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Aus: Ausgabe vom 26.01.2021, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Klinikpolitik

»Wir sind alle Romana«

Asklepios entlässt Krankenschwester. Bundesweite Solidaritätsaktionen beginnen
Von Steve Hollasky
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Die Beschäftigten wollen nicht mehr über die Missstände schweigen

Kurz vor Weihnachten sprach das Hamburger Asklepios-Klinikum Sankt Georg die Kündigung gegen die Krankenschwester Romana Knezevic aus (jW berichtete am 30. Dezember 2020). Der Grund war ein Interview mit Knezevic im Norddeutschen Rundfunk (NDR). Dort hatte sie über die Auswirkungen des Personalmangels in ihrer Klinik berichtet. Insbesondere die enormen Kürzungen hätten dazu geführt, dass es an Reinigungs- und an Pflegekräften fehle, hatte Knezevic geschildert. Es käme sogar dazu, dass sterbende Coronapatienten allein bleiben müssten.

Schon tags darauf hatte die Asklepios-Klinik ihrerseits die Vorwürfe im NDR zurückgewiesen. Kurz vor Jahreswechsel war dann die Kündigung gegen die Sprecherin der »Hamburger Krankenhausbewegung« und Verdi-Aktive ausgesprochen worden, weil sie angeblich Unwahrheiten über Asklepios verbreite, wie der Konzern der Presse gegenüber kommentierte.

Rechtskräftig ist die Entlassung noch nicht, da Knezevic auch Mitglied des Betriebsrates im Krankenhaus ist. Dennoch ist Knezevic zwischenzeitlich durch die Geschäftsleitung vom Dienst suspendiert worden. Der für den 1. Februar angesetzte gerichtliche Gütetermin, der eine Einigung zwischen Asklepios und Knezevic zum Ziel hat, ruft nun die Unterstützerinnen und Unterstützer der Krankenschwester auf den Plan.

So steht täglich eine Mahnwache vor dem Sankt-Georg-Klinikum. Über sechs Stunden hinweg informieren Aktive der »Hamburger Krankenhausbewegung« und des »Bündnisses für mehr Personal im Krankenhaus« über den Rausschmiss und über die Situation im Klinikum.

Die Solidarität der Bevölkerung sei »überwältigend«, schilderte eine Pflegekraft am Montag gegenüber jW, die aus Angst vor möglichen Konsequenzen am Arbeitsplatz ungenannt bleiben möchte. So käme der Einwohnerverein des Viertels jeden Tag vorbei und bringe heiße Getränke. Solidaritätserklärungen aus dem ganzen Bundesgebiet flatterten den Unterstützern von Romana Knezevic wiederholt ins Haus. Dass »der Hilfeschrei einer Pflegerin« eine derartige Reaktion der Geschäftsleitung hervorrufe, mache »viele Menschen wütend«, sagte eine Aktivistin gleichentags gegenüber jW.

So verlangte auch das Berliner Bündnis »Gesundheit statt Profite« auf einer Solidaritätsaktion in der Hauptstadt, dass die »Kündigungsdrohung gegen Romana« sofort zurückgenommen werden müsse. Zudem solle bei Asklepios das Pflege- und Reinigungspersonal aufgestockt werden. Außerdem bekräftigte das Bündnis die Forderung nach einer gesetzlichen Personalbemessung.

In einer Petition verlangt die »Hamburger Krankenhausbewegung« desweiteren, dass die »Einschüchterung« von Beschäftigten durch Asklepios ein Ende haben müsse. Diesen Aufruf haben inzwischen 8.000 Menschen unterzeichnet.

Auf Kritik war bei den Aktivisten das anfängliche Verhalten von Verdi gestoßen. Zwar unterstützen die Rechtsanwälte der Gewerkschaft die von Kündigung bedrohte Betriebsrätin, doch sei die Unterstützung von Verdi für Romana Knezevic »zunächst zu zaghaft gewesen«, hieß es aus Kreisen der Aktiven gegenüber jW.

Ähnlich sieht das Angelika Teweleit. Die Sprecherin der Vereinigung für kämpferische Gewerkschaften (VKG) kritisierte am Montag im jW-Gespräch folgendes: Wenn eine »Verdi-Betriebsrätin gekündigt werden soll, weil sie Missstände öffentlich macht«, sei dies ein Angriff auf alle Pflegenden, die sich gegen »die schrecklichen Auswirkungen des Profitstrebens« zur Wehr setzten. Verdi müsse hierauf »mit einer bundesweiten Kampagne« reagieren, so Teweleit. »Wir sind alle Romana«, erklärte sie.

Die Unterstützer Knezevics fordern unterdessen auch den Hamburger Senat auf, sich aktiv einzuschalten. Der hält zur Zeit 25,1 Prozent am Klinikum und solle auf Asklepios einwirken, damit die Kündigung vom Tisch komme.

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