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Aus: Ausgabe vom 29.01.2021, Seite 5 / Inland
Gewerkschaftskampf

Spuren der Krise

Die IG Metall hat 2020 Zehntausende Mitglieder verloren. Unternehmen nutzen Situation für Verlagerungen und Angriffe auf Tarifvertrag
Von Daniel Behruzi
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In der Pandemie muss die Gewerkschaft um jeden Arbeitsplatz kämpfen

Die IG Metall spürt die Krise. Bei ihrer Jahrespressekonferenz bilanzierte die Gewerkschaftsspitze am Donnerstag in Frankfurt am Main erstmals seit mehreren Jahren einen merklichen Rückgang der Mitgliederzahl. Mit rund 2,2 Millionen waren zum Jahreswechsel fast 48.000 Menschen weniger in Europas größter Industriegewerkschaft organisiert als ein Jahr zuvor – ein Minus von zwei Prozent. IG-Metall-Chef Jörg Hofmann machte dennoch auf Optimismus. Die »Bindekraft« der Organisation habe in der Krise eher noch zugenommen. Und die »Grundtendenz« der konjunkturellen Entwicklung weise in Richtung Stabilisierung. Es gebe allerdings auch »Unsicherheitsfaktoren«.

Rund 120.000 Arbeitsplätze sind dem durch die Pandemie verschärften Wirtschaftseinbruch in der Metall- und Elektroindustrie bislang zum Opfer gefallen. Hinzu kommen Zehntausende Leiharbeiter, die von den Konzernen binnen kurzer Zeit »abgemeldet« wurden. »Diese Entwicklung geht an der IG Metall nicht spurlos vorbei«, konstatierte Hofmann. Im zweiten Halbjahr habe die Auftragslage in einigen Branchen zwar überraschend schnell wieder angezogen. »Das hinderte allerdings einzelne Konzerne nicht, die Krise auszunutzen, um Standorte zu verlagern und Abbaupläne beim Personal durchzusetzen.« Als Beispiele nannte der Gewerkschaftschef den Fahrzeughersteller Daimler sowie die Großzulieferer für die Autoindustrie Continental und ZF Friedrichshafen, wo es zum Teil zu heftigen betrieblichen Auseinandersetzungen gekommen ist.

Der Stellenabbau ist also keineswegs allein der Coronakrise geschuldet. Gleiches gilt für den faktischen Stopp von Neueinstellungen und die Verringerung von Ausbildungsplätzen. Erstmals seien 2020 in Deutschland weniger als eine halbe Million Ausbildungsverträge neu abgeschlossen worden, berichtete die stellvertretende IG-Metall-Vorsitzende Christiane Benner. Die Zahl der Ausbildungsstellen in Industrie und Handel stürzte um 13,9 Prozent ab, die der arbeitslosen Jugendlichen wuchs um ein Viertel. »Das ist alarmierend«, erklärte die Gewerkschafterin. »Wir müssen eine ›Generation Corona‹ unter allen Umständen verhindern.«

Als Mittel gegen die Stellenstreichungen sieht die IG Metall weiterhin die Viertagewoche. Trotz der enormen Gewinne, die die Konzerne in den vergangenen Jahren angehäuft haben, soll die Arbeitszeitverkürzung der IGM zufolge allerdings nur mit einem Teillohnausgleich einhergehen. »Der Teillohnausgleich schmälert die damit verbundene Kostenersparnis, ist aber ein fairer Beitrag der Arbeitgeber, Fachkräfte zu halten und Entlassungen zu vermeiden«, so Hofmann. Derweil machen die Unternehmervertreter bei den laufenden Tarifverhandlungen nicht den Eindruck, als wollten sie einen solchen oder irgendeinen anderen »fairen Beitrag« leisten. Insbesondere im traditionellen Pilotbezirk Baden-Württemberg fordern sie statt dessen eine Senkung der »Arbeitskosten«. Und nicht nur das: Auch eine »automatische Differenzierung« tariflicher Regelungen in Betrieben mit wirtschaftlichen Problemen und eine »betriebliche Variabilisierung von Sonderzahlungen« steht auf dem Wunschzettel der Konzerne. Dies seien keine Antworten auf die Fragen, die sich stellten, kritisierte Hofmann. »Es ist der billige Versuch, die Krise zur eigenen Vorteilnahme zu nutzen.«

Eine einfache Lösung im Tarifkonflikt für die gut 3,8 Millionen Beschäftigten in Deutschlands Kernbranche erscheint vor diesem Hintergrund ausgeschlossen. Dabei ist die Gewerkschaftsforderung mit »einem Volumen von vier Prozent« sehr moderat, wie auch Hofmann zu Recht betonte. Er verwies darauf, dass die IG Metall angesichts der Krise im vergangenen Jahr auf Lohnerhöhungen verzichtet habe. 2021 werde sie hingegen »darauf bestehen, dass die Realeinkommen gesichert werden«. Bei einer erwarteten Inflationsrate von 1,4 Prozent bedeutet das zwar nicht allzuviel, dürfte aber dennoch nicht ohne eine Mobilisierung der Beschäftigten zu erreichen sein.

Noch mehr gilt das für die Forderung, die Arbeitszeiten in Ostdeutschland auf das westdeutsche Niveau abzusenken – die Hofmann zunächst gar nicht erwähnte. Auf Nachfrage sagte er, die IG Metall halte an ihrer Doppelstrategie fest, einerseits »zu versuchen, in der Fläche nach vorne zu kommen« und andererseits in einzelnen Unternehmen Ergebnisse zu erzielen. So werde aktuell bei VW in Sachsen über eine Anpassung an die konzernweiten Tarifregelungen inklusive der Arbeitszeiten gesprochen.

Der IG-Metall-Spitze ist ganz offensichtlich nicht daran gelegen, den Tarifkonflikt eskalieren zu lassen. Die harte Haltung der Unternehmer könnte dennoch dazu führen. Hofmann betonte, man sei zeitlich flexibel und müsse nicht bis zu einem Tag X ein Ergebnis haben. Eine Beilegung der Tarifauseinandersetzung noch vor dem Ende der Friedenspflicht am 1. März sei sehr unwahrscheinlich. Deshalb plant die IG Metall für diesen Tag erste bundesweite Aktionen. Für die Stabilisierung der Mitgliederbasis ist das sicher nicht schädlich.

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