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Aus: Ausgabe vom 21.01.2021, Seite 16 / Sport
Boxen

Schlag mit Stil

Boxer Kevin Boakye-Schumann gilt als Olympiahoffnung. Ein Lokaltermin in Hamburg
Von Oliver Rast
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In Lauerstellung: Kevin Boakye-Schumann hat seinen Sparringspartner Chimezie »Cimi« Graca fest im Blick (Hamburg, 14.1.2021)

Der Brustkorb bebt, die Halsschlagader vibriert. Zehn Sparringsrunden liegen hinter ihm. Kevin Boakye-Schumann sitzt in der Ringecke, den Rücken an das Eckpolster gelehnt. Sein Kopf ist leicht gesenkt, die Augen sind geschlossen, die angewinkelten Beine stützen die Unterarme. Dazwischen sein Arbeitsmaterial, die Boxhandschuhe. Ein typischer Werktag für den 22jährigen Mittelgewichtler. Fünf-, zuweilen sechsmal die Woche trainiert er, »insgesamt rund 15 Einheiten«, sagt er im jW-Gespräch vor Trainingsbeginn an einem Donnerstag nachmittag, während er Bandagen um seine Mittelhände wickelt.

Wir sind in Hamburg, nur wenige Minuten in südöstlicher Richtung vom Hauptbahnhof entfernt. An einer Kopfsteinpflasterstraße mit Industriegewerbe steht ein moderner Zweckbau. Ein Schild der EC Boxpromotion prangt über dem Eingang. Das Gym von Erol Ceylan bietet den Faustkämpfern vom TH Eilbeck gewissermaßen Exil. Die Heimstätte des Traditionsklubs aus dem Bezirk Wandsbek ist coronabedingt dicht. Das Ausweichquartier beim Profistall nutzt Trainer André Nicolai Walther mit seinen Schützlingen gerne, »eine Goodwill-Aktion« der Gastgeber, wie er gegenüber jW sagt. Sandsäcke und Pratzen, Hantelbank und Kabelzugstation, Lastzuggerät und Ergometer – das volle Rundum-sorglos-Programm für Topathleten.

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Es hat etwas Meditatives: Kevin Boakye-Schumann beim Bandagieren seiner Hände (Hamburg, 14.1.2021)

Nur: Einfach soll es sein Vorzeigefighter nicht haben, sagt Walther. »Er muss gefordert werden, in jedem Training.« Dabei wirkt alles routiniert. Boakye-Schumanns Sparringspartner Tyron Amo und Chimezie »Cimi« Graca stehen bereit. Der Respekt ist groß, Fallobst für ihren namhaften Klubkollegen wollen sie nicht sein. Das Aufwärmprogramm absolviert das Trio in Eigenregie. Minutenlang geht es die auf dem Boden markierte Koordinationsleiter hoch und runter. Zahlreiche Schrittfolgen werden eingeübt. Der Primus gibt den Takt an, tänzelt virtuos vor. »Ein ideales Warm-up, jetzt sind die Beine schön heiß«, sagt er und wischt sich Schweißperlen von den Augenbrauen.

Direkt danach steht im Seilquadrat der Praxistest an. Ein paar Trockenübungen, das Einmaleins der Schlagtechniken. Blocken, pendeln, meiden – und natürlich kontern. Kevin kassiert in der Vorwärtsbewegung ab und an Treffer, die er vermeiden muss, sagt sein Übungsleiter. Graca und Amo strapazieren im fliegenden Wechsel nach je zwei Minuten den hochkonzentrierten Boayke-Schumann. Wer Chef im Ring ist, daran gibt es keine Zweifel. Trainer Walther muntert die beiden Probanden auf – und scherzt: »Wisst ihr, Kevin boxte früher viel schlimmer als ihr.«

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Vaseline gegen Cuts – Kevin Boakye-Schumann und sein Sparringspartner Tyron Amo (hinten) vor dem Praxistest im Ring (Hamburg, 14.1.2021)

