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Aus: Ausgabe vom 30.01.2021, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Gartenkultur

Winter im Park

München und Berlin: Englischer Garten und Humboldthain könnten unterschiedlicher nicht sein
Von Gisela Sonnenburg
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Der Monopteros im Englischen Garten lockt seit 1836 Interessierte an

Die Kühle der Winterluft macht etwas mit uns. Ob mit oder ohne Schneefall: Der Kopf wird klarer, die Gedanken streben stärker einem Ziel zu. Es ist die ideale Zeit, um einen Spaziergang ohne weiteren Nutzen zu unternehmen, nur zur Selbsterkenntnis. Um sich über etwas im Stillen klarzuwerden. Vor einer Entscheidung oder wenn man sich in einem Konflikt befindet. Der Körper hilft dann mit sinnlichen Erfahrungen. Winterspaziergänge sind ein Trick. Man setzt sich der bissigen Kälte der Welt bewusst aus, um zu spüren, wie sie sich langsam durch die verschiedenen Kleidungsschichten bohrt.

Zugleich versucht man automatisch, dem kaltherzigen Monstrum namens Winterwind durch zügige Bewegungen zu entkommen – und sich alsbald bei einer Tasse Tee oder Punsch gemütlich aufzuwärmen. So lässt sich der Shutdown leichter ertragen. Besonders Hartgesottene veranstalten sogar Winterpicknicks auf der Parkbank: mit dampfendem Kaffee aus der Thermoskanne und mitgebrachten Stullen. So ist es zu beobachten, vor allem in München, in einem der größten öffentlichen Parks weltweit, im Englischen Garten.

375 Hektar Grün. Bevor sich der Name »Englischer Garten« – nach dem Stil englischer Landschaftsgärten – durchsetzte, hieß die Anlage nach dem Kurfürsten Karl Theodor, dem sie auch zu verdanken ist: »Theodors Park«. Am 1. April 1792 wurde dieser eröffnet, und er war einer der ersten öffentlich begehbaren Parks überhaupt.

Heute nähert man sich ihm am besten vom gediegenen Innenstadtviertel namens Lehel aus. Dann trifft man gleich zu Beginn des Spaziergangs auf eine Attraktion, die es im 18. Jahrhundert mit Gewissheit noch nicht gab: auf die berühmt-berüchtigten »Eisbach-Surfer«, deren Bezeichnung im Winter besonders einleuchtet und die sogar auf manchen Stadtplänen eingezeichnet ist.

Der Eisbach hat aber rein gar nichts mit den Jahreszeiten zu tun. Er ist einer von drei Hauptflüssen, die den Englischen Garten durchziehen. Der Schwabinger Bach und der Oberstjägermeisterbach – so skurril-poetisch können bayerische Flussnamen sein – sind die zwei anderen. Zusätzlich gibt es quer dazu verlaufende kleine Kanäle, die diese Gewässer miteinander verbinden. Zum Teil vereinigen sich auch mal zwei Flussstränge, um später wieder auseinanderzulaufen. Der Eisbach mündet schlussendlich in die Isar, den größten Münchner Strom.

Die Surfenden treffen sich an jener Stelle im Englischen Garten nahe der Prinzregentenstraße, wo der Eisbach sprudelt und strudelt, als sei er ein reißender Gebirgsbach. Bei Sonne, Regen, Schnee – in Sichtnähe der belebten Straße tobt hier der Leistungssport. Viele Menschen kommen und gucken, und die Sporttreibenden suchen Anerkennung. Sie riskieren dafür wörtlich Kopf und Kragen. Am Ufer hat man darum eine Rettungsstelle eingerichtet. Jeden Tag in der Frühe, sowie das Tageslicht anhebt, beginnt das Spektakel: Männer wie Frauen in schwarzen Surfanzügen stehen Schlange, um nacheinander auf den Stromschnellen mit Profibrettern zu surfen. Wer sich von ihnen am längsten stehend über Wasser hält, ist ungekrönter Sieger. Etwas abseits kann man sie dann alle tropfnass mit Handtüchern hantieren sehen – frierend, aber von ihrer Mission, die Welt mit ihren Wellenritten zu begeistern, erfüllt.

