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Aus: Ausgabe vom 22.01.2021, Seite 12 / Thema
Marxistischer Denker

Souveräne Gegenkultur

Er erkannte früh, dass die Arbeiterklasse ihre Kämpfe nicht gewinnen kann, wenn sie die ausschließlich auf dem Feld der Ökonomie führt. Vor 130 Jahren wurde der italienische Kommunist Antonio Gramsci geboren
Von Sabine Kebir
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Autonome Kultur. Mit der von Gramsci mitbegründeten Tageszeitung Unità schuf sich der PCI ein Massenpublikum. Die späteren Pressefeste zogen jahrzehntelang Zehntausende Menschen an (Festa de L’Unità, 14. September 1947 in Monza, zu sehen Aktivisten, die historische Persönlichkeiten mimen, darunter Marx und Gramsci)

Der italienische Marxist Antonio Gramsci wurde vor 130 Jahren, am 22. Januar 1891, in Ales auf Sardinien geboren. Zu seinem bedeutendsten theoretischen Erbe gehört die Überwindung der nicht nur in der damaligen Sozialdemokratie, sondern auch noch im Realsozialismus verbreiteten mechanischen Auffassung von Basis und Überbau, wonach sich Klassenbewusstsein weitgehend automatisch aus der Position einer Klasse im ökonomischen Gefüge einer Gesellschaft ergebe. Aber wieso setzen sich die Interessen der Menschen, die nur von ihrer Arbeit leben können, in Wahlen dann nicht deutlich durch? Wie werden die Gehirne manipuliert?

Aus Gramscis Sicht konnte der Kapitalismus in modernen Industriegesellschaften nur überwunden werden, wenn das Proletariat nicht allein um seine ökonomischen und politischen Rechte ringt, sondern zugleich um die Meinungsführerschaft – auch in seinen eigenen Reihen. Im Kampf um die Hegemonie schrieb er der Kultur eine bedeutende Rolle zu. Schließlich war schon in den Klassengesellschaften der Vergangenheit die ökonomische Ausbeutung nicht nur durch Repression gesichert worden. Der Klerus hemmte mit seiner Religion die Politisierung der Menschen.

Kampf um die Kampfweise

Die Sozialistische Partei Italiens orientierte eher einseitig auf die Erringung ökonomischer Teilhabe, und der Protagonist ihres linken Flügels, Amadeo Bordiga, witterte in der kulturellen Betätigung junger Proletarier die Gefahr ihrer Verbürgerlichung. Gramsci sah das als zu eng an. Im Parteiorgan Avanti und im Grido del Popolo schrieb er selbst nicht nur politische Artikel, sondern auch Theater- und Literaturkritiken und im weitesten Sinne kulturelle Essays: Er verfasste Chroniken lokaler und überregionaler Ereignisse, kritisierte überkommene fatalistische Haltungen und erörterte die Rolle des damals in Italien noch unterentwickelten Sports.

Während der sich in Turin, dem größten Industriezentrum des Landes, entwickelnden Rätebewegung, unterstützte er 1917 die Initiative zur Gründung eines sozialistischen Kulturvereins. Denn die als bürgerliche Institution für das Proletariat eingerichtete Volksuniversität verbreite, wie er festhielt, nur einen »vagen und konfusen spirituellen Humanismus«, der nicht effizienter »als die Wohlfahrtsinstitutionen« sei. Das Proletariat brauche eigene, autonome Kulturinstitutionen, die sich auf die Ziele der Klasse konzentrieren und eine dritte Kraft neben der Partei und der in Turin bereits mächtigen Gewerkschaften und Konsumkooperativen werden müsse: »Der politischen und der ökonomischen Aktion sind philosophische, religiöse, moralische Probleme vorgelagert, ohne dass die ökonomischen und politischen Organe darüber diskutieren und die selbstgewonnenen Erkenntnisse verbreiten können. (…) Der Sozialismus ist eine integrale Konzeption des Lebens: Er hat eine Philosophie, eine Mystik, eine Moral.« Mit dem Verein ließen sich auch Intellektuelle gewinnen, die in der Bewegung noch kaum vertreten waren, weil sie noch »keine spezielle Aufgabe haben, die ihren Fähigkeiten entspricht. Die würden sie dort finden, ihre Intellektualität würde herausgefordert.« Der Kulturverein der Sozialisten »würde der dogmatischen und intoleranten Mentalität, die die katholische und jesuitische Erziehung im italienischen Volk erzeugt hat, einen stolzen Stoß versetzen«. Noch fehle »der Geist der uneigennützigen Solidarität, die Liebe zur freien Diskussion, das Streben, die Wahrheit allein (…) mit Rationalität und Intelligenz zu suchen. Die Sozialisten würden ein aktives, praxisorientiertes Beispiel liefern und kräftig zur Herausbildung einer neuen Mentalität beitragen.«¹

