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Aus: Ausgabe vom 06.02.2021, Seite 4 / Inland
»Zero Covid«-Aktionstag

Aufruf zum Produktionsstopp

Aktionstag der Kampagne »Zero Covid« in mehreren Großstädten für »solidarischen Lockdown«. Hotels sollen für Geflüchtete und Wohnungslose öffnen
Von Kristian Stemmler
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Demonstranten am Freitag vor dem Luxushotel »Vier Jahreszeiten« in Hamburg

Vor dem Verteilzentrum des Onlinegiganten Amazon haben sie Aufstellung genommen. Im Rahmen der »Zero Covid«-Kampagne entfalteten im Hamburger Stadtteil Veddel am Freitag rund 20 Aktivisten ihre Transparente mit Aufschriften wie »Konsequent und solidarisch – bezahlter Arbeitsstopp sofort!« und verteilten Flugblätter. Mit Aktionen vor Betrieben und Hotels wie dieser in Hamburg hat die kürzlich gestartete Kampagne an diesem Tag in mehreren Städten ihre Forderung nach einem veritablen Lockdown, der auch Büros und Fabriken einschließt, und nach einem Ende der Sammelunterbringung von Obdachlosen und Geflüchteten bekräftigt. Kundgebungen unter strenger Einhaltung der Hygieneregeln gab es an diesem »Zero Covid Day« außer in Hamburg unter anderem noch in Berlin, Köln, München, Göttingen, Münster, Nürnberg und Darmstadt.

»Amazon ist der Krisenprofiteur Nummer eins«, begründete Lina Fischer, Aktivistin der »Zero Covid«-Kampagne, die Aktion vor dem Verteilzentrum am Freitag gegenüber jW. Man wolle hier wie in den anderen Städten zeigen, dass die bisherigen Coronamaßnahmen nicht ausreichten, sondern auch die Wirtschaft eine »solidarische Pause« einlegen müsse, um die Pandemielage unter Kontrolle zu bringen und das Ziel von null Neuinfektionen anpeilen zu können. »Wir hatten ein sehr gutes Feedback«, bilanzierte die Aktivistin. So hätten die Fahrer der Amazon-Kleintransporter beim Verlassen des Geländes die Scheiben heruntergekurbelt und Flyer entgegengenommen.

Am Nachmittag stellten sich zudem Demonstranten vor dem Luxushotel »Vier Jahreszeiten« an der Binnenalster auf und entfalteten ein Spruchband mit der Aufschrift: »Sammellager schließen, Hotels öffnen!« Sie fordern, Obdachlose und Geflüchtete in den leerstehenden Hotels unterzubringen, erklärte Christoph Kleine, ebenfalls in der Kampagne aktiv, gegenüber jW. Er kritisierte die Weigerung des »rot-grünen« Senats, diese von Wohlfahrtsverbänden und der Fraktion Die Linke in der Bürgerschaft geäußerte Forderung zu erfüllen, der sich sogar die CDU angeschlossen habe.

In der Hansestadt sind in diesem Winter bereits elf Obdachlose auf der Straße gestorben. Am Mittwoch schlug der Meteorologe Alexander König Alarm. »Eisige Polarluft und anhaltender Sturm lassen die gefühlten Temperaturen in den nächsten Tagen auf bis zu minus 20 Grad sinken«, sagte er der Hamburger Morgenpost. »Der Gedanke daran, dass Menschen erfrieren, während unzählige Hotels pandemiebedingt leerstehen, ist unerträglich«, erklärte König und forderte den Ersten Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) zum Handeln auf.

Auch vor dem Bayerischen Hof in München forderten Aktivisten der »Zero Covid«-Kampagne am Freitag eine Öffnung von Hotels für Obdachlose und Geflüchtete. In Göttingen wurde beim Aluminiumhersteller Novelis symbolisch ein Zugangstor abgesperrt. In Nürnberg gab es eine Kundgebung vor der Zentrale des Rüstungskonzerns Diehl, bei dem eine Schließung des Betriebs in der Pandemie gefordert wurde. Die Aktionen an diesem Freitag seien ein »erster Schritt in den öffentlichen Raum« gewesen, sagte der Hamburger Aktivist Kleine gegenüber jW.

Gleichzeitig mit dem Aktionstag startete am Freitag eine internationale Kampagne in den sozialen Medien unter dem Schlagwort ­»#CovidAtWork«, etwa »Covid im Betrieb«. Ziel ist es laut einer Mitteilung, »dass viele Menschen ihre Geschichten aus der Arbeitswelt teilen, bei denen der Infektionsschutz der Mitarbeiter vernachlässigt wird, sinnlose Präsenztreffen abgehalten oder Produkte hergestellt werden, die während der Pandemie verzichtbar sind«. Die Kampagne fordert einen »europaweiten, solidarischen Shutdown« mit dem Ziel, die Neuinfektionen auf Null zu drücken. Den Aufruf der Kampagne auf der Plattform weact.campact.de hatten am Freitag bereits mehr als 93.000 Menschen unterschrieben.

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