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Aus: Ausgabe vom 26.01.2021, Seite 7 / Ausland
IS-Anschlag

Terror in Bagdad

Regierung und internationale Vertreter verurteilen Anschlag in irakischer Hauptstadt
Von Karin Leukefeld
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Irakische Sicherheitskräfte überprüfen in der Nähe des Anschlagsortes Personen (22.1.2021)

Zwei Anschläge in Bagdad haben am vergangenen Donnerstag 32 Tote und mehr als 100 Verletzte gefordert. Schauplatz des blutigen Geschehens war ein Markt für gebrauchte Kleidung am Tajeran-Platz, der in Bab Al-Scharki (Osttor), einem belebten Geschäftsviertel der irakischen Hauptstadt, liegt. In unmittelbarer Nähe beginnt Al-Dschadirija, ein Viertel mit vielen Kirchengemeinden. Der Sitz des Armenisch-Apostolischen Erzbistums Bagdad, die Kathedrale des Heiligen Gregor des Erleuchters, befindet sich in Sichtweite des Tajeran-Platzes nur 100 Meter entfernt.

Laut Augenzeugenberichten gingen die Anschläge auf zwei Selbstmordattentäter zurück. Der erste Täter habe auf der Straße gelegen und getan, als sei er krank, erklärte ein Straßenhändler gegenüber Journalisten. Als man ihm helfen wollte, sei der erste Sprengsatz explodiert. Als Umstehende und Passanten an den Ort des Geschehens liefen, um den Verletzten zu helfen, sei eine weitere Explosion ausgelöst worden. Auf einem Überwachungsvideo ist zu sehen, wie ein zunächst unbeteiligt wirkender Mann kurz zuvor mehrmals die Menge um die ersten Opfer umkreiste, bevor er in sie hineinging und sich die zweite Explosion ereignete.

»Warum greifen sie den Markt an?« sagte der Händler Ajad Karem mehr anklagend als fragend zu Journalisten des katarischen Nachrichtensenders Al-Dschasira. »Alle hier sind Arbeiter, arme Leute.« Er hält eine Jacke in die Kamera: »Sie verkaufen das hier für weniger als einen US-Dollar. Warum müssen diese Menschen sterben?« Der junge Mann hat Freunde bei dem Angriff verloren, Händler wie er. Erst vor wenigen Tagen hatten sie ihre Arbeit wiederaufgenommen. Monatelang war der Markt – wie viele andere in Bagdad – aus Sicherheitsgründen wegen Covid-19 geschlossen gewesen.

Unmittelbar nach der Tat sprach Generalmajor Tahsin Al-Kafadschi vom »Gemeinsamen Operationskommando« der irakischen Streitkräfte von einem »Terrorangriff«. Eine »Schläferzelle des Islamischen Staates« habe »beweisen wollen, dass sie existiert«, so Kafadschi. Inzwischen bestätigte der IS, Urheber des Attentats gewesen zu sein. Ziel seien »ungläubige Schiiten« gewesen, hieß es laut einer Meldung der Nachrichtenagentur Reuters.

Der irakische Ministerpräsident Mustafa Al-Kadhimi reagierte mit der Entlassung hochrangiger Sicherheitsoffiziere, während Außenminister Fuad Hussein um internationale Unterstützung im Kampf gegen den IS warb. »Uns fehlen Ausbildung, Experten, Waffen«, so Hussein gegenüber Al-Dschasira.

International wurde der Anschlag verurteilt. Jeanine Hennis-Plasschaert, Vertreterin von UNAMI, dem UN-Einsatz im Irak, zeigte sich »tief schockiert« und appellierte am Freitag in einer in englisch, arabisch und kurdisch verbreiteten Erklärung an »die Einheit und nationale Anstrengung« des Iraks, um »die Sicherheit der Bevölkerung zu gewährleisten«. Auch Papst Franziskus und UN-Generalsekretär António Guterres verurteilten den Anschlag als »sinnlose Gewalttat« und »schreckliches Verbrechen«.

Bundesaußenminister Heiko Maas bot am Donnerstag an, »als verlässlicher Partner an der Seite Iraks auf dem Weg zu nachhaltiger Stabilität und Entwicklung« zu stehen. Deutschland werde sein »ziviles Engagement« und seine »militärische Unterstützung im Rahmen der internationalen Anti-IS-Koalition und der NATO-Mission in Irak fortführen, um gemeinsam mit Irak die Fortschritte der letzten Jahre langfristig zu sichern«.

Nach der Ermordung des iranischen Generals Kassem Soleimani und seiner Begleiter vor einem Jahr durch einen völkerrechtswidrigen US-Drohnenangriff am Flughafen von Bagdad hatte das irakische Parlament die ausländischen Truppen aufgefordert, das Land zu verlassen. Dem wollen die US-geführte »Anti-IS-Allianz« und damit auch die Bundesregierung offensichtlich nicht nachkommen. Begründet wird die anhaltende Militärpräsenz im Irak damit, dass die Reaktivierung von »IS-Schläferzellen« im syrisch-irakischen Grenzgebiet verhindert werden müsse.

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