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Aus: Ausgabe vom 30.01.2021, Seite 12 / Thema
Deutsche Kolonialgeschichte

Kapitale Unterwerfung

Von der Kooperation zur Ausplünderung. Wie etablierte afrikanische Kaufleute in der deutschen Kolonie Kamerun ausgeschaltet wurden
Von Gertrud Rettenmaier
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Erst kamen die Kaufleute, dann Vertreter des Kaiserreichs. Bei der Ankunft eines deutschen Gouverneurs in Duala während der Kolonialzeit müssen die Einheimischen Spalier stehen (undatiert, etwa zwischen 1902 und 1908)

Afrika wird als Kontinent der Entwicklungs- und Hilfsbedürftigkeit betrachtet, dem mit Hilfe der deutschen Wirtschaft auf die Füße geholfen werden soll. Im vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung entworfenen und 2017 vorgestellten »Marshallplan mit Afrika« steht zu lesen: »Hier wachsen die globalen Märkte, die Beschäftigten und Kunden der Zukunft heran.« Um die Menschen an die Bedürfnisse der kapitalistischen Marktwirtschaft anzupassen, unterstützt die dem Ministerium angegliederte Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) u. a. »Menschen dabei, Fachwissen sowie Handlungs- und Steuerungskompetenz zu erwerben«.

Es gab Zeiten, da wurde das ökonomische Interesse mit weniger freundlichen Mitteln verfolgt. Während der deutschen Kolonialherrschaft wurden gezielt Menschen aus ihren Kompetenz- und Handlungsbereichen gedrängt, die Wirtschaft an die Gewinnung von Rohstoffen für den Export angepasst und ihre Handelsstrukturen zerstört. Die Duala in Kamerun sahen sich geballten Angriffen der deutschen Kaufleute und ihrer Kolonialherrschaft ausgesetzt und reagierten unterschiedlich: von Anpassung über Kooperation und Appellen bis hin zum offenen Protest.

Der vorkoloniale Handel

Die europäischen Kaufleute, die seit dem 15. Jahrhundert an den Häfen Afrikas anlegten, passten sich in der vorkolonialen Zeit an die Vorgaben der lokalen Autoritäten an. Sie trafen Vereinbarungen, die beiden Seiten gute Geschäfte ermöglichten. Einer der Handelsorte war die Mündungslagune der Kamerunflüsse, die seit vielen Generationen von den Familienverbänden der Duala bewohnt war und daher auch die Ortsbezeichnung Duala erhielt. Sie waren Fischer, brachten ihr Fanggut ins Landesinnere und tauschten es gegen Agrarprodukte ein. Im Handel mit Europäern wurden sie auch zu Kaufleuten und bauten ein weitverzweigtes Handelsnetz ins Landesinnere auf. Während des 19. Jahrhunderts tauschten sie mit britischen und ab 1860 auch mit zwei Hamburger Handelsgesellschaften an der Küste Elfenbein und in wachsendem Maße Palmöl und Palmkerne gegen europäische Waren. Der Kapitän eines ankommenden Handelsschiffes nahm Verbindung mit Repräsentanten der Duala auf, die mit einem gebührenden Zeremoniell und dem Austausch von Geschenken empfangen wurden. Die Europäer mussten eine jährliche Abgabe, den Comey, in Form von Waren bezahlen, dessen Höhe aus dem geplanten Geschäftsumfang berechnet wurde. Dafür erhielten sie die Handelserlaubnis, und es wurde ihnen Schutz garantiert. Die europäischen Kaufleute gaben Warenkredite (Trust), die Oberhäupter von vier Duala-Familienverbänden King Bell’, King Akwa’, Lock Priso’ und Jim Ekwala’, verpflichteten sich im Gegenzug zur Lieferung von Produkten. Mit der Währungseinheit Crew und Untereinheiten wurden Tauschrelationen über längere Zeit festgeschrieben. Gegen ein Gewehr und 1/4 Barrel Schießpulver gab es beispielsweise 100 Kilogramm Palmkerne, beides wurde zum Wert von einem Crew notiert. Im Wert von einem Bar wurden acht bis zehn Eier gegen eine Flasche Hamburger Bier getauscht.¹

