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Aus: Ausgabe vom 28.01.2021, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Die reine Plackerei

Der Roman »Das Sägewerk« ist ein bemerkenswertes Stück Arbeiterliteratur
Von Angelo Algieri
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Finger weg: Mit Kreissägen ist nicht zu spaßen

»Ich schreibe, weil ich glaube, dass ich etwas zu sagen habe. Über mein Leben zwischen dem achtzehnten und zwanzigsten Lebensjahr, zwischen meinem nicht bestandenem Abitur und dem Militärdienst.« So fängt die vielversprechende autobiographische Erzählung eines jungen Mannes an, der zwei Jahre lang prägende Erfahrungen mit quälend harter Arbeit machte. Allerdings nicht in unseren Tagen, sondern zu Beginn der 1950er Jahre in Frankreich an einem kleinen Ort nahe der Loire, zwischen Orléans und Tours.

»Das Sägewerk« heißt der faszinierende Text, der erstmals 1975 im Schweizer Verlag L’Âge d’Homme erschien. Wer ihn geschrieben hat, ist unbekannt. Aber es gibt Hinweise, so Übersetzer Konstantin Meisel in seiner aufschlussreichen Nachbemerkung, dass es sich bei dem Autor um den jüngeren Bruder des bekannten französischen Schriftstellers Pierre Gripari (1925–1990) handelt. Er hat sich zu Lebzeiten allerdings nie dazu bekannt.

Der namenlose Ich-Erzähler, eine Waise, die aus einem verarmten bürgerlichen Haushalt stammt, benötigt nach dem gescheiterten Abitur dringend Geld: »Ich werde eine Arbeit suchen, für die man kräftig sein muss.« Er findet sie in einem kleinen Sägewerk, das Holzkisten produziert. Er arbeitet zunächst als Kistenbauer, bald darf er Holz ablängen, außerdem schuftet er an den gefährlichen Kreissägen. Die Arbeit ist äußerst mühsam. Im Winter zieht es in der Werkstatt, im Sommer machen Staub und Hitze schläfrig. Es kommt zu Konflikten unter den Arbeitern, was der verhasste Besitzer ausnutzt.

Der hat eines Tages einen schweren Autounfall, die Arbeiter werden fristlos entlassen. Für viele eine Katastrophe. Der Erzähler arbeitet bald in einem größeren Sägewerk, der Vorarbeiter gilt als harter Hund, fordert sich und andere, stets alles zu geben. Tatsächlich schafft den Protagonisten diese Arbeit noch mehr, er übersteht die ersten Tage gerade so, leidet an Versteifungen und Krämpfen. Aber er bleibt und bewährt sich. Der Vorarbeiter ist so zufrieden, dass er ihn für den Aufbau seines eigenen Sägewerks einstellt. Ein kühnes Unterfangen, noch mehr Mühen und Plackerei, die Nerven liegen zeitweise blank.

Schnell, direkt und dicht geschrieben, beschreibt der Autor minutiös die harte Arbeit in einem Sägewerk Mitte des letzten Jahrhunderts, erzählt, wie dort, in einer kleinen Klitsche, die Arbeiter ausgebeutet werden. Weil man sich aus »Gründen sogenannter Wirtschaftlichkeit« um Sicherheitsvorkehrungen nicht schert, sind schwere Verletzungen an der Tagesordnung. Der Autor schildert aber auch, wie es zu Lohnerhöhungen kommt, nachdem sich die Arbeiter zusammengetan haben.

Arbeit verändert den Menschen: Der Erzähler, dessen Machohaltung mitunter etwas nervt, bemerkt an sich eine Boshaftigkeit, die er vorher nicht kannte. Ähnliche Arbeitsverhältnisse wie die im Roman beschriebenen existieren noch heute. Man denke an kleinere Handwerksbetriebe, aber auch an Tönnies, Amazon und viele andere. Aktuell ist »Das Sägewerk« daher allemal. Ein überzeugendes Stück Arbeiterliteratur mithin.

Anonym: Das Sägewerk. Aus dem Französischen von Konstantin Meisel. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2020, 160 Seiten, 12 Euro

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