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Aus: Ausgabe vom 20.01.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Weltwirtschaftsforum

Angst vor Unruhen

WEF-Risikobericht warnt vor sozialen Spannungen und Folgen des Klimawandels
Von Steffen Stierle
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Wirtschaftsbosse und Finanzjongleure befürchten Krisentrouble (Prag, 7.12.2020)

Einer der positiven Nebenaspekte der Coronapandemie ist, dass sich »Eliten« aus Wirtschaft, Politik und Finanzwelt in diesem Winter nicht im schweizerischen Davos treffen können, sondern sich ins Internet zurückziehen müssen. Im Vorfeld der Onlinedebatten hatte das Weltwirtschaftsforum (World Economic Forum, WEF) am Dienstag seinen jährlichen »Risikobericht« vorgelegt. Die Crème de la Crème fürchtet soziale Unruhen.

Zumindest in den kommenden beiden Jahren bestehen die größten Risiken laut dem Bericht darin, dass bereits vorhandene gesellschaftliche Spannungen einen kritischen Punkt überschreiten. Als Risikofaktoren werden unter anderem Massenarbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit der Jugend, digitale Ungleichheit und wirtschaftliche Stagnation genannt.

Eng verknüpft ist die Angst vor sozialen Unruhen mit den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen der Pandemie. Covid-19 habe nicht nur bis zur Erarbeitung des Berichts weltweit zwei Millionen Todesopfer gefordert, sondern auch eine ökonomische Schockwelle ausgelöst. Alleine im zweiten Quartal 2020 seien Arbeitsstunden verlorengegangen, die zusammengenommen 495 Millionen Jobs entsprechen. Das habe bestehende soziale Ungleichheiten unmittelbar verschärft. Weltweit hätten im vergangenen Jahr nur 28 Volkswirtschaften positive Wachstumsraten verzeichnet. Beschleunigt habe sich in der Pandemie hingegen die Digitalisierung, was zu einer zunehmenden »digitalen Kluft« führe. Die »digitale Abhängigkeit« nehme zu, etwa durch die schnelle Automatisierung, die Manipulation von Informationen und Regulierungslücken.

Mittelfristig – also im Zeitraum von fünf bis zehn Jahren – sind laut dem Bericht, der gemeinsam mit dem Versicherungskonzern Zurich, dem Risikoberater Marsh sowie dem südkoreanischen Mischkonzern SK Group herausgegeben wurde, vor allem wirtschaftliche Schocks zu fürchten. Genannt werden beispielsweise platzende Vermögensblasen, Preisinstabilität und Schuldenkrisen.

Erst danach rücken nach Angabe der globalen Elite Klimafragen ins Zentrum der Menschheitsprobleme, etwa in Form einer Krise natürlicher Ressourcen einschließlich eines Verlustes an Biodiversität. Maßnahmen zur Abmilderung gegen die kurzfristigeren Risiken werden allerdings auch als Teil des Kampfes gegen den Klimawandel gesehen: »Untätigkeit gegen wirtschaftliche Ungleichheiten und gesellschaftliche Spaltung kann Maßnahmen gegen den Klimawandel weiter behindern, der immer noch eine existentielle Bedrohung für die Menschheit ist«, sagte Forumsmanagerin Saadia Zahidi bei der Veröffentlichung des Berichts am Dienstag.

Es wird also durchaus Handlungsbedarf gesehen, wenn die Forumsteilnehmer ab kommendem Montag im Internet »zusammenkommen«, um die ganz großen Probleme zu debattieren. Ihr Motto: »Den Zustand der Welt verbessern«. Ein physisches Treffen wurde für Ende Mai anberaumt. Nicht im schweizerischen Alpenidyll, sondern in Singapur. Laut Zahidi stehen Regierungen, Konzerne und Gesellschaften dann vor der Aufgabe, neue wirtschaftliche und soziale Systeme zu schaffen, »die unsere kollektive Widerstandsfähigkeit« verbessern. Es müsse darum gehen, die Ungleichheit zu verringern, die Gesundheit zu verbessern und den Planeten zu schützen.

Die Lösungsansätze des Berichts sind erwartungsgemäß überschaubar. Schließlich geht es bei den WEF-Beratungen im Kern nicht um die Überwindung sozialer und ökologischer Probleme, sondern darum, genügend gesellschaftliche und wirtschaftliche Stabilität herzustellen, um den Oberen möglichst lange ein möglichst ungestörtes und reibungsloses Profitemachen zu ermöglichen.

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