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Aus: Ausgabe vom 30.01.2021, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Hinter der Tapetentür

Elf Thesen wider den Kulturalismus
Von Stefan Ripplinger
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Horror vor Widersprüchen: Kulturalismus ist illusionäre Kohäsion durch geteilten Narzissmus

Kämpfe hatten Zeichen, nun sollen Zeichen Kämpfe sein. Auf welche Weise du jemanden anredest, welche Kleidung du trägst, was du isst – das sind nun deine Taten. Du sollst glauben, nicht deine Lage, sondern dein Geschmack mache dich zu dem, was du bist. Solange du die richtige Kultur wählst, darfst du dir als ein Richtiger vorkommen. Mag heute jenseits des Kulturalismus, der nahezu das gesamte politische Denken überschattet, kaum noch etwas zu erkennen sein, gab es durchaus eine Zeit vor ihm.

Die Einbildung, dass Lebensweltliches über Klassen und Konflikte siegte, ist so alt wie der Versuch, den Kapitalismus innerhalb des Kapitalismus zu überlisten. Der pfäffische Trug des Bürgertums, Werte seien stärker als Mächte, setzte sich mit den Grünen auch außerhalb des Bürgertums durch. Doch erst etwa zu der Zeit, als Derivate über Kapitalien triumphierten, schien sich die Kultur endgültig von der Produktion zu lösen. Eine triviale Welt entstand, in der Gruppen nicht mehr von Interesse, sondern von Identität zusammengehalten werden, die von Outfit, Emblemen, Gesten, Etikette, Erzählungen gestiftet wird.

Traute und wüste Geschichten, ob von Gerechten oder Ungerechten, von Zivilisierten oder Unzivilisierten, von Anständigen oder Unanständigen, hört man nun viele, aber nichts mehr von einer Geschichte, die einer soziologischen und historischen Überprüfung standhielte. Es ist überfällig, dieses Phänomen schroff zu beleuchten.

1. Ökonomismus und Kulturalismus bezeichnen den Verfall des sozialistischen und des liberalen Denkens respektive.

Der Fehler des Ökonomismus, also der bloß mechanischen Ableitung des Überbaus aus der Produktionsweise, ist seit Friedrich Engels erkannt und seit Antonio Gramsci von vielen berichtigt worden. Strukturell ist der Ökonomismus mit dem Kulturalismus verwandt, denn beide beruhen auf undialektischer, unhistorischer Denkweise. Es wechseln lediglich die Vorzeichen:

2. Während der Ökonomist nur die Produktion als wirklich anerkennt, erkennt der Kulturalist nur die Kultur als wirklich an.

Der Ökonomist ignoriert ebenso wie der Kulturalist, dass die »Beziehung zwischen materieller und geistiger Produktion nicht direkt, sondern vermittelt« ist, wie Max Raphael (»Zur Erkenntnistheorie der konkreten Dialektik«, 1934) feststellte. Der Ökonomist hält die Produktion für autonom, der Kulturalist die Kultur. Unrecht haben beide, auch wenn der Ökonomist bloß vergröbert, was der Kulturalist gar nicht mehr sehen will. Kultur kommt von Produzieren, ist Praxis, aber sie ist mehr als die Begleitmusik zur Produktion, ja kann selbst Produktivkraft sein. Manche kulturellen Traditionen halten sich länger als Produktionsweisen, ja in einigen Fällen sogar länger als die Klassen, die sie getragen haben. Schon allein der Klassenkampf, den man mit John Holloway (»We Are the Crisis of Capital«, 2019) auch in »Waren, Geld, Kapital, Miete« und in der eigenen Steuererklärung erkennen können sollte, verläuft über ideologische Zwischenglieder, über Verkennung, Verschiebung, aber auch Spekulation und Vorwegnahme. Zu erklären wäre deshalb die Wechselwirkung von Basis und Überbau mit einem dynamischen Gesellschafts- und Kulturmodell, über das aber weder Ökonomisten noch Kulturalisten verfügen.

Während sich die Marxisten ihrer ökonomistischen Brüder schämen, halten sich die Liberalen mit Kritik am Kulturalismus zurück. Das hat seinen Grund darin, dass der Kulturalismus die Geschäftsgrundlage des Kapitalismus abschirmt. Der Kulturalismus schiebt »Kultur« vor die Produktion, vor die Kämpfe, vor die Widersprüche. Mit anderen Worten:

3. Der Kulturalismus hat einen verkürzten Begriff von Kultur.

»Kultur« lässt sich als Begriff, jedoch nicht als Phänomen isolieren. Wie Raymond Williams (»The Long Revolution«, 1961) lehrte, meint »Kultur« weder die Produktionsweise noch die Familienstruktur, noch die Institutionen, noch die Kommunikationen. Aber es verfehlte sie und ihr dichtes Gewebe, wer von ihr nicht immer auch im Zusammenhang mit Produktion, Familie, Institutionen, Kommunikationen spräche.