Es muss erwähnt werden, dass die von den Europäern gewählte Bezeichnung »King« irreführend ist. Die Autorität der Oberhäupter gründete sich teils aus der männlichen Erbfolge, teils aus persönlichem Prestige, das bei konkurrierenden Ansprüchen und internen Konflikten immer wieder abgesichert werden musste. Der mit Abstand wohlhabendste und einflussreichste Familienverband waren die Bonanjo, im europäischen Sprachgebrauch als Bell bezeichnet, gefolgt von den als Akwa bezeichneten Bonambela. Im folgenden werden die einprägsameren europäischen Bezeichnungen verwendet.

Im Zuge der Industrialisierung wurden insbesondere Palmöl und Palmkerne zum begehrten Handelsgut. Ab Mitte des 19. Jahrhundert stieg die Nachfrage stark an, aber auch das weltweite Angebot wuchs. Steigende Lieferungen aus Amerika und Australien bewirkten sinkende Weltmarktpreise. Die europäischen Händler in West- und Zentralafrika – in Kamerun neben einigen englischen Firmen ab den 1860er Jahren die Hamburger Firmen Woermann und Jantzen & Thormählen – handelten mit den Duala zunächst auf der Grundlage fester Preise. Als sie versuchten, niedrigere Preise für Palmöl und Palmkerne durchzusetzen, bedeutete das einen Affront für die Duala, die ihren Zulieferern kaum verständlich machen konnten, warum sie für dieselben Waren nun mehr abzuliefern hatten. Es folgten Lieferblockaden, der Handel stockte. Daraufhin riefen die Kaufleute nach staatlich-militärischer Unterstützung. 1883 sprach sich die Hamburger Handelskammer in einer Denkschrift an die Reichsregierung für die Gründung einer deutschen Kolonie aus, unter anderem zum Schutz »der deutschen Kaufleute für diejenigen Gebiete (…), wo sie (…) mit den selbständigen Negerstämmen in Kontakt standen und deren Willkür völlig preisgegeben waren«.² Im Juli 1884 unterzeichneten drei Duala-Oberhäupter einen Vertrag mit den Vertretern der Firmen Woermann und Jantzen & Thormählen und ihrer Schutzmacht Deutschland. Lock Priso neigte eher den Engländern zu. Sein Sitz wurde im Dezember 1884 von deutschen Kriegsschiffen bombardiert und vernichtet.

Was bewog die Duala-Oberhäupter zur Unterzeichnung eines Vertrags, in dem sie ihre Rechte »auf die Landeshoheit, Gesetzgebung und Verwaltung« abgaben? Sicher spielten die Vorschläge und Versprechungen der Kaufleute eine Rolle und ebenso der Auftritt des Reichskommissars Gustav Nachtigal mit einem Kanonenboot als Drohkulisse. Die Oberhäupter hofften jedoch, durch Vereinbarungen mit einem mächtigen Partner ihr Handelsmonopol und ihr Prestige stärken zu können. Ihre Autorität war durch wachsende Konkurrenzen und Konflikte unter den Duala in Gefahr geraten. Dazu hatten zweifellos die europäischen Kaufleute beigetragen, die neue Vertragspartner mit günstigeren Konditionen zu gewinnen suchten. Für Konkurrenten, die genügend Arbeitskräfte mobilisieren konnten, war es nicht schwer, in das Geschäft einzusteigen, denn die Früchte der wildwachsenden Ölpalmen waren für alle zugänglich.

