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Aus: Ausgabe vom 25.01.2021, Seite 10 / Feuilleton
Fotografie

Der Fortschritt kam in kleinen Schritten

In Moldau ist der Nachlass eines weitgehend unbekannten Dorffotografen aus der Chruschtschow-Zeit ins Netz gestellt worden
Von Reinhard Lauterbach
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Komponierte Schnappschüsse: Bilder des Dorffotografen Zaharia Cusnir in der Sowjetunion der 50er und 60er

Es war ein Zufallsfund. Ein Student von der Filmhochschule in Chisinau recherchierte Locations für seinen Diplomfilm. Er stieß auf das weitgehend verlassene Dorf Rosietici etwa 120 Kilometer nördlich der moldauischen Hauptstadt, und in einem der leeren und aufgebrochenen Häuser fand er einen Koffer auf dem Dachboden. Darin ein Schatz: etwa 1.600 Negative von Fotos, die der Dorffotograf Zaharia Cusnir in den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts von seinen Nachbarn gemacht hatte. Cusnir, zu Vorkriegszeiten Lehrer der rumänischen Dorfschule, war im Sozialismus aus der Schule entlassen worden und in den entstehenden Kolchos strafversetzt worden; Mitte der 50er Jahre erlernte er von einem Neffen, der es wiederum in der sowjetischen Armee gelernt hatte, das Handwerk des Fotografen. Cusnir ist 1993 verstorben; seine Tochter gab dem jungen Mann aus der Stadt den Koffer mit und fragte, was er mit diesem Müll denn anstellen wolle.

Rund die Hälfte der Bilder steht seit 2020 im Netz, finanziert hat das Ganze die EU über ihr »Östliches Partnerschaftsprogramm«. Cusnirs Bilder sind keine spontanen Schnappschüsse; das verhinderte schon das Format, in dem er fotografierte, sechs mal sechs Zentimeter mit einer Amateurkamera – obwohl es in der Sowjetunion seit Anfang der 30er Jahre einen Nachbau der Leica gab. Man merkt es: Die Tiefenschärfe lässt oft zu wünschen übrig, unerwartete Bewegungen der Fotografierten haben die Bilder verwischt. Die Aufnahmen sind inszeniert und zeichnen die wenigen »erinnerungswerten« Augenblicke der Dorfbevölkerung nach: Familienporträts, Hochzeiten und Begräbnisse – wobei die Bilder der Beerdigungen die gängige Auffassung relativieren, die Sow­jetunion habe das religiöse Brauchtum unterdrückt. Selbstverständlich fanden sie in Rosietici unter Ikonen und Kirchenfahnen statt.

Manche der Bilder sind grotesk, wie ein Karnevalsumzug, bei dem einer der Teilnehmer eine Gasmaske trägt, andere verblüffend, wie das Porträt eines jungen Mannes in exakt der Pose des Rodinschen »Denkers« auf einem Stuhl, den der Fotograf als eines der Accessoires seiner Arbeit immer wieder einsetzte. Eher beiläufig geraten die Elemente des sowjetischen Alltags ins Bild, oft nur angeschnitten: eine Tafel, die die Zielsetzung des laufenden Fünfjahrplans proklamiert, ein Kulturhaus für 400 Menschen sowie einen Stall für 800 Rinder zu bauen sowie »die Frunse-Kolchose vollständig zu elektrifizieren«. Zwei Frauen posieren vor einer »Ehrentafel«, auf deren Rahmen die »Genossen Kolchosbauern« aufgefordert werden, die Beschlüsse des 21. Parteitags in die Tat umzusetzen. Der 21. Parteitag war 1959, das Bild wird also – nach dem schon etwas angeschlagenen Zustand der Tafel zu urteilen – in den 60er Jahren entstanden sein. Einmal ist im Hintergrund, weit weg, am anderen Flussufer, die Silhouette einer sowjetischen Industriesiedlung zu sehen. Aber in Rosietici kam der Fortschritt in kleinen Schritten.

Etwa in Gestalt der Fahrräder, die immer öfter als Accessoire und Zeichen bescheidenen Wohlstands ins Bild kommen. Etliche der Aufnahmen mögen als Bewerbungsfotos um die Gunst des anderen Geschlechts entstanden sein: Männer mit einem Blumensträußchen in der Hand, ganz wie in manchen Gemälden von Holbein. Frauen nur selten allein aufgenommen, meist mit einer Schwester oder Freundin Hand in Hand, eine als Ausnahme keck in der ausgeliehenen Uniform des in der Schwarzmeerflotte dienenden Liebsten mit der Mütze schief auf dem Kopf: ein sowjetisches Pin-up für den Spind. Ein strahlendes Mädchen im Pionierhalstuch inmitten blühender Gladiolen. Eine nähere Analyse wären die Blicke der Frauen von Rosietici wert: wie sie nach und nach in der jüngeren Generation offener und selbstbewusster werden, die Kleidung städtischer, die Aktentasche als Statussymbol der Bildung ihrer Trägerin zusätzlich zum Fahrrad ins Bild genommen wird – da hat es eine junge Frau zu etwas gebracht. Nebenbei ein Zeichen der Emanzipation, die die Sowjetunion auch und gerade an ihrer Peripherie ermöglichte.

Cusnirs Bilder erinnern von fern an die Serie »Antlitz der Zeit« des Kölner Fotografen August Sander aus den 20er Jahren. Bei allen Unterschieden: Sander wollte eine entwickelte Klassengesellschaft in Gestalt typischer Vertreter der einzelnen Schichten abbilden, Cusnir porträtierte eine betont egalitäre Gemeinschaft. Und eine, die in einem Land der Lehmhütten entstand und sich bemühte, aus den Wattejacken und Filzstiefeln herauszukommen.

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