Dein Onlineabo Kuba & Sozialismus
Gegründet 1947 Freitag, 26. Februar 2021, Nr. 48
Die junge Welt wird von 2466 GenossInnen herausgegeben
Dein Onlineabo Kuba & Sozialismus Dein Onlineabo Kuba & Sozialismus
Dein Onlineabo Kuba & Sozialismus
Aus: Ausgabe vom 23.01.2021, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
EU-Grenzregime

Ohne Rechte

Hauptsache vor der EU-Außengrenze: »Pushbacks« und unmenschliche Bedingungen für in Bosnien festsitzende Geflüchtete
Von Michele Lapini und Valerio Muscella
1.jpg
Früher Lebensmittelladen, jetzt Wohnraum für zwölf Menschen: Container am Eingang des abgebrannten Lagers Lipa (8.1.2021)

Sie leben in verlassenen Gebäuden, stillgelegten Fabriken und alten Vorstadthäusern ohne Fenster, Wasser oder Elektrizität. Sie finden Unterschlupf in Zelten und Verschlägen aus Holzpfosten, Seilen und Plastikplanen an Orten, die gemeinhin als »Dschungel« bezeichnet werden – ad hoc errichtete, provisorische Lager in den Wäldern nahe der bosnisch-kroatischen Grenze. Es sind vor allem junge Leute zwischen 18 und 35 Jahren, die aus Konflikt- und Kriegsländern wie Pakistan und Afghanistan kommen. Aber es gibt auch viele Familien. Von denen leben die meisten in offiziellen Aufnahmeeinrichtungen, die in den vergangenen drei Jahren entlang der 100 Kilometer langen Straße zwischen Bihac und Velika Kladusa, den beiden größten Städten im Norden Bosniens, eröffnet wurden.

2.jpg
Einzige Wasserquelle aus einem offenen Rohr: Zwei junge Männer aus Pakistan nutzen die Stelle bei Minusgraden zum Abwaschen (6.1.2021)

In diesem Teil des Landes, dem Kanton Una-Sana, hat die Zahl derjenigen, die die Grenze zur Europäischen Union überwinden wollen, exponentiell zugenommen. Seit 2016 ist Bosnien für Menschen, die vor Krieg und Armut im Nahen und Mittleren Osten, Südasien und Afrika fliehen, zur ungewollten Zwischenstation geworden. Ihr Weg führte sie von der Türkei aus nach Griechenland und dann über die Länder des Balkans, ihr Ziel ist Nord- und Westeuropa. Das UN-Flüchtlingshilfswerk hat seit 2018 die Ankunft von rund 68.000 Geflüchteten in Bosnien registriert. Schätzungen gehen von rund 9.000 Menschen auf der Flucht aus, die sich derzeit in dem Land aufhalten.

3.jpg
»SOS. Wir erfrieren«: Manche der Geflüchteten sind in den Hungerstreik getreten, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen (3.1.2021)

Die Wege in den EU-Staat Kroatien sind vielfältig: Von Bihac ausgehend gibt es solche über die Berge, deren Gipfel im Winter schneebedeckt sind. In der Umgebung von Kladusa folgt der Grenzverlauf dem Fluss Glina. Der Versuch, die Grenze zu überqueren, kann Tage dauern und endet meist mit gewaltsamen »Pushbacks« durch die kroatische Polizei. Die Geflüchteten müssen dann mit Verletzungen, ohne Geld und mit zerstörten Mobiltelefonen umkehren.

4.jpg
Vom einstigen Lager sind nur die Zeltstangen und Bettengerüste geblieben: Ein Feuer zerstörte das Obdach von 1.500 Menschen (6.1.2021)

Diejenigen, die es durch kroatisches Territorium schaffen, setzen ihren Weg durch die Täler Sloweniens fort, um Italien zu erreichen. Laut Angaben des Dänischen Flüchtlingsrats wurden im Jahr 2020 rund 21.000 Menschen aus Kroatien nach Bosnien zurückgebracht, 9.000, denen es gelang, bis nach Slowenien zu kommen, wurden von dort zurück nach Kroatien abgeschoben.

_MG_8754.jpg
Der 17jährige aus Afghanistan ist einer von Hunderten Jungen, die sich alleine auf den Weg in die EU gemacht haben und immer wieder gewaltsamen »Pushbacks« der kroatischen Polizei ausgesetzt sind

»Das Spiel«, wie der Versuch der Grenzüberquerung genannt wird, endet für manche im italienischen Trieste, wo die Grenzpolizei die meisten der Flüchtenden auf Durchreise aufhält. Nach Angaben des italienischen Innenministeriums wurden allein 2020 mindestens 1.250 Geflüchtete mit dem Bus zurück nach Slowenien gebracht, nachdem sie italienischen Boden betreten hatten. Von dort geht es dann weiter nach Kroatien und zurück nach Bosnien – die »Pushback-Kette«.

Diese Mehrstufigkeit der EU-Außengrenze hat die Passage mehr und mehr erschwert, und die Lebensbedingungen in Bosnien werden täglich schlechter. Eine besonders schwierige Situation ist die des Lagers Lipa, das im April 2020 in Reaktion auf die Pandemie errichtet und im Dezember durch ein Feuer zerstört wurde. Von den 1.500 Menschen, die dort lebten, wurden rund 700 in ein offizielles Lager nahe der Hauptstadt Sarajevo verlegt. Jene, die noch dort sind, leben unter unmenschlichen Bedingungen in überfüllten Zelten ohne Grundversorgung. Angesichts von Minusgraden im Winter wird das Überleben jeden Tag mehr zu einer Herausforderung.

Dein Onlineabo für Kuba & Sozialismus!

Das sozialistische Kuba mit all seinen Errungenschaften und historischen Erfahrungen verdient gerade in diesen Zeiten unsere Solidarität gegen Angriffe von Feinden und falschen Freunden. Mit einem Onlineabo der Tageszeitung  junge Welt unterstützen Sie auch unsere solidarische Berichterstattung mit der roten Insel! Denn als konsequent linke Tageszeitung trägt sie sich allein durch die Abonnements ihrer Leserinnen und Leser.

Also: Jedes Abo zählt. Jetzt das jW-Onlineabo bestellen!

Ähnliche:

  • Faschistische Mörder und ihre Opfer. Kroatische Ustascha posiert...
    29.05.2020

    Das vergessene Lager

    An das KZ Jasenovac wird hierzulande nicht erinnert. In Kroatien wird der Verbrechen aus außenpolitischem Kalkül gedacht. Die Nachfahren der Ustascha-Faschisten haben in Bleiburg ihren eigenen Wallfahrtsort

Mehr aus: Wochenendbeilage

Dein Onlineabo für Kuba & Sozialismus! Jetzt bestellen