Die Duala-Oberhäupter waren gegenüber den Deutschen durchaus vorsichtig. Sie ließen sich in der Abtretungsurkunde schriftlich zusichern, dass ihr Landbesitz erhalten bleibe, ihnen weiter der jährliche Comey bezahlt werde und ihre Landesbräuche respektiert würden. Ihre wichtigste Forderung war die Aufrechterhaltung ihres Handelsmonopols, das hatten sie in einem vorhergehenden beglaubigten Schriftstück deutlich zum Ausdruck gebracht.³ Dieser Punkt wurde nicht in den Vertrag aufgenommen, jedoch mündlich zugesichert. Die Duala-Oberhäupter verließen sich darauf und durchschauten nicht, dass sie entmachtet werden sollten. In Deutschland erklärte Thormählen wenige Wochen nach der Unterzeichnung öffentlich, es sei »von allergrößter Wichtigkeit«, den »hindernden und kostspieligen Zwischenhandel zu beseitigen«.⁴

Das Gouvernement übernimmt

Die hanseatischen Kaufleute konnten 1886 gemeinsam mit englischen Handelsgesellschaften Preissenkungen auf die Landesprodukte durchsetzen. Gleichzeitig wurde die deutsche Kolonialverwaltung zu ihren Gunsten aktiv. Das Gouvernement verlieh den beiden hanseatischen Firmen das Handelsmonopol, verkündete gegenüber den Afrikanern dagegen den »Freihandel«. 1889 übernahm das Gouvernement die Auszahlung des jährlichen Comeys, der sich dadurch in eine Besoldung verwandelte, die zur Einbindung in die Kolonialverwaltung genutzt werden konnte. Die Oberhäupter mussten dafür die Kolonialverwaltung bei der Durchsetzung von Verordnungen unterstützen und auf jegliche Opposition verzichten, während sie gleichzeitig unter Druck gesetzt und schließlich ruiniert wurden. Für die gegebenen Warenvorschüsse standen die Duala laufend in der Schuld der Handelsfirmen. Wenn die Schulden eine bestimmte Höhe erreichten, schaltete sich das Gouvernement mit drastischen Methoden ein.

In den ersten Jahren wurden »zum Schutze der Faktoreien die Weiber der schwarzen Schuldner gepfändet (…) und mussten die Schulden ihres Herrn abarbeiten und abverdienen«.⁵ Später wurde auf Bestrafungen durch Peitschenhiebe, Zwangsarbeit und Verbannung gesetzt. Das Gouvernement erließ mehrere Polizeiverordnungen, die den Duala Handelsbeschränkungen auferlegten. Trotzdem konnten sie noch einige Jahre ihre guten Beziehungen zu Orten im Landesinneren zu nutzen. 1899 setzte das Gouvernement nach und verfügte eine sechsmonatige Handelssperre in und um das Duala-Gebiet. Die brachte eine Verdoppelung der Handelsstützpunkte der deutschen Firmen und führte zum weitgehenden Zusammenbruch des Duala-Handels. 1900 folgte ein Jagdverbot für Afrikaner, das auch die Elefantenjagd und damit den Elfenbeinverkauf unterband. Weiße Deutsche konnten indessen Jagdscheine erwerben. Ab 1903 wurde eine Kopfsteuer erhoben, die jeden schwarzen Mann verpflichtete, einen Monat im Jahr für das Gouvernement zu arbeiten oder eine entsprechende Zahlung zu leisten.⁶

Um Zugang zum Hinterland zu bekommen, begannen die Firmen, erste Expeditionen ins Landesinnere zu schicken. Bald übernahm eine staatliche Truppe die Eroberung. Bewaffnete Einheiten drangen flussaufwärts vor, um Handelswege zu »öffnen«, Dörfer zu unterwerfen und weitere Zwischenhändler auszuschalten. Gab es Widerstand, wurden »Exempel statuiert«, wie auf der Basis von Tagebuchaufzeichnungen erstellte Berichte veranschaulichen: »Nach etwa viertägigem Aufenthalt dort und Streifereien in der Umgebung hatte er so ziemlich alle Dörfer des Stammes niedergebrannt und den Yettingas einen so heilsamen Respekt vor den deutschen Mauserbüchsen beigebracht, dass sie ihr Land verlassen hatten, ohne dass sie auch nur daran gedacht, ihre ziemlich zahlreichen Todten wegzubringen oder zu bestatten, was sie sonst immer thun.«