Wer »Kultur« fassen wollte, sollte einfach die avancierteste reaktionäre Philosophie unserer Zeit, Niklas Luhmanns Systemtheorie, umkehren, etwa ihre Konzeption eines von der Umwelt abgekoppelten Kommunizierens von Systemen oder die Annahme, Praxis sei vollständig durch Kommunikation zu ersetzen. Kultur, gegen Luhmann verstanden, wäre dann ein Alles-Umfassendes, aber nicht Alles-Bestimmendes, ein Muster, nach dem wir leben, eine Ideologie, der wir uns unterwerfen, eine Hoffnung, deretwegen wir kämpfen.

Wie die meisten reaktionären Lehren spiegelt die von Luhmann ihre Epoche: Mit der Konsumgesellschaft drängte sich die Vorstellung auf, auch existentielle Entscheidungen seien solche von Geschmack und Vorliebe (bei Luhmann: »[doppelte] Kontingenz«), die Erscheinungen des täglichen Lebens ließen sich von ihrer Erzeugung trennen (»Emergenz«). Wie der Strom aus der Steckdose, so schien der Western aus dem Fernseher oder das Gedicht vom Abreißkalender zu kommen. Von der oft verwickelten, ja paradoxen Entstehung kultureller Formen und Praktiken entfernte man sich, als sie zu Waren wurden.

Und noch etwas anderes machte sich, ebenfalls ganz im Sinne Luhmanns, seit den 1960er Jahren geltend: die Ausdifferenzierung von erst noch über Lebenswelten, dann nur mehr über Chiffren organisierten Subkulturen; nach den Hippies kamen die Hipster. Unter solche sozialen Stile werden völlig unterschiedliche soziale Typen zusammengedrängt. Ein Hipster ist als solcher sofort zu erkennen, aber nicht, ob er ein lässiger Börsenmakler oder ein modischer Paketbote ist. In seinem Horror vor inneren Widersprüchen stellt der Kulturalismus scheinbar homogene Gruppen her.

Diese Pseudohomogenisierung und -autonomisierung von kulturellen Formen und Gruppen ist der Ursprung des Kulturalismus, der bald gar nicht mehr nach Gesellschaft, sondern nur nach Erscheinungen fragte. An den Erscheinungen selbst kann Kritik nicht geübt werden, denn sie bedeuten nur etwas, wenn sie in Gebrauch genommen werden. Von Ernst Bloch bis Terry Eagleton haben Marxisten im Vorschein der Kunst einen Wegweiser für den emanzipatorischen Kampf erkannt. Mit der Abtrennung der Kultur vom Kampf verliert der Vorschein seinen Sinn. Vorschein, Schein, Erscheinung wird zur Täuschung.

4. Der Kulturalismus erkennt die Grundlage der eigenen Kultur nicht.

Der Kulturalismus täuscht sich auch über sich selbst. Das beginnt mit seinem Glauben, Kultur wie einen Käse aus der wohlsortierten Theke wählen zu können. (Dies unterscheidet ihn übrigens von der streng verstandenen Identitätspolitik.) Die Geschmacksprofile von Facebook und anderen Websites legen nahe, dass sich das Individuum, indem es dieses und jenes bevorzugt, findet oder gar »selbst erfindet«, wie es gern heißt. Aber wer sich selbst zu erfinden glaubt, ist selbst erfunden. Zwar leben wir nicht mehr in den überschaubaren Gesellschaften, die die Ethnologin Ruth Benedict untersuchte, aber ihre Einsicht (»Patterns of Culture«, 1934), dass Kultur ein Muster sei, nach welchem die so oder so verfasste Gesellschaft den einzelnen zurechtbiege, trifft noch immer zu. Sie schrieb, dass in unserer Gesellschaft Menschen, die, entgegen dem kapitalistischen Muster, nicht zum Gewinnstreben neigen und auch nicht mehr zurechtgebogen werden können, bald die Population der Streuner oder der Bohème bereichern und dann für »bösartig« oder »töricht«, wenn nicht für neurotisch gehalten werden. Das Muster kommt von außen, von oben.

