anspruch nehmen.

Debatte

  • Beitrag von Ursula M. aus S. (13. Februar 2021 um 00:10 Uhr)
    Nachdem ich als 15Jährige die Zerstörung meiner geliebten Heimatstadt Dresden durch die britisch-amerikanischen Luftangriffe knapp überlebt hatte, fiel es mir zunächst keineswegs leicht, die historische Wahrheit anzuerkennen. Doch die lautet zweifelsfrei, dass Nazideutschland bereits seit dem Jahr 1940 zahlreiche britische Städte bombardiert hatte, was viele tausend Tote (allein in London circa 40.000) forderte und wodurch überall kulturelle Zentren in Schutt und Asche gelegt wurden. »Bomben auf Engelland« hieß ein Lied, das auch in Dresden gesungen wurde. Deshalb lehne ich die Instrumentalisierung des Gedenkens an den 12./14. Februar 1945 entschieden ab.

    U. M. (Jg. 1929)

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Georg Dovermann: Verbrannte Erde Die Bombardierung Dresdens mit der dadurch bedingten humanitären Katastrophe für die Zivilbevölkerung war neben anderen Zerstörungen von Städten sicherlich grausam. Man sollte aber an dieser Stelle au...
  • Frank Weidauer, Hohenmölsen: Saat des Faschismus Ich möchte mich auf diesem Wege zu obigen Artikel äußern. Zunächst gebührt mein Dank der Autorin, dass sie sich des Themas angenommen hat, über das aktuelle Geschehen in Dresden rund um dieses Wochene...

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