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Aus: Ausgabe vom 29.01.2021, Seite 8 / Inland
Pflegenotstand

»Mit Ehrenamtlichen wird die Qualität nicht zu halten sein«

Thüringen: Freiwillige Helferinnen und Helfer unterstützen Pflegefachkräfte. Ein Gespräch mit Philipp Motzke
Interview: Gitta Düperthal
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An freien Stellen scheint es nicht zu mangeln: Öffentliches Stellengesuch für Pflegefachkräfte (Werder, 14.8.2019)

Die Thüringer Landesregierung, Sozialverbände und Landratsämter warben ehrenamtliche Helfer an, um in Pflegeheimen und Krankenhäusern das wegen der Coronapandemie belastete Personal zu unterstützen. Was halten Sie als Gewerkschafter davon?

Schon seit vielen Jahren fehlen Pflegefachkräfte. Die Medien reden stets von »Pflegenotstand«, tatsächlich mangelt es an über drei Jahre hinweg ausgebildeten oder studierten Pflegefachkräften, die eine bedarfsgerechte, qualitativ hochwertige Pflege leisten. Um ungelernte oder fachfremde Personen einzusetzen, bedarf es eines klaren Delegationskonzeptes und deutlich begrenzter Einsatzbereiche. Fragt sich: Wer arbeitet diese Menschen ein? Wer hat die fachliche Kompetenz und die Zeit dazu? Wer kann beaufsichtigen und, falls Fehler passieren, Haftung und Verantwortung übernehmen? Ich bin selber gelernter Krankenpfleger. Nur eine Fachkraft kann den allgemeinen Gesundheitszustand von Patienten genau beobachten und adäquat reagieren. Eine fachfremde Person kann das nicht ersetzen.

Bei dem Stress und Druck, den die Fachkräfte haben, ist es schwierig, noch ein Auge auf die Arbeit ehrenamtlicher Kräfte zu haben. Die Frage ist: Dürfen diese Menschen überhaupt am Patienten arbeiten oder nur den Essenwagen schieben und Essen hinstellen? Selbst das kann zu Problemen führen, etwa bei Schluckbeschwerden. Mit ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern wird die Qualität nicht zu halten sein.

Ist es kein Problem, wenn diese Menschen unbezahlt arbeiten?

Wenn jemand kein Geld will, ist das in Ordnung. Wenden sich ehrenamtliche Kräfte aber an Verdi, weil sie adäquat bezahlt werden wollen, würden wir uns darum kümmern. Dann müsste der Arbeitgeber dafür eine Lösung finden – egal, ob die betreffende Person schon in Rente ist oder nicht.

Einige Freiwillige sollen nach einem Kurzeinsatz wieder abgesprungen seien.

Wenn jemand abspringt, deutet das auf Überforderung hin, oder darauf, dass Personen sich unter dieser Arbeit etwas anderes vorgestellt hatten. Für das Pflegepersonal in einer Einrichtung stellt es eine Belastung dar, jemanden einzuarbeiten, der nur kurzzeitig bleibt.

Die prekäre Personalsituation in der Pflege in Thüringen ist ja nicht nur der Coronakrise geschuldet.

Die Krise verschärft die Lage, vor allem, wenn etwa das Personal selber am Virus erkrankt. Der Pflegebetrieb im Krankenhaus und im Pflegewohnheim konnte schon zuvor nur aufrechterhalten werden, weil die Beschäftigten über ihre Belastungsgrenze hinaus arbeiteten. Überstunden wurden gemacht, es gab kaum Pausen. Dieses System hatte jahrelang funktioniert. Auch wenn die Leitung in der Freizeit anrief: »Kannst du nicht kommen, denk doch mal an die kranken oder alten Menschen!« Der Arbeitgeber denkt an gewinnbringendes und wirtschaftliches Arbeiten; er beutet sein Personal besonders aus, wenn er weniger Leute oder aber nur unqualifizierte Helfer einstellt.

Was ist aus Ihrer Sicht zu tun?

Das Gehalt muss erhöht, die Arbeitsbedingungen müssen besser werden: Es kann nicht sein, dass Pflegekräfte auch noch die Arbeit von Reinigungskräften übernehmen. Reale Pflegebedarfe müssen festgestellt werden. Der Deutsche Pflegerat, Verdi und die Deutsche Krankenhausgesellschaft haben Eckpunkte für die Entwicklung eines Instrumentes zur verbindlichen Bemessung des notwendigen Pflegepersonalbedarfs und der Pflegepersonalausstattung vorgelegt. Diese Unterlagen verstauben aber auf dem Tisch des Bundesgesundheitsministers Jens Spahn, CDU. Es ist ihm zu teuer oder interessiert ihn nicht. In Pflegeforschung und Ausbildung muss investiert werden, und es muss bessere Karrierechancen für Pflegekräfte geben.

Philipp Motzke ist Verdi-Gewerkschaftssekretär für Gesundheit und Soziales in Thüringen

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