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Aus: Ausgabe vom 21.01.2021, Seite 11 / Feuilleton
Fotografie

Symbolkraft des Sichtbaren

Ein Buch für alle Sinne: Gedanken zu einem neuen Band von Gabriele Senft
Von Peter Michel
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Februar 2015: Der Helm eines gefallenen Soldaten wird auf dem Gelände der ehemaligen Küstriner Festung geborgen (Kostrzyn nad Odra, Foto aus dem besprochenen Band)

Diese deutsche Schande wird ewig bleiben. Das Deutschlandlied – auch wenn heute einige Strophen offiziell nicht mehr gesungen werden – löst auch in mir noch Angst aus, genau wie Tamara Misch es in dem neuen Foto-Text-Band »Leuchtend prangten ringsum Apfelblüten« der Fotografin Gabriele Senft beschreibt. Der Geist, der dem Lied eingeimpft wurde, lebt in der Gegenwart fort. Dieses Lied ist für mich ein großdeutsches Geblök, ein Totengekrächz für meinen Vater, der – auch verführt durch diesen mit so vielen Verbrechen verbundenen Gesang – im November 1942 in einem Waldstück bei Tjaplowo im Kursker Gebiet »fiel«, zerrissen von der Granate einer Panzerabwehrkanone. Das Birkenkreuz zwischen Schnee und Erde ist längst verfault. Die Gebeine finden sich auf keinem Soldatenfriedhof. Der russische Boden ist frei von Eroberern – wie lange noch?

Es wird wieder Zeit, nach der bitteren Wahrheit zu suchen. Zu viel wird im verlogenen Gesimpel und in den Plattheiten der Schwätzer zerredet. Zu zahlreiche alte und neue Faschisten und Nationalisten formieren sich wieder. Zu oft werden in Filmen sowjetische Soldaten nur als betrunkene, marodierende, Frauen vergewaltigende »Untermenschen« dargestellt. Mit »Leuchtend prangten ringsum Apfelblüten« stellt sich Gabriele Senft den Verdrängern, den Geschichtsfälschern entgegen – auf eine Weise, die alle Sinne anspricht. Wenn man die Fotografien sieht und die Texte liest, erinnert man sich nicht nur an das lebensbejahende Lied, das diesem Buch den Titel gab, sondern auch an den schweren, feierlichen Marschtritt der Soldaten, wenn sie die von Alexander Alexandrow komponierte Melodie vom »Heiligen Krieg« sangen, die jedem, der ein Herz hat, Tränen in die Augen treiben kann. Dieses Lied ist wie ein Requiem, entstanden wenige Tage nach dem Überfall des faschistischen Deutschland auf die Sowjetunion.

Im Band wird die nach Ravensbrück deportierte Österreicherin Lisl Jäger mit den Worten zitiert: »Es gibt zwei Gerüche, die ich nie vergessen werde: Das ist Chlor, und wie es riecht, wenn Fleisch verbrennt.« Das gräbt sich ein. Und wer sich an das Ende dieses mörderischen Krieges erinnert, riecht noch die mit Zeitungspapier selbstgedrehten Machorka-Zigaretten, die schweißgetränkten Uniformen, den Dieseldunst der Panzer T 34 …, aber auch den Duft frisch gebackenen Weißbrots, das deutschen Kindern in die Hände gedrückt wurde.

Gabriele Senft gehört zu den Künstlern, die in der Galerie der Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde (GBM) mehrfach ausstellten: 1999 gemeinsam mit Gerhard Fischer Fotografien zum Jugoslawien-Krieg, 2002 Arbeiten zum Thema »Die Brücke von Varvarin«, 2009 zum Thema »Jahrgang 49« (ihr Geburtsjahr) und 2015 anlässlich des 70. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkrieges – schon mit dem Thema »Leuchtend prangten ringsum Apfelblüten«. Dieses Projekt trieb sie gemeinsam mit dem engagierten Verleger Wiljo Heinen voran. Nun liegt ein hervorragend gestalteter Band vor, der den Weg nachzeichnet, den die Rote Armee im Frühjahr 1945 von der Oder bis zum Reichstag verlustreich kämpfend beschritt, der zugleich den Anteil alliierter Truppen berücksichtigt, und der auch an anderen Orten deutlich macht, dass die Mahnung an diesen brutalsten Krieg in der Geschichte der Menschheit nicht in den Tümpeln des Vergessens verschwinden darf.

Der künstlerische Gestaltungswille im Bereich der Fotografie beweist sich in der Auswahl des Sichtbaren, im Gespür für die Symbolkraft von Gegenständen, Gesichtern oder Landschaften. Gabriele Senft legt mit ihren Fotografien auch in diesem Band den Beweis vor, dass eigenständige journalistische Fotografie ein Prozess bewussten Formens von Wirklichkeitseindrücken ist – mit dem Ziel, subjektive Vorstellungen, Empfindungen und Gedanken authentisch darzustellen. Ein sozialistisch geprägter Humanismus bestimmt ihr fotografisches Werk und bringt einen unverwechselbaren Individualstil hervor: Die Nahaufnahme zweier erdbeschmutzter Hände – in der einen der Tapferkeitsorden eines sowjetischen Soldaten, in der anderen die Erkennungsmarke eines Deutschen –, beide exhumiert auf dem Gelände der Küstriner Festung. Das Denkmal Fritz Cremers auf dem Ettersberg, nicht ehrfürchtig von unten erfasst, sondern von der Rückseite – mit einem weiten Blick in das frühlingshaft friedliche Weimarer Land; wir stehen hinter den Buchenwaldhäftlingen, reihen uns ein in ihre Vorwärtsbewegung.

Eine Entdeckung folgt der anderen, wenn man in diesem Buch blättert und liest. Werke der Fotografie treffen auf die Erfahrung und Weltsicht des Betrachters. Bilder und Texte ergänzen sich eindrucksvoll. Aus den Erinnerungen von Kommandanten, Berichterstattern, Schriftstellern, Filmleuten, Umsiedlern und vielen anderen Zeitzeugen wird zitiert. Den vollen Wortlaut der Kapitulationsurkunde der deutschen Wehrmacht kann man lesen. Das Buch wendet sich gegen die Leugnung der Selbstbefreiung des KZ Buchenwald, gegen geschichtsklitternde Relativierungen in der »umgestalteten« Gedenkstätte Seelow. Es berichtet vom Massenselbstmord aufgehetzter Deutscher am Kriegsende in Demmin, vom Schicksal des jüdischen Altersheims in Berlin-Köpenick, zeigt Erinnerungsstätten. Kriegsverbrecher werden beim Namen genannt. Ein Reichtum geschichtlicher Erfahrungen und Lehren wird ausgebreitet. Und die Worte der besseren deutschen Hymne, der Kinderhymne von Bert Brecht: »… dass ein gutes Deutschland blühe …«, drängen sich ins Bewusstsein. Das ist ein Buch, wie es heute gebraucht wird, dringender denn je.

Gabriele Senft: Leuchtend prangten ringsum Apfelblüten. Der lang ersehnte Frühling. Verlag Arbeiterlogik, Berlin 2020, 198 Seiten, 217 Abb., 28,50 Euro

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