Damit die hanseatischen Handelshäuser »direkt mit den Bakokos und noch weiter im Innern wohnenden Stämmen« handeln konnten, wurden die Dörfer der Malimba zerstört und ihre Lebensmittelversorgung abgeschnitten. »Durch das Zusammenwirken von Regenzeit, Hunger, Krieg und eintretenden Krankheiten wurde aber selbst der trotzige Stamm der Malimbas doch endlich nach einigen Monaten mürbe.« Nach Strafzahlungen und der Stellung von Geiseln wurden sie »loyale und willige Unterthanen des Gouvernements«.⁷ Den Expeditionen folgten die Firmen. Sie gründeten Handelsniederlassungen im Landesinneren und schlossen direkte Verträge mit Dörfern abseits der Küste.

Die Duala waren schon vor der Kolonialisierung an Europa interessiert und bereit, Neues zu erlernen und zu übernehmen. Europäische Rechts- und Verwaltungsstrukturen genossen hohes Ansehen. Über Kontakte zu einer Mission war August Manga Bell, der Sohn des Vertragsunterzeichners »King Bell«, bereits in England zur Schule gegangen und auch getauft worden. Dem Wunsch nach deutschen Schulen entsprach die Basler Mission ab 1887 mit der Errichtung von zwei Schulen auf den Gebieten der Familienverbände der Bell und Akwa, die einen hohen Andrang verzeichneten und für deren Besuch die Duala Schulgeld bezahlten.⁸

Zwischen Anpassung und Widerstand

Von August Manga Bell ist eine gewisse Kooperationsbereitschaft mit dem deutschen Gouvernement bekannt, die sich eventuell aus einer zweijährigen Verbannung nach Togo 1888, dem Wunsch, seinem Sohn alle Chancen offenzuhalten, und vielleicht auch noch aus einem gewissen Wohlstand erklärte. Die Kolonialregierung honorierte das: »Wenn dieser den Gouverneur besucht, bekommt er sogar einen Stuhl zum Sitzen. Andere Schwarze, die den Gouverneur besuchen, werden in der Vorhalle stehend abgefertigt.«⁹ Bell legte bereits zu Beginn der 1890er Jahre Kakaoplantagen an, als deutsche Plantagengründungen noch in den Anfängen waren, und ließ als Oberhaupt seines Familienverbands einen repräsentativen Familiensitz nach europäischem Vorbild bauen.

Es gab trotzdem Opposition. 1892 ging die erste Beschwerdeschrift der Duala beim Gouverneur ein, in der sie die Angriffe auf ihr Handelsmonopol und die unwürdige Behandlung und Strafpraxis beklagten. 1893 rebellierten die in Dahomey (heutiges Benin) gekauften Polizeisklaven und griffen das Regierungsgebäude an. 1899 schrieb A. Sylvester Williams, ein junger schwarzer Rechtsanwalt, einen Brief an den deutschen Kaiser, beklagte darin die willkürliche ungerechte Behandlung der Schwarzen in Kamerun und bat um die Achtung universeller Menschenrechte.

Der Brief kam nur bis zur Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes und wurde von Theodor Seitz, kurz zuvor stellvertretender Gouverneur in Kamerun, und dem Kamerunreferenten Theodor Bumiller so beantwortet: Die »sogenannten gebildeten Eingeborenen (…) zeichnen sich durch hervorragende Frechheit gegenüber den Weißen aus«.¹⁰ 1908 erschien in deutscher Sprache und auf Duala eine Kameruner illustrierte Zeitschrift, die der in Altona lebende Mpondo Dika Akwa ermöglicht hatte. In der Zeitschrift wurde das deutsche Kolonialsystem scharf kritisiert und in Frage gestellt.¹¹

