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Aus: Ausgabe vom 02.02.2021, Seite 11 / Feuilleton
Kulturgeschichte

Kolonialismus, Karies, Coca-Cola

Der Historiker James Walvin untersucht in seinem Sachbuch »Zucker« die hochproblematische Gier nach dem süßen Zeug
Von André Weikard
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Kontrolliert vom US-amerikanischen Zuckerkartell: Zuckerrohrplantage in Kuba (1904)

Der Sonnenkönig Ludwig XIV. hatte mit 40 Jahren keinen Zahn mehr im Mund, und Elisabeth I. von England schaut auf zeitgenössischen Porträts womöglich deshalb so verkniffen spitzmündig drein, weil ihr Lächeln abscheulich gewesen sein soll. Die Monarchen gehören zu den ersten Opfern einer Droge, die sich im 16. Jahrhundert zunehmend in Europa verbreitet: Zucker. Das ultimative Süßungsmittel aus Übersee, das zunächst nur die Zähne der Wohlhabenden zerstört, bevor es zum Grundnahrungsmittel der gesamten Bevölkerung wird, hat aber nicht nur gesundheitlich fatale Folgen. Der arbeitsintensive Anbau von Rohrzucker führt dazu, dass Millionen Afrikaner in die Sklaverei verschleppt, Wälder gerodet und die ursprünglichen Bewohner aus den Anbaugebieten vertrieben oder in den Plantagen zu Schwerstarbeit gezwungen werden.

Die Geschichte vom Aufstieg des Zuckers, die der britische Historiker James Walvin in »Zucker – Eine Geschichte von Macht und Versuchung« erzählt, spannt einen weiten Bogen. Dazu gehören Erkenntnisse der Archäologie, die in der überwiegenden Zahl der Skelettfunde von der Eisenzeit bis ins Mittelalter so gut wie keine Löcher in den Zähnen der Verstorbenen gefunden hat. Oder die erstaunliche Auflistung von Zahlen, die das Ausmaß des Sklavenhandels belegen, der in direkter Verbindung mit der Zuckerproduktion stand. Zugegeben, Walvins akribische Schilderung der Ereignisse von Barbados bis Guadeloupe, von Martinique bis Jamaika folgt immer demselben Muster: Nach Brandrodung und Vertreibung werden Zuckerrohrmühlen gebaut, und die Importe von Arbeitskräften nehmen zu.

Spannender ist die Schilderung der Impulse, die der europäische Zuckerkonsum im 17. Jahrhundert bekommt, da er mit dem Import von Tee und Kaffee zusammenfällt. Oder die Schilderung der Rolle des Rums, der zunächst als Abfallprodukt in der Zuckerherstellung bestenfalls Sklaven verabreicht, später als Tauschmittel gegen weitere Sklaven nach Afrika verschifft wird und schließlich seine Nützlichkeit als Betäubungsmittel der Ausgebeuteten auch unter Seeleuten und Militärs unter Beweis stellt.

Der Siegeszug des Zuckers mündet in der industriellen Verarbeitung, die zuerst in den USA Fahrt aufnimmt. Erfindungen vom Schokoriegel über den Lutscher bis zur zuckerübergossenen Hochzeitstorte werden allesamt um das Jahr 1900 gemacht. Kekse, Marmeladen, Kondensmilch, Sirup und fabrikgefertigtes Konfekt folgen. Mit den Eisschränken kommen Speiseeis und Coca-Cola in großem Umfang hinzu. Auch Frühstückszerealien, die nicht selten zur Hälfte und mehr aus Zucker bestehen, ersetzen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Ei und Haferkleie als Standardfrühstück der US-Amerikaner und verändern schließlich die Essgewohnten in weiten Teilen der Welt.

Auch der frühe US-Imperialismus ist durch das wirtschaftliche Interesse am Zucker motiviert. »Wie früher die Europäer warfen die Amerikaner aufgrund ihrer kolonialen Gelüste ein gieriges Auge auf die Zuckerregion«, resümiert der emeritierte Professor der Universität York. Kuba, in dieser Zeit längst de facto Teil des US-Wirtschaftsraums und vollständig von einem Zuckerkartell aus den Staaten kontrolliert, führt im 19. Jahrhundert doppelt so viele Sklaven ein wie der gesamte nordamerikanische Kontinent – Zehntausende pro Jahr. Und das obwohl hier wie da der Handel mit Sklaven offiziell bereits illegal ist.

In Deutschland müht man sich mangels eines Kolonialreichs um eine Zuckerautarkie auf Basis von Zuckerrüben. Wurden hierzulande 1886 noch eine Million Tonnen Zucker auf diese Weise gewonnen, war es 1906 bereits die doppelte Menge. Walvins Chronologie mündet in einer kurzen Geschichte der Softdrinks, die vor allem die Rolle der Fast-Food-Ketten betont. Während die historischen Schilderungen mit eindrücklichen Details aufwarten, fällt der ernährungswissenschaftliche Teil, der die Schlusskapitel des Buches bildet, allerdings ab. Lustlos wirkt die Reihung von ernüchternden Studienergebnissen zur Zunahme der Fettleibigkeit in der Gesellschaft, vieles weiß man längst. Dafür bietet »Zucker« spannende Einblicke in die Mechanismen der Globalisierung, die mitnichten eine moderne Erscheinung ist.

James Walvin: Zucker. Eine Geschichte über Macht und Versuchung. Aus dem Englischen von Sonja Schuhmacher und Claus Varrelmann. Oekom-Verlag, München 2020, 336 Seiten, 29 Euro

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