Stimmt, Boxsport stand anfangs nicht auf seinem Zettel, sagt der Hamburger Jung. Aufgewachsen ist Boakye-Schumann im Ortsteil Farmsen-Berne. Seine Eltern kamen Anfang der 1990er Jahre aus Ghana nach Deutschland. Es ist eine typische Einwanderergeschichte. Über einen Bengel, der in der weißen deutschen Mehrheitsgesellschaft seinen Platz finden musste, zwischen Mehrgeschossern und Jugendzentrum. Dort hatten Halbstarke das Sagen. So, wie anderswo auch. Man musste sich beweisen, oder man wurde als Schwächling gehänselt. Boayke-Schumann weiß, wovon er spricht. Einige der Jungs aus der Clique boxten im Klub nebenan, beim SC Condor. Der schüchterne Kevin sollte probeweise mitkommen, das Training durchstehen. Er machte mit, er stand durch. »Das war eine Art Ritual«, erzählt Boakye-Schumann. Fortan hörten die Hänseleien auf.

Auch deswegen: Beim SC Condor hatte er sich rasch zur Nummer eins geboxt. Er wollte mehr. Eine Anekdote: »Vereine im Einheitsdress haben mich immer fasziniert«, sagt Boakye-Schumann. Wie die in Rot Gekleideten vom TH Eilbeck. Teamgeist, auch optisch, den er bei seinem ersten Klub vermisst hatte. 2015, im Januar, stand er plötzlich in der Halle bei Walther. »Es hat sofort zwischen uns gefunkt«, erzählt der Trainer. Aufgefallen war er ihm bereits vorher. »Talent haben viele, aber nur ganz wenige gehen über ihre Grenzen, über den toten Punkt«, sagt Walther. Kevin ist so einer.

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Ausgepumpt: Kevin Boakye-Schumann nach seinem Werktag, Trainer André Nicolai Walther im Hintergrund (Hamburg, 14.1.2021)

Zurück zum Clinch. »Hey, jetzt drehen wir ein bisschen auf«, sagt Boakye-Schumann keck zu seinen Kombattanten – nach der achten Sparringsrunde wohlgemerkt. Graca zuckt kurz zusammen, erwidert: »Ach so, bislang war alles nur aufwärmen?« Beide grinsen, richten den Mundschutz, die Zeit läuft. »Nicht so harte Hände, Kevin, lieber schnelle«, ruft Walther und blickt dabei kniend zwischen die Ringseile. »Linker Haken, Rechte aufwärts, gut so.« Gong. Graca und Amo schlagen sich wacker.

Die Eilbecker kooperieren seit 2017 mit dem BC Traktor Schwerin. Am dortigen Olympiastützpunkt trainiert Boakye-Schumann unter den Fittichen von Meistercoach Michael Timm. Für den Jungboxer aus der Hansestadt ist das optimal. »Na klar, mein Ziel ist Olympia in Tokio«, betont er. Ein Achtungszeichen war sein Sieg beim Cologne Boxing World Cup im Dezember. Weitere Leistungschecks stehen an: Mitte Februar das nationale Round-Robin-Turnier, im März die dritte Auflage des Cups in der Domstadt. Erst dann werden die Nominierten für das internationale Olympiaqualifikationsturnier feststehen. Das Zeug dafür hat Boakye-Schumann allemal. »Kevin ist mit seinem Stil ein Gesamtpaket«, so Walther. Seine Stärken? »Wille, Motorik, Reflexe.« Und natürlich seine Schlagkraft. Seine Schwächen? »Manchmal ist er unpünktlich.« Zwinkersmiley.

Zwei Stunden sind rum. Finale, Buddy Graca sekundiert. Ein Medizinball dient als Puffer. Der Champ in spe feuert eine Gerade nach der anderen ab; Führhand, Schlaghand, Führhand, Schlaghand. Graca hat Mühe, das lederne Sportgerät zwischen Händen und Lenden zu fixieren. Trainer Walther pusht, hebt seine Stimme: »Weiter, noch 30 Sekunden … 15, weiter!« Boakye-Schumann ächzt laut und keucht. Eine Sekunde noch – geschafft.

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