Als die Situation immer unerträglicher wurde, beschlossen die Duala-Oberhäupter 1902, eine Delegation zum deutschen Kaiser zu schicken. Vertreter der Bell, Akwa und Deido reisten mit ihren gut Deutsch sprechenden Söhnen als selbstbewusste Botschafter ihres Landes nach Berlin, aber auch sie kamen nicht weiter als bis zur Kolonialabteilung, wo sie ihre Beschwerden und Wünsche in gemäßigtem Ton vortrugen und schriftlich einreichten. Nach ihrer Heimkehr bekamen sie den Druck des Gouverneurs zu spüren. Jesko von Puttkamer tadelte ihre »Frechheit und Unbotmäßigkeit« und stellte klar, niemand außer ihm habe das Recht, an das Auswärtige Amt zu schreiben. Nach dem Prinzip »Teile und herrsche« wurden den Bells ein paar Zugeständnisse gemacht, Dika Akwa dagegen zu fünf Monaten Gefängnis und Zwangsarbeit verurteilt und nach Südkamerun verbannt.

1905 schickten die Akwa eine in deutscher Sprache verfasste Beschwerdeschrift an den Reichstag und den Reichskanzler. Darin brachten sie »die Quälereien des hiesigen deutschen Gouvernements« wie z. B. Auspeitschungen, Zwangsarbeit, Erschießungen, gewaltsame Aneignung von Frauen sowie den Abriss von 370 Häusern zur Sprache und baten um die Abberufung des Gouverneurs und seiner Beamten. Die Informationen schlugen im Reichstag hohe Wogen und gelangten auch in die Presse. Die Sozialdemokraten und die Zentrumspartei verlangten eine unparteiliche Untersuchung. August Bebel prangerte die »außerordentliche Geringschätzung, die der Europäer den Eingeborenen gegenüber besitzt«, und die dahinterstehende »Gewinnsucht« an. Die Regierung jedoch wollte Stärke demonstrieren und beließ das Gouvernement in Kamerun im Amt, das die Unterzeichner vor Gericht stellte und zu mehrjährigen Gefängnisstrafen mit Zwangsarbeit und Verbannung verurteilen ließ.¹² Puttkamer musste 1906 trotzdem abtreten, als ihm eine Verfehlung nachgewiesen werden konnte, die im kaiserlichen Deutschland schwerer wog als Gewaltexzesse gegen Afrikaner. Er hatte seine Geliebte mit einem falschen Pass nach Kamerun geschleust. Sein Nachfolger wurde Theodor Seitz, dem die Duala seit seiner ersten Amtszeit kritisch gegenüberstanden. Sie hatten die Kolonialabteilung ausdrücklich darum gebeten, ihn nicht zum Gouverneur zu machen. Der in Altona lebende Mpondo Dika Akwa wurde nach deutschem Strafrecht wegen Betrugs und öffentlicher Beamtenbeleidigung angeklagt. Sein Anwalt Moses Levi erreichte einen Freispruch.¹³

Herrschaftsideologie

Kolonialherrschaft war von der Seite der Kolonialisten immer als absolute Herrschaft über andere Länder mit ihren Reichtümern und Menschen konzipiert. Jeder Weiße fühlte sich als Herr der Afrikaner, die als minderwertig und unterentwickelt erachtet wurden. »Wenngleich die Schwarzen Menschen sind wie wir Weißen, so sind sie uns nicht ebenbürtig. (…) Der Schwarze ist daher geringwertiger. (…) Nur die Weißen sind zum Herrschen geboren.«¹⁴ Solcherart war die übliche Rechtfertigung. Im Gegensatz dazu traten die Duala bis zum Ende der deutschen Kolonialherrschaft selbstbewusst mit dem Wissen um ihre Gleichrangigkeit auf. Entsprechend wurden sie beschimpft und gedemütigt. Schon der Reichsschullehrer Theodor Christaller, der die Duala-Kinder unterrichtete, unterstellte ihnen, sie lernten »nicht aus Wissensdurst, sondern nur, um andere nachher besser betrügen zu können«.¹⁵ Amtsrichter Glahn äußerte, es gehe »zu weit, dass sich die misserzogenen und verwöhnten Sprösslinge der Famlien Bell und Akwa, nach Kamerun zurückgekehrt, allen Ernstes einbildeten, sie wären wirkliche Fürsten«. Hauptmann Hans Dominik¹⁶ schrieb von »aufgeblasenen Faulenzern«.