Ein unter Pseudonym schreibender Autor – möglicherweise Bordiga – hatte sich gegen den Vorschlag gewandt und verlangt, »spezifische Organe des ökonomischen Kampfes zu schaffen, die die Notwendigkeit erarbeiten, dass er losgelöst sein muss von allen gefühlsmäßigen und partikularen Bestandteilen«. Gramsci konterte, dass es der sozialistischen Bewegung um »komplette Menschen« gehe und sie sich nicht auf die Vermittlung positivistischen Wissens beschränken dürfe, womit er wieder auf die vom Bürgertum eingerichtete »philanthropische« Volksuniversität verwies. Das Proletariat brauche »nicht nur Vorträge, sondern müsse lernen zu diskutieren, Probleme zu erforschen, woran alle teilnehmen, einen Beitrag liefern und wo alle zugleich Meister und Schüler sind«. Es müsse teilhaben an einer umfassenden »Kultur im humanistischen Sinne«, die zudem auch »Freude und Befriedigung schon aus sich selbst heraus vermittelt«.²

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lasen beträchtliche Teile der italienischen Unterschichten noch von der Kirche teilweise kostenlos verteilte Romane in der Tradition des Jesuitenpaters Antonio Bresciani. Diese Trivialliteratur richtete sich, so Gramsci, gegen die Erinnerung an eine große Volksbewegung – das von Giuseppe Garibaldi geprägte Risorgimento, die italienische Einigungsbewegung. Erzeugt werde eine »kosmische Angst vor dämonischen Kräften, die man nicht versteht und die man daher nicht anders als mit einem universellen, repressiven Zwang kontrollieren kann. (…) Freiheit und schöpferische Spontaneität gehen verloren (…), es bleibt, verschönt durch jesuitische Honigrede, nichts als Hass, Rachsucht, tölpelhafte Verblendung.«³

Für die Zeitungen, die um möglichst zahlreiche Leserschaft auch unter den Arbeitern konkurrierten, gewannen moderner ausgerichtete Fortsetzungsromane an Bedeutung. Gramsci war der erste Marxist, der sich mit neuen Formen der Massenkultur auseinandersetzte und ihren manipulativen Charakter erkannte. Die Fortsetzungsromane fokussierten sich oft auf Liebeskonflikte – wie das von Gramsci ebenfalls analysierte populäre Theater und das noch in den Anfängen steckende Kino. Schon 1918 nannte er die primitive Fortsetzungsliteratur »Zuhälterin der Zeitschriften« und ein neues »Opium des Volkes«, das ein »mächtiger Faktor bei der Herausbildung der Mentalität und Moralvorstellungen« sei, »beinahe immer äußerst banal in der Form und im Inhalt dumm«. Seine Kritik der Trivialliteratur lässt sich heute auf Fernsehserien und Blockbuster übertragen bis hin zu den Produktionsprinzipien: Damals bereits arbeitete er den Zusammenhang zwischen kommerziellem Erfolg und dürftigem, oft reaktionärem Inhalt heraus. Die Massenkultur richte sich in Geschmack und Haltung nach den am weitesten zurückgebliebenen Teilen der Bevölkerung: Was einmal kommerziellen Erfolg hatte, wurde in unendlichen Varianten wiederholt. So nahm Gramsci 1918 schon eine Kernaussage der späteren Kritischen Theorie hinsichtlich der Kulturindustrie vorweg. Selbst in neuester Philosophie und zeitgenössischer Sprachwissenschaft bewandert – aus letzterer entlehnte er seinen Hegemoniebegriff – behielt er zwar im Auge, dass die Arbeiterklasse danach streben müsse, an die fortgeschrittensten Entwicklungen der Kultur anzuknüpfen. Im Unterschied zur Kritischen Theorie meinte er jedoch nicht, dass nur Kunstwerke von höchstem innovativen Rang emanzipatorische Haltungen erzeugen können. Er forderte junge, links orientierte Autoren auf, sich des Genres des Fortsetzungsromans anzunehmen und »interessante populäre Romane zu schreiben«.⁴ Es ging ihm um eine Form von Inspiration, wie sie Bertolt Brecht aus Kriminalromanen zog.