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Münchner Attraktion auch im Winter: Die Eisbach-Surfer im Englischen Garten

Abgeholztes Grün

Eine solche lebendige Sensation hat kein Park in Berlin zu bieten. Aber der Volkspark Humboldthain, dessen Baubeginn auf den 100. Geburtstag von Alexander von Humboldt fiel – also auf den 14. September 1869 – brilliert mit anderen Seltsamkeiten, auch im Winter. Allerdings sind es eher traurige Nachrichten, die von diesem Park überbracht werden. Denn hier herrscht eine regelrechte Abholzungsmanie des zuständigen Bezirksamts, das seit Jahren für immer mehr große Löcher im grünen Gefüge sorgt.

Früher, also um 1900, gab es hier noch Gewächshäuser, einen malerischen Teich und eine Kapelle, die »Himmelfahrtskirche«. All das ist verschwunden. Heute gibt es noch die Reste eines Hochbunkers zu bestaunen, den die Nazis 1941/42 als Flakturm anlegten. Mit Kletterseilen wird hier – auch im Winter – von Sportlichen die Steilwand erklommen, während der Rest der Erholungswilligen die Serpentinen der Wanderwege nutzt, um zur Plattform zu gelangen. Unterhalb des von Bäumen und Büschen bewucherten Gemäuers ranken sich Glyzinien um eine weitläufig angelegte Pergola. Sie begrenzen den dort verschwiegen liegenden Rosengarten. Viele Rosenarten werden im Frühling, Sommer und Herbst dort gehegt und gepflegt: in Beeten, als Stämme, an Spalieren. Im Winter vermisst man den Duft, der zur Saison den Rosengarten erfüllt. In den Wintermonaten ist er auch gar nicht geöffnet.

Schlimm sieht jetzt allerdings die äußere Umrandung des Rosengartens aus. Das Bezirksamt Mitte von Berlin trägt einen hochtrabenden Titel, aber um seine Gartendenkmäler – und der Humboldthain ist ein solches – kümmert es sich weniger als notdürftig. Kürzlich holzten Gartenbaukräfte den unteren Teil der Busch- und Baumumrandung des Rosengartens einfach ab. Unsachgemäßer Rückschnitt verunstaltet und tötet nun die Pflanzen. Rhododendron und Hainbuchen sollten hier als Sicht- und Schallschutz für den Rosengarten dienen. Jetzt stehen sie um ihren Bewuchs beraubt da. Der Wind fährt durch sie hindurch und wird sie austrocknen.

Auf der anderen Seite hinter dem Rosengarten wurden intakte Bäume gefällt – reihenweise. Das wird gut bezahlt. Den tatsächlichen Preis zahlen die Insekten und andere Tiere, denen jetzt der Lebensraum fehlt. Auf der anderen Seite des Weges wurde das Gehölz ausgedünnt und das Areal wird nun als Toilette benutzt. Angepflanzt wurde hier schon seit über einem Jahrzehnt nichts mehr. Nur noch abgeholzt. Keine Hecke verhindert mehr das Einsteigen in den Rosengarten über den niedrigen Zaun.

Wer die Vögel und Eichhörnchen dort mit Nüssen, Samen und Rosinen füttern will, hat es dadurch leichter als früher. Aber für die Tiere selbst muss die Abholzung ein Schock gewesen sein. Sie forderte auch manches Leben kleiner Kreaturen. Denn ohne Dickicht können Amseln, Eichelhäher und Meisen nicht existieren. Und der Plastikmüll, den menschliche Parkbenutzer zurücklassen, wird zwar ab und an eingesammelt. Aber gründlich ist die Säuberung nicht: Wer genau hinschaut, entdeckt am Waldboden verrostende Dosendeckel und ausgelaufene Batterien. So etwas würde es im Englischen Garten in München nicht geben.

Die bayerische Hauptstadt ist bekannt für zur Schau gestellte Reinlichkeit. Gehsteige und Straßen im Zentrum sind oft wie geleckt, so sauber. Auch im Englischen Garten, dem Prunkstück zentral gelegener großstädtischer Natur, wird aufgeräumt. Sogar die Sitzbänke sind intakt – und nicht wie im Berliner Tiergarten so verkommen, dass man Splitter im Gesäß riskiert. Für die ist übrigens auch der Bezirk zuständig.

