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Digitale Demagogen

Von Rafik Will
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Ein Hetzer kommt selten allein

Isaac Asimovs Robotergesetze (etwa aus der Kurzgeschichte »Run­around«) gelten als Meilenstein der Science-Fiction-Literatur. Welche Folgen die programmierte Ethik haben kann, spielt Arthur Sellings in seinem Hörspiel »In Vertretung …« (WDR 1968; Di., 19 Uhr, WDR 3) durch. Hier widersetzen sich Roboter ihrer Ausbeutung und weigern sich aus Gewissensgründen, für die Menschen das All zu kolonisieren. Ein Pandemiefeature zur sogenannten Schweinegrippe und dem Medikament Tamiflu wird dann später wiederholt: »Von der Abwehr des Feindes« (DKultur 2009; Di., 22 Uhr, DLF Kultur) von Michael Lissek.

Eine erdrückende Umarmung durch das »Vaterland« und junge Leute, die sich aus diesem Klammergriff zu befreien suchen, prägen das Hörspiel  »Dieses Land, dieses Land – Manifest 56« (WDR 2021; Ursendung Mi., 19 Uhr, WDR 3) der österreichischen Autorin Falkner. Um die literarische Aufarbeitung der Folgen deutscher Arisierungspolitik geht es in der vor zwei Jahren als Hörspiel realisierten Erzählung »Der Reisende« (NDR 2019; Mi., 20 Uhr, NDR Kultur) nach der 1939 auf Englisch erschienenen Vorlage von Ulrich Alexander Boschwitz. Boschwitz, Sohn eines jüdischen Kaufmanns, der 1935 mit seiner Mutter aus Deutschland emigriert war, starb 1942, als sein Schiff von einem deutschen U-Boot torpediert wurde.

In dem neuen ARD-»Radiofeature« von Sebastian Meissner »Digitale Demagogie – Ein Feature über rechte Radikalisierung und Hetze im Netz« (WDR 2021; Mi., 22 Uhr, MDR Kultur, SWR 2 u. a.) geht es um Onlinekommentarspalten und »soziale Medien« als Brandbeschleuniger der Faschisierung und Spaltung der Gesellschaft. David Lindemann hat sich für sein Hörspiel »Oslower Straße« (Eigenproduktion 2020; Ursendung Mi., 22 Uhr, DLF Kultur) ein Modellprojekt ausgedacht, das auf einer Brachfläche im Berliner Bezirk Wedding allen Spezies die gleichen Rechte zuerkennt. Tags darauf läuft an gleicher Stelle die »Kurzstrecke 106« (Eigenproduktionen 2021; Ursendung Do., 22 Uhr, DLF Kultur), eine Zusammenstellung frei produzierter Kurzhörstücke. Einen Thriller über das mysteriöse Verschwinden einer Gruppe Jugendlicher bietet Bodo Traber mit »Kurz vor Sonnenaufgang« (WDR 2010; Do., 23 Uhr, 1 Live).

Vom »Queer Power Month« in Bremen berichtet »Female HipHop ++ #18« (Do., 14 Uhr, FSK), am Tag darauf wird auf der Station gestreikt:  »M8 – Glimpses of Utopia« (Fr., 7 Uhr, FSK) ist dabei keineswegs eine Wiederholung vom 8. März 2020, sondern ein neuer Streik – denn jeder Tag ist Frauenkampftag. Atommüll in den Untergrund zu kippen ist ein bewährtes Prinzip, wie man am Zwischenlager Asse sieht. Patricia Highsmith hat für »Operation Balsam« (SWF/NDR 1990; Fr., 22 Uhr, SWR 2) einen ähnlich haarsträubenden Fall mit realen Bezügen zum Atomunfall von Harrisburg erdacht. Hörenswerte Sendungen am Wochenende sind das  »Corax-Antifainfo« (Sa., 19 Uhr, FSK) und tags darauf »Zwischen Antisemitismus und Apartheid. Jüdinnen und Juden in Südafrika 1948–1990« (So., 19 Uhr, FSK). Dietrich Brants als Klangkunst angekündigtes Stück »Coronabedingt – Psychosoziale Symptome einer Krise« (HR 2021; Ursendung Sa., 23 Uhr, HR 2 Kultur) und die Gesellschaftsanalyse mit dem Titel »Kreiskolbenmotorhase« (WDR 2017; So., 19 Uhr, WDR 3) von Schorsch Kamerun sollte man auch nicht verpassen. Und statt sich den »Tatort« anzusehen, könnte man auch Shenja von Mannsteins Literaturfeature »Unsere Rettung liegt in der Rettung von Geschichten. Der kurdische Schriftsteller Bachtyar Ali« (ORF 2020; So., 20.15 Uhr, ORF Ö 1) hören.

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