Die Verfechter eines politischen Projekts, das die Abschaffung der Vorrechte von Klassen und Kasten bei der Aneignung von Bildung und gesellschaftlichen Funktionen anvisiert, müssten sich bewusst sein, so heißt es später in den Gefängnisschriften, »dass die Entwicklung der intellektuellen und moralischen Erneuerung nicht in allen gesellschaftlichen Schichten simultan verläuft, im Gegenteil. Noch heute (…) sind viele Ptolemäer und nicht Kopernikaner. Es existieren viele ›Konformismen‹, viele Kämpfe für neue Konformismen und verschiedene Kombinationen zwischen dem, was ist, und – variabel ausgedrückt – dem Zukünftigen, wofür man arbeitet. (…) Sich auf den Standpunkt einer ›einzigen‹ Linie der progressiven Entwicklung zu stellen, durch die jede Errungenschaft akkumuliert wird und die Voraussetzung neuer Errungenschaften wird, ist ein schwerer Fehler. Nicht nur, dass es vielerlei Linien gibt, sondern in der ›progressiven Linie‹ vollziehen sich auch Rückschritte.«⁵

Faschistische Hegemonialstrategie

Zwischen 1919 und 1920 war Gramsci der politische Führer der Turiner Rätebewegung, die sich an den russischen Sowjets orientierte. Die ebenfalls von ihm geleitete Zeitung Ordine Nuovo war das politische Organ der Räte, hatte aber auch einen Kulturteil. Hier kamen nicht nur internationale Intellektuelle zu Wort: Romain Rolland, Henri Barbusse, Anatoli Lunatscharski, Maxim Gorki und Walt Withman mit von Palmiro Togliatti übersetzten Gedichten. Gedruckt wurden auch literarische Texte von Arbeitern, die Gramsci als einen »autonomen Ausdruck der Gefühle des Volkes« qualifizierte, das »sich selber sucht«.⁶ Es gelang ihm, den Dirigenten Arturo Toscanini zu gewinnen, ein Konzert für die Turiner Arbeiterschaft zu veranstalten. Er organisierte Treffen mit Tommaso Marinetti, dem Anführer der futuristischen Maler, die gegen den verstaubten Akademismus und für industriellen Fortschritt kämpften. Gramsci lotete sogar Bündnismöglichkeiten mit dem Dichter Gabriele D’ Annunzio aus, allerdings vergeblich.

Der Ordine Nuovo initiierte eine Arbeiterkulturbewegung, wie sie auch in der Weimarer Republik entstand. In Italien wurde sie allerdings bereits 1922 durch die beginnende faschistische Herrschaft radikal eingeschränkt. Zu Benito Mussolinis Hegemonialstrategie gehörte es, sich Elemente linker Kultur wie z. B. Massenaufmärsche⁷ oder auch Begriffe wie den der Revolution anzueignen und umzufunktionieren – eine Vorgehensweise, die Gramsci »populistico« nannte. Intellektuelle, um die Gramsci geworben hatte, liefen zum Faschismus über: Marinetti nahm wichtige kulturpolitische Aufgaben wahr. Auch D’Annunzio arrangierte sich mit Mussolini.