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Rhododendron sollte eigentlich nur in Form gebracht werden. Im Berliner Humboldthain blieb nur dieser Stumpf über

In München im Englischen Garten geht man derweil nach dem Applaudieren für die Eisbach-Surfer weiter geradeaus, dann halte man sich links. Weite Wiesen und hohe Bäume säumen den Weg. Nach einer Weile erscheint ein Hügel mit einem kreisrunden Tempelbau. Dieser Monop­teros wurde 1836 erbaut. Mit seinen Säulen hat er etwas antik-exotisches, das verträumte Menschen magisch anzieht. Aber auch der nahe gelegene Chinesische Turm, unter dem in Sommern ohne Pandemie ein großer Biergarten floriert, hat zweifelsohne exotisches Flair. Schon 1789 erbaut, erinnert er daran, dass das Jahr der Französischen Revolution auch für die bayerische Gartenkultur prägend war.

Ästhetischer Gartenbau

Im Februar 1789 verfügte nämlich besagter Kurfürst Karl Theodor, dass in allen bayerischen Garnisonsstädten die Soldaten in Friedenszeiten die öffentlichen Gärten instand halten sollten. Die Idee stammte vom Kriegsminister, der die Gartenarbeit wohl als Fitnesstraining und Konzentrationsübung begriff. Der Kurfürst wiederum hatte ein Interesse daran, der Bevölkerung Möglichkeiten für Spaziergänge mit ästhetischer Erbauung zu verschaffen.

Im nördlichen Teil des Englischen Gartens ästen damals noch Hirsche und Rehe. »Hirschau« heißt die Gegend darum noch heute. Aber um sie vom südlichen Teil aus zu erreichen, muss man den Isarring überqueren, eine der Hauptverkehrsadern der Stadt. Das ist über eine Brücke für den Fuß- und Radverkehr möglich. Kurz vor dem Übergang wartet der Park noch mit einem besonderen Juwel auf, dem Kleinhesseloher See. Von den zahlreich dort Joggenden abgesehen, hat man eine prototypische romantische Idylle vor sich. Die weichen Linien des Ufers, die glatte Oberfläche des Sees, die elegisch sich biegenden Bäume am Horizont, dazu gepflegte Wege – da muss man in Berlin lange suchen, um eine so intakte Spazierflur vorzufinden.

Die entscheidende gärtnerische Signatur im Englischen Garten stammt von Friedrich Ludwig Sckell. Als Sohn des Hofgärtners in Schwetzingen konnte er zunächst die Position des Vaters übernehmen, bildete sich aber auch in Versailles und drei Jahre in England in Sachen Gartenbau fort. Seine Karrierestationen klingen theatral: 1799 wurde er Gartendirektor für die Pfalz und Bayern, 1804 avancierte er zum Hofgartenintendanten in München.

Gartendirektor! Hofgartenintendant! Ob man solcherlei Posten heute in Berlin einführen sollte, um die grobschlächtig anmutende Bezirksgärtnerei zu verbessern? Sckell wurde 1808 sogar zum Ritter von Sckell ernannt. So ein Adelstitel ist aber vielleicht nicht nötig, um darauf aufmerksam zu machen, dass Parks nicht nur zum Durchradeln da sind. Seit der Fußballweltmeisterschaft 2006 und ihrer Fanmeile nahe dem Tiergarten sind etliche Berliner Parkwege mit Pflastersteinen unter dünner Sandstreuung zur Radstrecke umfunktioniert worden. So lassen sich der Tiergarten und weitere Anlagen auch bei Regen und Schneematsch mit dem Rad erkunden. Spazierengehen ist auf starrem Stein dagegen eher misslich. Also wird neben den Wegen oder quer durch die Wiesen gelatscht. Wilde Trampelpfade sind der kalkulierten Schönheit der Parks selbstredend nicht zuträglich.

Auch der Humboldthain leidet unter dieser Selbstvermehrung der Wege. Sein Architekt, der Lenné-Schüler Gustav Meyer, mag daran niemals gedacht haben. Zu seiner Zeit wurde noch manierlich flaniert. Man könnte wehmütig werden. Winterwehmütig. Und so schuf der Dichter Wilhelm Müller in seinem von Franz Schubert vertonten Gedichtzyklus »Die Winterreise« eine Strophe, die diese Melancholie zwischen Frost und Sonnenschein formuliert: »Gefrorene Tränen fallen / von meinen Wangen ab / und ist’s mir denn entgangen, / dass ich geweinet hab?« Da ist er wieder, der Winter mit seinen besonderen Stimmungen.

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