1908 wurde der 35jährige Rudolf Manga Bell nach dem Tod seines Vaters zum Oberhaupt des Bell-Familienverbands ernannt. Er stellte sich dem Gouverneur Seitz in seiner neuen Rolle vor und bat darum, wie ein Weißer gesiezt zu werden – alle Schwarzen wurden von den Weißen im Land geduzt. Seitz erzählte in seinen Memoiren etwas belustigt von diesem »Vorfall« und führte aus, es sei schwer festzustellen, welche Vertreter der Duala »in einen höheren Status der Menschenwürde« erhoben werden könnten.¹⁷ Sein Vorgänger Puttkamer hatte bei der Bestrafung der widersetzlichen Akwa die »hohen Kulturaufgaben, welche wir uns gestellt haben« betont, die nicht durch »kleinliche Rücksichtnahme auf derartige tiefstehende Elemente« aufgehalten werden dürften.¹⁸ Wie er sich den Durchmarsch gewünscht hätte, bringt Puttkamer in seinen Memoiren zum Ausdruck. Die Duala seien »das faulste, fälscheste und niederträchtigste Gesindel, welches die Sonne bescheint, und es wäre sicher am besten gewesen, wenn sie bei der Eroberung des Landes im Jahre 1884, wenn nicht ausgerottet, so doch außer Landes verbracht worden wären«.

Die Eskalation

Rudolf Manga Bells Amtszeit als Oberhaupt der Bell und schließlich Sprecher aller Duala fiel in eine Zeit verschärfter Repression und Überwachung. Zur Eskalation kam es aber erst, als 1910 ein Plan zur Enteignung und Umsiedlung der Duala in ein überschwemmungsgefährdetes Gebiet vorgelegt wurde mit der Begründung, »aus hygienischen Gründen eine vollständige räumliche Trennung zwischen der Europäerstadt und den Dörfern der Eingeborenen«¹⁹ zu erreichen. Von Anfang an lehnten sämtliche Duala-Vertreter die Umsiedlungspläne mit der Begründung ab: »Der Grund und Boden ist unser einziges Vermögen.« Sie schickten eine Petition an den Reichstag mit der Bitte, die Enteignung rückgängig zu machen. Da sie sich nach der gewaltsamen Einschränkung ihres Handels auf den Farmbau im Flussgebiet und auf Fischerei verlegt hätten, sei es notwendig, »dass das bisherige Bewohnen am Fluss uns belassen wird«. Der Petitionsausschuss gab das Schreiben an die Regierung »zur Erwägung«, während das Reichskolonialamt auf die Durchführung des Plans drängte, »um den Glauben an die Stärke der Regierung nicht zu erschüttern«.

Im Januar 1913 erhielten die Duala den Enteignungsbeschluss. Daraufhin gingen sie zur offenen Opposition gegen die Kolonialregierung über. Rudolf Manga Bell antwortete im Auftrag aller Duala mit einem Beschwerdeschreiben, in welchem er die Einhaltung des Vertrags von 1884 verlangte und die Erwartung ausdrückte, als Staatsbürger behandelt zu werden. Alle Betroffenen verweigerten die Annahme von Entschädigungsgeldern und die Umsiedlung. Eine Delegation beantragte, nach Deutschland reisen zu können, um ihre Anliegen persönlich vorzutragen. Als dies abgelehnt wurde, wandte sich Rudolf Manga Bell hilfesuchend an den befreundeten Journalisten Hellmut von Gerlach.