Dass sich der Faschismus eine Massenbasis schaffen konnte, lag nach Gramscis Beobachtung von 1924 auch daran, dass er einen populistischen »Romantizismus« ausstrahlte, der seinen Ursprung in Elementen des Fortsetzungsromans habe. Zwar handele es sich um »eine gesellschaftliche, d. h. politisch-ökonomische Bewegung«, aber das »Milieu, in dem sich die einzelnen Faschisten herangebildet haben, die Ideologie, mit der sie sich vollgestopft haben, kann Romantizismus genannt werden«. Als Beispiel führte er den Faschisten Massimo Rocca an, der Angestellter des Verlagshauses Sonzogno gewesen war. Er »hat übersetzt, hat bei der Verbreitung von Tausenden und Zehntausenden Exemplaren der Romane von Ponson du Terrail, von Hector Malot, Henri Richebourg, von Eugène Sue mitgewirkt«. Für Faschisten wie Rocca oder auch Curzio Malaparte⁸ sei »eine aus dem Gleichgewicht geratene Phantasie, ein Schauer wütender Helden, eine psychologische Unruhe« kennzeichnend, »die keinen anderen idealen Inhalt hat als die Gefühle, die in den Fortsetzungsromanen der französischen Romantik von 1848 enthalten sind: Anarchisten dachten die Revolution wie ein Kapitel der ›Elenden‹⁹ (…) Faschisten wollen die ›Prinzen Rudolph‹¹⁰ des guten italienischen Volkes sein. Die historische Konjunktur hat es zugelassen, dass dieser Romantizismus ›führende Klasse‹ und dass ganz Italien ein Fortsetzungsroman wird.«¹¹

Die im großen Stil von Mussolini praktizierte Vereinnahmung linker Kulturtechniken findet sich später im deutschen Faschismus wieder und ist auch ein Problem der aktuellen ideologischen Kämpfe. Das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS), das sich mit dieser Anverwandlung linker Begriffe durch Rechte beschäftigt hat, prägte dafür den Begriff Diskurspiraterie. Darin schwingt bereits mit, dass sich Linke ihrer Kulturgüter nicht berauben lassen dürfen, sondern sie im Fall des Missbrauchs aktualisieren und schärfen müssen.

Die 1921 entstandene Kommunistische Partei Italiens (PCI) orientierte unter ihrem Ersten Sekretär Bordiga auf eine kleine Kaderpartei, die eine baldige Revolution und die Errichtung eines sozialistischen Staates nach dem Vorbild Russlands ansteuerte. Angesichts der faschistischen Machtübernahme erwies sich das in Italien besonders früh als Illusion. Der PCI blieb zwar vorerst legal, allerdings kamen viele Kommunisten und Sozialisten durch den faschistischen Terror um, Partei- und Gewerkschaftsbüros sowie Zeitschriftenredaktionen wurden gebrandschatzt. An die Entfaltung eines proletarischen Kulturlebens war nicht mehr zu denken. Als Gramsci 1924 Bordiga ablöste, entstand immerhin eine Parteischule, in der u. a. Nikolai Bucharins »Gemeinverständliches Lehrbuch der marxistischen Soziologie« studiert wurde. Gramsci wird es in den Gefängnisschriften wegen seiner mechanistischen Züge ebenso kritisieren wie die idealistische Philosophie Benedetto Croces, die ihn wegen ihrer atheistischen Grundlagen als Student beeinflusst hatte. Neben der Herausgabe einer Frauenzeitschrift gelang es, mit der ebenfalls durch ihn ins Leben gerufenen Tageszeitung Unità ein Massenpublikum zu erreichen und damit die Basis für den enormen politischen und kulturellen Einfluss des PCI auf die spätere Resistenza zu schaffen.

