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Aus: Ausgabe vom 25.01.2021, Seite 15 / Politisches Buch
Faschismusforschung

Fehlende Positionsbestimmung

Mit Einschränkungen zu empfehlen: Eine neue Einführung in die vergleichende Faschismusforschung
Von Dieter Boris
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Deutsche Faschisten 2019 (in Berlin) und 1939 (in Prag)

Alexander Häusler und Michael Fehrenschild wollen dazu beitragen, »Faschismus als historisches Ereignis« und »als Gegenwartsphänomen« sowie dessen »theoretische Konzeptualisierung« besser zu verstehen. Damit sollen zugleich Grundlagen für eine Formulierung »antifaschistischer Gegenstrategien« geschaffen werden.

Nach allgemeinen Ausführungen und Definitionen zum ursprünglichen Faschismus skizzieren sie die wichtigsten historischen Beispielfälle (Italien, Deutschland, Österreich und Ungarn) mit ihren Hauptmerkmalen, um dann wichtige Positionen der Linken zu einzelnen Faschismustheorien zu umreißen. Sie stellen sodann Autoren und Ergebnisse der seit über zwei Jahrzehnten dominanten »vergleichenden Faschismusforschung« vor. Im vorletzten Kapitel diskutieren die Verfasser wichtige neuere Arbeiten, um am Ende einige offene Fragen und weitere Forschungsaufgaben zu formulieren.

Angesichts des beschränkten Raums finden sich erstaunlich viele Informationen, Deutungen und Positionen in der Broschüre, etwa über historische Hintergründe, ideengeschichtliche Wurzeln, über die zeittypische Dynamik der faschistischen Bewegungen bzw. Regime sowie über die vielfältigen Aspekte in der jeweiligen Entwicklungsphase. Dabei zeigt sich auch eine gewisse Spannbreite der Veränderung, die sich aus pragmatischen Gründen für die jeweilige Machterweiterung bzw. -sicherung ergab. Zutreffend erscheint auch die Begründung dafür, einen »engen« Faschismusbegriff vorzuziehen, um diesen etwa vom Rechtspopulismus und »autoritären Nationalradikalismus« – trotz möglicher fließender Übergänge – abzugrenzen. Etikettierungen als faschistisch oder neonazistisch sollten deutlich gewaltaffinen, terroristischen und »systemfeindlichen« Gruppierungen bzw. Strömungen vorbehalten bleiben.

Bei den vorgestellten Varianten der vergleichenden Faschismusforschung fällt auf, dass »ideozentrische« und »praxeologische« Akzentsetzungen bei den meisten Autoren im Vordergrund stehen, während die zentrale soziale Funktion des Faschismus, nämlich die in eine ökonomische und politische Existenzkrise geratene kapitalistische Produktionsweise zu stabilisieren, entweder gar nicht erwähnt wird oder im Hintergrund bleibt. Bei der »ideozentrischen« Deutung geht es insbesondere um ein generelles »faschistisches Minimum«, das Roger Griffin, der Begründer dieser Denkschule, vor allem im »ideologischen Kern« des Faschismus sieht: dem Streben nach »Wiedergeburt unter ultranationalistischen Vorzeichen«. Leider wird diese einseitige, tendenziell oberflächliche Akzentuierung bei nicht wenigen Vertretern der »vergleichenden Faschismusforschung« von den Autoren kaum kritisch kommentiert. Im Unterschied zu diesem Ansatz sind etwa der wichtigen sozial- und massenpsychologischen Theorieströmung nur wenige Zeilen gewidmet.

Die stärkere Verknüpfung aktueller »Rechtsextremismusforschung« mit der historischen Faschismusforschung sowie die Verwendung von Klassenanalysen und Milieustudien bei der Untersuchung neuerer Entwicklungen zählen sie am Ende ebenso zu den zukünftigen Forschungsaufgaben wie die vertiefte Analyse der Sprache des rechten »Populismus« und des ursprünglichen Faschismus. Ebenso plädieren sie für die Untersuchung von Bündnisbeziehungen zwischen der extremen Rechten und einem radikalisierten Konservatismus.

Die als Anhang beigefügten Interviews mit 13 Faschismusforschern, die zum Teil stark auseinandergehende Positionen vertreten, fallen in ihrer Aussagekraft sehr unterschiedlich aus. Unklar ist, wieso dem wenig erhellenden Interview mit Griffin, der sich als strikt antimarxistischer Denker zu erkennen gibt und den in der Luft hängenden »ideozentrischen« Ansatz vertritt, der weitaus meiste Platz eingeräumt wird. Auch in diesem Fall hätte eine deutlichere Positionsbestimmung der Autoren der Qualität der Publikation nicht geschadet. Trotz dieser Einschränkungen kann die einführende Überblicksdarstellung als lohnende Lektüre empfohlen werden.

Alexander Häusler/Michael Fehrenschild: Faschismus in Geschichte und Gegenwart. Ein vergleichender Überblick zur Tauglichkeit eines umstrittenen Begriffs. Rosa-Luxemburg-Stiftung, Berlin 2020, 154 Seiten, kostenlos

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Doris Prato, per E-Mail: Kaum zu überbieten Bei seiner grundsätzlich zutreffenden Einschätzung hat der Rezensent einige gravierende Fehlstellen übersehen. Das beginnt mit der kaum zu überbietenden Ignoranz marxistischer Faschismusforscher wie d...

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