Selbst wenn in einer diversifizierten, bereits zersplitterten Gesellschaft Wahlmöglichkeiten bestehen mögen, können nicht alle sie ergreifen. Für vegane Ernährung und Netflix-Serien können sich viele Angehörige urbaner Subkulturen entscheiden, aber kein Kind aus dem Slum von Kuala Lumpur und die wenigsten Fleischerlehrlinge. Wer fragt, wie es kommt, dass sich manche so frei ihren unfreien Vorlieben hinzugeben scheinen, während das Leben anderer noch immer von bitterer Notwendigkeit bestimmt ist, stößt auf die materielle Voraussetzung des Kulturalismus.

5. Die Illusion von einer Autonomie der Kultur wird stärker in dem Maße, in dem bestimmte Gruppen ihre Existenzgrundlagen ausblenden können.

Nicht von Geld zu reden muss sich einer oder eine leisten können. Die viele Freiberufler beunruhigende Erscheinung, dass der Auftraggeber über spannende Inhalte und erst nach Aufforderung über das schnöde Honorar sprechen will, liegt nicht nur in dessen Absicht begründet, den Beauftragten nach Strich und Faden auszubeuten. Es gab tatsächlich noch bis zur Coronazeit verbreitet Gruppen in der Gesellschaft, die über genügend große Ressourcen verfügten, um über ihre eigenen Existenzgrundlagen nicht sprechen zu müssen. Daraus ergibt sich eine Voraussage über das Ende des Kulturalismus:

6. Steigt die Not, nimmt der Kulturalismus ab.

Wem das Wasser bis zum Hals steht, der wird nicht mehr über sein bevorzugtes Mineralwasser zu sprechen geneigt sein. Dass Menschen sich über ihre Favoriten in Musik, Film und Freizeit, über Signale und Stile definieren, schiebt die ärgerlichen Aspekte ihrer Existenz, die Demütigung und Entfremdung des Erwerbs, beiseite. Doch wem keine Freizeit mehr bleibt, der kann sich auch nicht mehr mit ihr staffieren. Allerdings ist die Selbstbestimmung nur eine Funktion des Kulturalismus, eine zweite, vielleicht wichtigere, jedenfalls bedenklichere, ist die Bestimmung der andern.

7. Der Kulturalismus kennt Differenzen, keine Widersprüche.

Wenn er sich behaupten will, grenzt sich der Kulturalismus ab und vollzieht das, was Pierre Bourdieu »Distinktion« genannt hat. Genossen und Gegner unterscheidet der Kulturalismus anhand von Personen und Vorlieben, nicht anhand von Klassen und Interessen. Dass die eine Klasse die andere, das eine Interesse das andere bedingt, muss ihm ebenso entgehen wie der Umstand, dass es die »dritte Welt« nicht ohne die erste gäbe. Dies ignorante Denkschema firmiert unter »Clash of Civilizations«.

Von den »Opinion Leaders« Mitteleuropas aus gesehen, haben wir bei uns eine säkulare, rationale, urbane Kultur, gegen die Horden von religiösen, traditionalistischen, dörflichen Völkern anrennen, die migrantischen und muslimischen »Barbaren« (von den Griechen einst so genannt, weil sie nicht ihre Sprache sprechen). Der westliche Kulturalist wundert sich, warum die Iraker auch nach dem Einmarsch nicht sein wollen wie er, und fühlt sich in seinem Vorurteil gekränkt, wenn die Barbaren in Smartphones stammeln. Mit seinem plumpen Modell lässt sich weder das Aufkommen von Islamismus unter depravierten Jugendlichen in den Banlieues noch die Hinwendung von abgehängten »Working Poor« zum Populismus erklären. Kulturalistische, ressentimentgeladene Bilder machen abwechselnd warm und kalt ums Herz, aber erklären nichts. Mehr noch:

8. Kulturalismus ersetzt Auseinandersetzung durch Bindung.

Durch die Einteilung in eine sympathische Gruppe (die eigene) und eine ­unsympathische (die der andern) wird eine politische Auseinandersetzung umgangen. Jeder und jede Linke hat Vorbehalte gegen die deutsche Sozialdemokratie oder gegen die »sozialpartnerschaftliche« Tendenz der Gewerkschaften. Ersetzen diese Vorbehalte aber Erkenntnis und Diskussion, ist die materialistische Linie verlassen. Denn dann ist die analytische Frage aus der Hand gegeben, weshalb die sozialdemokratischen Parteien in Europa auf dramatische Weise untergehen, oder die taktische, wo lokale Kooperationen mit einer Gewerkschaft möglich wären. Der Vorteil, den der Kulturalismus ungebundenen einzelnen bietet, ist Zusammenhalt nicht entlang von stets neu zu findenden politischen Positionen, sondern von Formen und Signalen. Es ist die illusionäre, deshalb brüchige Kohäsion durch geteilten Narzissmus.