1926 gelang es Mussolini, das Parlament auszuschalten und sich zum Oberhaupt eines totalitären Staates aufzuschwingen. Gramsci wurde wegen angeblichen Hochverrats verurteilt und starb 1937 in der Haft. In den Gefängnisschriften erfuhr seine Überzeugung des notwendigen Zusammenhangs von politischer und kultureller Strategie eine Vertiefung in ökonomischen und kulturellen Analysen u. a. des Fordismus und in der Theorie der Zivilgesellschaft.

Bildung und Klasse

Anders als Bordiga hatte Gramsci schon 1922 erkannt, dass die Durchsetzung von Sozialismus in Industrieländern mit alphabetisierter Arbeiterschaft, die sich bereits eine Teilhabe am bürgerlichen demokratischen System erkämpft hatte (die der Faschismus mit brutalsten Mitteln allerdings wieder rückgängig machte), nicht mehr wie in Russland durch Staatsstreich möglich war. Obwohl er nicht in Frage stellte, dass sich sozialistische Überbauten erst nach dem Umbruch des Staates umfänglich entwickeln könnten, erklärte er es für notwendig, noch unter bürgerlicher Herrschaft für das Überschreiten des Horizonts der elitären bürgerlichen Zivilgesellschaft zu kämpfen. Es genüge nicht, dass die Arbeiterklasse aus dem Kreis der »traditionellen«, dem Bürgertum verbundenen Intellektuellen Bündnispartner gewinne.

Als wichtigstes Terrain des Kampfes um die Hegemonie sah Gramsci das Bildungswesen an. Er übernahm den reformpädagogischen Ansatz, dass jedes erzieherische Programm von der Lebenswirklichkeit der Schüler ausgehen muss. Dabei dürfe man aber nicht stehenbleiben, sonst reproduziere es die bestehenden Klassenverhältnisse. Unterricht für Kinder in einer dörflichen, von der nationalen und internationalen Kultur weitgehend abgeschnittenen Gegend müsse zunächst von deren folkloristischer Vorstellungswelt ausgehen. Aber sie müsse auch provoziert und kritisiert werden, um das Kind stufenweise mit Techniken und Weltanschauungen bekannt zu machen, die es auf nationales und möglichst auch internationales Wissensniveau heben.

Nicht zufällig nahm die faschistische Bildungsreform, die sich ebenfalls an der Reformpädagogik inspirierte, gerade diesen Aspekt nicht auf. Sie sah viele Schultypen vor, die scheinbar in bester Absicht auf die verschiedenen Schichten der Gesellschaft zugeschnitten waren, zwischen denen aber keine Übergänge vorgesehen waren. Und während die Oberschichten selbstverständlich universales und Fachwissen erwerben konnten, sollten den unteren Klassen milieugerecht nur elementare Grundkenntnisse und frühberufliche Fähigkeiten vermittelt werden.

Aber – so Gramsci – gerade den Heranwachsenden aus den Unterschichten schade das Laisser-faire und verhindere ihren Aufstieg in die Sphären qualifizierten Wissens. Besonders ihnen müsse auch das disziplinierte und systematische Lernen beigebracht werden. Er verwies darauf, dass die Bildungsanstalten für Abkömmlinge der herrschenden Klassen auf Disziplin Wert legten und Phasen kumulativer Wissensaneignung vorsahen und dass diese auch für Lernende aus den Unterklassen unverzichtbar seien.

