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Aus: Ausgabe vom 04.02.2021, Seite 1 / Titel
Coronapandemie und Besatzung

Brosamen für Palästina

Autonomiebehörde beginnt mit Impfungen in Westjordanland. Zunächst nur wenige Dosen vorhanden
Von Gerrit Hoekman
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Einer von wenigen: Ein palästinensischer Gesundheitsmitarbeiter wird am Mittwoch in Bethlehem geimpft

Seit Dienstag abend wird auch im Westjordanland geimpft. Begonnen wurde mit Ärzten und Pflegekräften, die mit Coronapatienten in Kontakt kommen, wie die amtliche palästinensische Nachrichtenagentur WAFA meldete. Die 2.000 Dosen des Vakzins von Moderna waren von Israel zur Verfügung gestellt worden, 3.000 weitere sollen in Kürze folgen. Ein Teil sollte noch am Mittwoch in den Gazastreifen gebracht werden.

Gesundheitsministerin Mai Al-Kaila sagte laut WAFA, dass in wenigen Tagen außerdem 5.000 Einheiten des russischen Impfstoffs »Sputnik V« in Ramallah erwartet werden. Sie sollen über Jordanien in die Westbank kommen, berichtete die israelische Tageszeitung Haaretz am Sonntag online. Die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) hoffe auf insgesamt rund vier Millionen Dosen aus Russland.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) kündigte am Montag an, 37.440 Einheiten des Impfstoffs von Biontech/Pfizer sollten bis Mitte Februar in Ramallah eintreffen – vorausgesetzt, die Lieferverträge würden von den Herstellern eingehalten, so die WHO der Nachrichtenagentur AP zufolge. Die Impfdosen stammen aus dem Covax-Programm der Behörde in Zusammenarbeit mit einer internationalen Staatenallianz. In diesem Rahmen sollen – ebenfalls unter Vorbehalt – bis Ende Februar zudem zwischen 240.000 und 405.600 Einheiten des Astra-Zeneca-Vakzins verfügbar sein.

Im besetzten Westjordanland sowie im Gazastreifen leben knapp fünf Millionen Menschen. »Selbst wenn die Palästinenser die Obergrenze dieser Lieferungen erhalten, könnten sie nur bis zu fünf Prozent der Bevölkerung im Westjordanland und im Gazastreifen impfen«, merkte AP an. Bis jetzt verzeichnete die Autonomiebehörde auf der Westbank rund 108.000 Infizierte und mehr als 1.300 Tote. In Gaza wurden 51.000 Menschen positiv auf das Coronavirus getestet, mehr als 500 starben an oder mit Covid-19. Die Infektions- und Totenzahlen waren zuletzt im Westjordanland und im Gazastreifen dank strenger Maßnahmen zurückgegangen.

Nach dem medizinischen Personal sollen Menschen, die älter als 60 Jahre alt sind, sowie chronisch Kranke an der Reihe sein, erklärte das Gesundheitsministerium den Impfplan. Als erster wurde am Dienstag Gesundheitsministerin Al-Kaila das Vakzin verabreicht, wohl als Signal in Richtung der auch in Palästina zahlreichen Impfskeptiker. Danach half die gelernte Krankenschwester und studierte Medizinerin Al-Kaila mit, die Spritzen bei den Kolleginnen und Kollegen zu setzen.

Israel hatte sich lange geweigert, die Autonomiebehörde mit Impfstoff zu versorgen. Nun gab die Regierung von Premier Benjamin Netanjahu jedoch offenbar dem Druck von UNO sowie nationalen und internationalen Menschenrechtsorganisationen nach und erklärte sich bereit, 5.000 Impfdosen aus seinem Fundus abzutreten, meldete am Dienstag AFP. Die Menschenrechtsgruppen hatten Israel vorgeworfen, seiner Verpflichtung als Besatzungsmacht nicht nachzukommen. Die israelische Regierung wies das zurück.

Die palästinensische Nachrichtenagentur WAFA erwähnte übrigens mit keiner Silbe, woher die Impfdosen stammen. Auch die Palästinensische Autonomiebehörde hüllte sich in Schweigen. Ein Grund dürfte sein, dass die PA keinen Zweifel daran aufkommen lassen will, selbst in der Lage zu sein, ihre Bevölkerung medizinisch zu versorgen.

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