Hermann Broch beobachtet in »Hofmannsthal und seine Zeit« (1948) einen Gruppennarzissmus, der sich in einem »ästhetischen Stolz (…) auf die spezifische körperliche Schönheit der Gruppe, auf die spezifische Art ihrer Alltagsgestaltung sowie auf die Art ihrer Genussfähigkeit« äußere. Wer so gemütlich im eigenen Saft ruht, lässt sich ungern stören.

9. Der Kulturalismus hat einen verkürzten Begriff von Ideologie.

Aufgestört, entdeckt der Kulturalismus, vor allem der sich für links haltende, überall die Ideologie der andern, niemals ihre Triebfedern und Hebel. An ihnen hat er deshalb weiter kein Interesse, weil er an die eigenen nicht rühren will. Während dem Liberalen früher alles, was sich seinen Interessen sperrt, als »freimaurerisch«, »anarchistisch« oder »kommunistisch« galt und er glaubte, die Gegner der frommen Denkungsart hätten, wie Bloch spottete, »das Messer zwischen den Zähnen«, ist ihm heute rasch etwas »faschistisch«, wenn nicht »antisemitisch«. Da es ihm auf ein Inwiefern, Woher und Weshalb nicht ankommt, kann für ihn im Prinzip jeder Prolet, für den William Gates kein guter Mann ist, ein Faschist sein. Die Frage, warum der Prolet Faschist wurde, wenn er es ist, beantwortet der Bruder des Kulturalismus, der Psychologismus: »Muss verrückt geworden sein.«

10. Der Kulturalismus ist ein Glauben.

»Verrückt«, nämlich nicht mit sich selbst identisch, sollen alle sein, die nicht ins kulturalistische Schwarzweißschema passen. So sagte Joseph Biden, Afroamerikaner, die nicht ihn wählen, seien »gar nicht schwarz«. Tatsächlich hat Donald Trump überraschend Stimmen von Minderheiten und Frauen hinzugewonnen. Aber wenn die Wirklichkeit sich nicht dem Kulturalisten fügt, leugnet er sie kurzerhand. Diese Einfalt fordert ihren Preis: Des Denkens, das er andern abspricht, muss der Einfältige sich selbst enthalten. Ein Beispiel. In einem langen Aufsatz über die größte Gefahr unserer Zeit – das soll die »Verschwörungstheorie« sein – schreibt die Soziologin Eva Illouz (Le Monde, 11.12.2020): »An die Wissenschaft zu glauben oder nicht zu glauben ist zu einer eminent politischen Frage geworden, zweifellos zu derjenigen, die über die Zukunft der Welt entscheiden wird.« Die Wissenschaft, die Aufklärung, der Stolz der Neuzeit, ist nur durch entschlossen unwissenschaftliches, unaufgeklärtes Gebaren zu retten, nämlich durch einen Rückfall in den Glauben, also genau in das, was den unaufgeklärten Massen des Südens und der Vorstädte unterstellt wird. So sistiert, ist die Aufklärung nur mehr eine kulturelle Form, verdinglicht, austauschbar. Das ist die umgekehrte Midasgabe des Kulturalismus: Er greift nach fortschrittlichen Mitteln und Formen, aber unter seinen Händen werden sie zu Hüllen.

Ein Tatkräftiger hätte den Fall wohl mit den Worten geschlossen, die Kulturalisten interpretierten die Welt nur, es komme darauf an, sie zu verändern. Doch erstens verändern sie sie interpretierend auch, und nicht zum Besseren, zweitens mag mit Blick auf das magere Häuflein derer, für die Veränderung mehr ist als bloß Tapetenwechsel, solche Tatkraft tollkühn erscheinen. Ein wenig passiver Widerstand ist aber immer drin:

11. Solange Kulturalisten definieren, was Kultur ist, können sie unsere nicht meinen.

Stefan Ripplinger, Jahrgang 1962, ist Journalist, Herausgeber und Übersetzer. Er lebt in Berlin. Zuletzt veröffentlichte er »Kommunistische Kunst und andere Beiträge zur Ästhetik« (Konkret-Verlag, 2019) sowie »Mallarmés Menge« (Matthes & Seitz, 2019). In der Ausgabe vom 18./19. Juli 2020 erschien von ihm an dieser Stelle »Aufs Ganze gehen. Eine kurze Einführung in das vielseitige Denken des Marxisten Fredric Jameson«.

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