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Aus: Ausgabe vom 27.01.2021, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Hilfe zur Selbsthilfe

Von Christoph Horst
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Auch ein Bestandteil der sozialpädagogischen »Hilfe zur Selbsthilfe«: Jugendlichen den erwünschten Umgang mit Alkohol beibringen, damit sie sich gesellschaftlich einfügen können (Münster, 11.2.2009)

Soziale Arbeit ist kein Instrument zur Beseitigung sozialer Unterschiede, sondern zu deren Konservierung. Das ist keinem Versagen geschuldet, es ist ihre Funktion im Kapitalismus, jedem den richtigen Platz in der bürgerlichen Gesellschaft zuzuweisen. Eine in diesem Sinne erfolgreiche Sozialarbeit stigmatisiert die ohnehin schon Benachteiligten, gerade weil es ihre Aufgabe ist, in einer Konkurrenzgesellschaft den Leistungsfähigen am schlechten Beispiel der »Versager« Opferbereitschaft abzuverlangen.

Wie tiefgreifend das gilt, lässt sich am Prinzip der »Hilfe zur Selbsthilfe« erkennen – eine der ersten Grundlagen professionellen Helfens, die im Studium der Sozialen Arbeit vermittelt werden. Ihr Grundsatz: Hilfe gibt es nicht vorbehaltlos, sie wird an Bedingungen geknüpft, die das Hilfesystem vorgibt. In dieser methodischen Herangehensweise schwingt die paternalistische Arroganz desjenigen mit, der einem Obdachlosen bloß nicht zuviel in den Hut wirft, weil dieser sich davon – selbstbestimmt, aber vom gutmeinenden Geber unerwünscht – Alkohol kaufen könnte. Helfen ist Machtausübung und wird unter den Vorzeichen der bürgerlichen Gesellschaft unausweichlich zum Machtgebrauch der herrschenden Klasse. Ein Sozialarbeiter, der einem Jugendlichen bei der Erstellung eines Bewerbungsschreibens für eine Ausbildung hilft, wäre schnell durch mit seiner Arbeit, wenn er das Schreiben kurzerhand selbst verfasste. Statt dessen wird eine Eigenleistung des Jugendlichen verlangt. Er soll aktiv mittun, während der Helfer sein Wissen um die richtige Formulierung nur Stück für Stück nach seinem eigenen Gutdünken weitergibt. Dadurch kann der Sozialarbeiter sich pädagogisch, also erhaben fühlen, und der Jugendliche muss sich am Ende für die in die Länge gezogene Demonstration seiner Hilfsbedürftigkeit auch noch bedanken.

Statusunterschiede werden somit sichtbar gemacht und mindestens in dieser Zweierkonstellation von Helfer und Hilfeempfänger zementiert. Die Kinder aus gutem Hause, denen genau dieser Herkunft wegen ein höherer Bildungsweg zusteht – schließlich kennt der Vater jemanden, der was zu sagen hat –, können genüsslich spotten über die, die schon am Bewerbungsschreiben scheitern und in der Arbeitswelt später – wenn überhaupt – ihre Befehlsempfänger werden. Zugleich ermöglicht der Spott einen Grusel, sich selbst an dieser Stelle wiederfinden zu können, wenn man seine Leistungsbereitschaft nicht konstant hoch hält. »Hilfe zur Selbsthilfe« ist das Prinzip mutwilligen Unterlassens sofortiger und nach Möglichkeit restloser Beseitigung von Missständen aus dem niederen Beweggrund des pädagogischen Machterhalts. Sie zelebriert die Hilflosigkeit des Hilfeempfängers geradezu und tarnt es humanistisch als Selbstbestimmung, dass er sich als Abhängiger fühlen muss, wenn er statt des Resultats einer Problemlösung die Zerlegung in einzelne Schritte vorgesetzt bekommt, die sogar für ihn, den Schwächeren, lösbar sind.

Diese Aktivierung bedeutet allerdings letztlich nichts anderes als die Ausweitung des gnadenlosen Leistungsprinzips auf die Verlierer der Gesellschaft, denen, geht es ihnen auch noch so dreckig, zumindest zugemutet werden kann, die Ärmel hochzukrempeln und mitzutun an genau den Verhältnissen, die ihnen schaden. Dieses Prinzip lässt sich übrigens übertragen auf viele Bereiche der Sozialpolitik, deren verlängerter Arm die Soziale Arbeit ist. Das Sozialgesetzbuch wird eingeleitet mit dem Auftrag, »besondere Belastungen des Lebens, auch durch Hilfe zur Selbsthilfe, abzuwenden oder auszugleichen« (SGB I Paragraph 1). Umsonst wird keinem gegeben. Diese Lehre soll verinnerlichen, wer in Verhältnissen lebt, die allen anderen zeigen sollen, dass sie in diesen nun wirklich nicht landen wollen.

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