Prinzipiell plädierte Gramsci für ein kostenloses einheitliches Bildungssystem mit offenen Übergängen zur jeweils höhere Stufe. Für unabdingbar hielt er eine lange schulische Phase zweckfreien Lernens, in der möglichst viel Allgemeinbildung, humanistische Erziehung mit Elementen polytechnischer Bildung kombiniert werden sollte.¹² Realiter bildete damals die frühe Erziehung zum Beruf für die Unterklassen den Hauptteil ihrer Schulbildung, die einen Menschentyp zu erzeugen suchte, der den Bedürfnissen der Industrie angepasst war und von Gramsci als »dressierter Gorilla«¹³ bezeichnet wurde. Ganz, meinte er, würde das doch nicht erreicht: Auch die am Fließband stehenden Menschen blieben fähig, über ihre Lage hinauszudenken und die bürgerliche Hegemonie schon innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft in Frage zu stellen.

Im US-amerikanischen Fordismus, der den Arbeitern höhere Löhne zahlte, um sie zu Konsumenten der eigenen Produkte zu machen, erkannte er eine Produktionsweise, die dem Kapitalismus auch nach dem Ende des Faschismus eine weitere Epoche des Überlebens sichern könnte. Gerade deshalb blieb er dabei, dass die Linke eigene autonome Kultureinrichtungen unterhalten und einen Kampf für die Universalisierung der Bildungsmöglichkeiten schon in der bürgerlichen Gesellschaft führen müsse. Für die bürgerliche Zivilgesellschaft ist es charakteristisch, dass in ihr nur die Ober- und Teile der Mittelschichten aktiv werden. Das von Gramsci anvisierte Ziel war, möglichst viele Menschen zu Akteuren der Zivilgesellschaft zu machen, was konkret heißt: zu Akteuren im Kampf um eine neue Ordnung.

Seit seiner Zeit ist die manipulative Kraft der von globalisierten Konzernen erzeugten Massenkultur ungeheuerlich angewachsen. Und neue Produktionsformen auf der Basis von künstlicher Intelligenz drohen, demnächst einen Großteil der Menschen von hegemonial geleiteten Algorithmen abhängig zu machen. Zwar spielen in den heutigen Kämpfen um das Bildungssystem viele von Gramsci evozierte Elemente eine Rolle. Aber es ist noch nicht heraus, inwieweit es den arbeitenden Klassen gelingt, eine gegenkulturelle Souveränität zu entwickeln, um künstliche Intelligenz ihren eigenen Lebensinteressen dienstbar zu machen.

Anmerkungen

1 Antonio Gramsci: Scritti giovanili 1914–1918. Turin 1958, S. 143 ff.

2 Ebd., S. 144 f.

3 Antonio Gramsci: Marxismus und Kultur. Hamburg 1983, S. 118

4 Ebd., S. 33–35

5 Ebd., S. 114

6 Zit. n.: Cesare Bermani: Letteratura e vita nazionale. Le »osservazioni« sul folclore. In: Agazzi, Bermani u. a.: Gramsci, un’ eredità contrastata. Mailand 1979, S. 91 ff.

7 Mussolini erzwang 1922 mit dem »Marsch auf Rom«, dass ihm der König die Regierung übertrug.

8 Curzio Malaparte (1898–1957) war ursprünglich Kommunist, wurde Faschist und rekonvertierte wieder zum Kommunismus. Auf dem Totenbett erhielt er von Palmiro Togliatti persönlich seine Parteikarte.

9 Gemeint ist Victor Hugos Romanepos »Die Elenden«, in dem es Revolutionsszenen vom Juniaufstand 1832 gibt.

10 Anspielung auf eine Figur in Eugène Sues »Geheimnisse von Paris«.

11 Antonio Gramsci: La Costruzione del Partito Comunista 1923–1926. Turin 1974, S. 367–369

12 Antonio Gramsci. Gefängnishefte, Bd. 7. Hamburg 1996, S. 1513 f. Siehe dazu auch: Armin Bernhard: Antonio Gramscis Politische Pädagogik. Grundrisse eines praxisphilosophischen Erziehungs- und Bildungsmodells. Hamburg, 2005

13 Antonio Gramsci: Gefängnishefte, a. a. O., S. 1516

Sabine Kebir schrieb an dieser Stelle zuletzt am 10. Dezember 2020 über feministische Islam-Interpretationen.

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