Trotz des Verbots der Kolonialregierung gelang Adolf Ngoso Din, dem Sekretär Rudolf Manga Bells, die Reise nach Deutschland. Mit Hilfe von Anwälten richteten die Duala eine weitere Petition an den Reichstag, die zu Debatten und einer aufgeregten Diskussion in der deutschen Presse führte, die sich zwischen den Schlagworten »Gerechtigkeit auch für die Farbigen« und »Unverschämtheit des Negercharakters« bewegte. Das Reichskolonialamt legte eine Denkschrift vor, in der die Duala der Lüge und Hetze bezichtigt und die geplante Umsiedlung gerechtfertigt wurden. Währenddessen versuchte das Bezirksamt in Duala vollendete Tatsachen zu schaffen. Gegen den passiven Widerstand der Betroffenen wurden unter Polizeieinsatz Häuser abgerissen. Eine militärische Drohkulisse wurde aufgebaut, um die Bevölkerung einzuschüchtern. Kriegsschiffe landeten in Duala, 850 Soldaten führten Manöver an Land durch. Da der Widerstand nicht nachließ, plante das Reichskolonialamt ab März 1914, Rudolf Manga Bell und seinen Vertrauten Ngoso Din aus dem Weg zu räumen.

Die entscheidende Unterstützung für die Abweisung der Petition und die Anklage wegen Hochverrats lieferte ein Bericht des Sultans Njoya aus Bamun im Nordwesten Kameruns. Er beschuldigte Rudolf Manga Bell, er habe versucht, Njoya zum Widerstand anzustacheln. Sowohl die Echtheit des Berichts als auch dessen Wahrheitsgehalt sind fragwürdig. Njoya war ein verlässlicher Bündnispartner der deutschen Kolonialherrschaft. Seitz bezeichnet ihn als »einen der besten Eingeborenen, die ich kennengelernt habe«. Darüber wussten sicher auch die Duala Bescheid, warum also sollten sie versucht haben, ihn zu einem Bündnis zu bewegen?

Im August 1914 verurteilte die Kolonialregierung Rudolf Manga Bell und Adolf Ngoso Din wegen Hochverrats zum Tod und vollstreckte das Urteil einen Monat vor dem Beginn des Weltkriegs. Dieser bot den Duala die Möglichkeit zur Rache. Sie organisierten ein gemeinsames Vorgehen, nahmen Kontakte mit englischen Offizieren auf und leisteten Lotsendienste. So erreichten sie, dass Duala bereits am 27. September bedingungslos an die englischen und französischen Truppen übergeben wurde. Unter dem Jubel der Bevölkerung wurden die deutschen Beherrscher als Kriegsgefangene abgeführt.

Anmerkungen

1 Albert Wirz: Vom Sklavenhandel zum kolonialen Handel. Wirtschaftsräume und Wirtschaftsformen in Kamerun vor 1914. Zürich/Freiburg 1972

2 nach C. Morgen: Durch Kamerun von Süd nach Nord. Leipzig 1893

3 vgl. Wirz, a. a. O.

4 zitiert nach Heiko Möhle (Hg.): Branntwein, Bibeln und Bananen. Hamburg/Berlin 2017

5 Amtsrichter Glahn: Ein Jahr in Kamerun. Demmin 1899

6 Adolf Rüger: Die Duala und die Kolonialmacht. In: H. Stoecker (Hg.): Kamerun unter deutscher Kolonialherrschaft. Berlin 1968

7 beide Zitate aus Otto Riebe: Drei Jahre unter deutscher Flagge im Hinterland von Kamerun. Berlin 1897

8 Vgl. Wirz. a. a. O.

9 Glahn, a. a. O.

10 Rüger, a. a. O.

11 Christian Bommarius: Der gute Deutsche. Die Ermordung Rudolf Manga Bells in Kamerun 1914. Berlin 2015

12 Rüger, a. a. O.

13 Bommarius, a. a. O.

14 Glahn, a. a. O.

15 nach Bommarius, a. a. O.

16 Hans Dominik: Vom Atlantik bis zum Tschadsee. Berlin 1907

17 Theodor Seitz: Vom Aufstieg und Niederbruch deutscher Kolonialmacht. Erinnerungen. Berlin 1927–1929, Bd. 2

18 Rüger, a. a. O.

19 Seitz, a. a. O.

Gertrud Rettenmaier schrieb an dieser Stelle zuletzt am 2. Dezember 2020 zur Kolonialgeschichte des Kautschuk.

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