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Aus: Ausgabe vom 25.01.2021, Seite 7 / Ausland
Coronahotspot

Druck auf Bolsonaro wächst

Sterben in brasilianischem Bundesstaat Amazonas geht weiter. Forderungen nach Amtsenthebung des Präsidenten werden lauter
Von Norbert Suchanek, Rio de Janeiro
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Lautstark gegen Bolsonaro: Immer mehr Brasilianer fordern die Absetzung des Präsidenten (São Paulo, 23.1.2021)

Dutzende schwer erkrankter Covid-19-Patienten sind bereits aus Manaus in andere brasilianische Bundesstaaten ausgeflogen worden. Doch das Massensterben in der Amazonasmetropole geht weiter. Nach Angaben der Stadtregierung erlagen allein am Freitag 71 Patienten dem Coronavirus. Seit Ausbruch der Pandemie im vergangenen Jahr forderte Covid-19 insgesamt 7.051 Menschenleben im Bundesstaat Amazonas, 4.746 davon in Manaus – bei einer Gesamtbevölkerung von knapp 3,5 Millionen. Viele der Opfer der vergangenen Woche sind schlicht erstickt, weil in den überlasteten Krankenhäusern der Sauerstoff fehlte. Nach Angaben der Organisation Ärzte ohne Grenzen deckt die Sauerstoffproduktion der Stadt nur weniger als ein Drittel des derzeitigen Bedarfs.

Inzwischen hat Brasilien mit den ersten Impfungen auch in Amazonas begonnen. Doch die Ansteckungszahlen steigen ungehindert weiter. Zuletzt zählten die Gesundheitsbehörden des Bundesstaats 3.404 neue Fälle in 24 Stunden. Virologen vermuten als Ursache dieser zweiten Infektionswelle in Manaus nicht nur die zu laschen, unzureichenden staatlichen Maßnahmen zur Pandemieeindämmung, sondern auch die neue Virusmutation P1, die sich seit Ende 2020 in Amazonas rasch verbreitet. Eine Untersuchung der Universität von São Paulo ergab, dass im Dezember bereits 42 Prozent der bestätigten Coronavirusfälle mit der neuen Variante infiziert waren.

Schon die erste Covid-19-Welle im vergangenen Jahr hatte Manaus besonders hart getroffen. Bis Oktober 2020 sollten sich bereits 76 Prozent der Stadtbevölkerung mit dem Virus infiziert haben, berichtete das Wissenschaftsblatt Science. Damit hätte die Amazonasmetropole laut offiziellen Kriterien die sogenannte Herdenimmunität erreicht haben sollen, was den derzeitigen Ausbruch eigentlich hätte verhindern müssen. Forscher befürchten deshalb, dass die neue Mutation nicht nur ansteckender ist, sondern die Menschen auch trotz vorhergehender Infektion und vorhandenen Antikörpern infiziert.

Die Coronakrise im Staat Amazonas, die tatsächlich die dramatische Situation im ganzen Land reflektiert, droht nun dem rechten Staatspräsidenten Jair Bolsonaro zum Verhängnis zu werden. Brasilianische Juristen und Politiker halten ihn und seinen Bundesgesundheitsminister Eduardo Pazuello für den Zusammenbruch des Gesundheitssystems in Manaus und die fehlende Sauerstoffversorgung der Covid-19-Patienten verantwortlich. Laut der Nachrichtenagentur Folhapress hätten Mitglieder der Regierung von Amazonas sowie der örtliche Sauerstoffhersteller selbst den Gesundheitsminister Pazuello mindestens vier Tage vor dem Zusammenbruch der städtischen Krankenhäuser vergeblich vor dem bevorstehenden Sauerstoffmangel in Manaus gewarnt.

Der Kollaps in der Metropole stärke deshalb die Rechtsgrundlage für die unter anderem von der Arbeiterpartei (PT) und der Kommunistischen Partei ins Spiel gebrachte Amtsenthebung des parteilosen Staatspräsidenten, so die Analyse der Tageszeitung Folha de São Paulo. Demnach seien auch die Zustimmungswerte der Regierung von 40 Prozent im Dezember auf 32 im Januar gesunken – der niedrigste Wert seit Amtsbeginn.

Um diese Forderung zu unterstreichen und den Druck zu erhöhen, haben am Sonnabend unter dem Motto »Kein Sauerstoff, kein Impfstoff, keine Regierung« Tausende Menschen an mindestens 87 Autokarawanen durch alle Regionen Brasiliens teilgenommen. Dazu aufgerufen hatten linke Parteien, Gewerkschaften und soziale Bewegungen. Neben dem Amtsenthebungsverfahren forderten sie auch die Verlängerung finanzieller Unterstützung in der Krise und »Impfstoff für alle und jetzt«.

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