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Aus: Ausgabe vom 16.01.2021, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Kleine Völker Russlands

Das Meer ist unser Feld

Pomoren im russischen Oblast Archangelsk: Identität, Assimilierung und traditionelles Erbe
Von Alexandre Sladkevich
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Wasser und Glauben sind zentral für die pomorische Identität: Kirche im Dorf Konezdworje auf der Koneschnyj-Insel

»Die Pomoren? Das sind die Menschen, die schon von alters her fischten. Sie zeichnen sich durch eine besondere Mentalität, Charakter und Betriebsamkeit aus. Sie neigen zur Nachdenklichkeit, Gründlichkeit und sind niemals hastig. Dieses oder jenes werden sie langsam verrichten, sind dabei aber tiefgründig und ernsthaft: Würden sie ein Haus bauen, dann wäre es für die Ewigkeit«, meint Marija Schulgina. Die Couchsurferin, die mir Archangelsk zeigt, ist Geschichtswissenschaftlerin an der örtlichen Universität. Sie stammt von den Pomoren ab, den russischen Siedlern, die sich im 12. Jahrhundert an der Küste des Weißen Meeres ansiedelten.

Die Pomoren sind eine Subethnie des russischen Volkes im Norden Russlands. Ihr Name leitet sich von »Pomorje« ab, was »am Meer« bedeutet. Ihre größte und wichtigste Stadt ist Archangelsk. Die Pomoren besiedeln hauptsächlich die Oblast Archangelsk. Ein winziger Teil des Volkes findet sich auch an der Küste der Barentssee. Insgesamt zählen die Pomoren etwa 6.500 Menschen. Trotz des raschen Assimilierungsprozesses im großrussischen Volk bewahrten sie ihr ethnisches Erbe.

»Eine gewisse Unabhängigkeit und die Freiheitsliebe sind typisch für die Pomoren«, sagt Schulgina, »sie waren nicht der Leibeigenschaft ausgesetzt und wurden mit dem Vor- und Vaternamen angeredet.« Zur Zarenzeit wurde das sogenannte einfache Volk im restlichen Russland nur beim Vornamen genannt. Auch bei der 30jährigen spürt man den Freiheitsdrang, der sich in ihren Reisen ausdrückt. »Ich fühle mich vom Meer angezogen und träume von meinem eigenen Schiff. Jedes Jahr unternehme ich einige Seefahrten.« Vor allem die Solowezki-Inseln haben es ihr angetan, jährlich leitet Schulgina die archäologischen Expeditionen dorthin.

Obwohl ihre Mutter eine Donkosakin ist, identifiziert sich meine Gastgeberin mit den Pomoren. Sie berichtet über die Kindheit ihres pomorischen Vaters, der in einem Dorf zur Welt kam, in dem die Menschen eine traditionelle Lebensweise führten. Sie fischten, sammelten Pilze und Beeren. Mit Begeisterung erzählt Schulgina von abgelegenen archaischen Dörfern, in denen sich die ursprüngliche Lebensweise der Menschen noch beobachten lasse. Sie berichtet von Großfamilien, die unter einem Dach leben, wie zu alten Zeiten. Ebenfalls über das Vieh, das im Haus gehalten wird, damit es im harten Winter nicht erfriert.

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Die Nördliche Dwina mit Blick auf das Dorf Konezdworje

Kulturelle Selbstbestimmung

Die Pomoren genießen Kulturautonomie. Dieser Status bezieht sich nicht auf ein Gebiet, sondern auf eine ethnische Gruppe, die in einer bestimmten Region eine Minderheit darstellt. Das ist die gesetzliche Bezeichnung der national-kulturellen Selbstbestimmung der Menschen, die sich zu einer Ethnie bekennen. Sie gründen einen öffentlichen Verein, der bestrebt ist, selbständige Entscheidungen zu treffen, um ihre Eigenart, Nationalkultur und Sprache zu bewahren und zu etablieren. Die pomorische Kulturautonomie hat ihren Sitz in Archangelsk und nennt sich »Das Kulturerbe des Archangelsker Nordens«.

Sie bemüht sich, auch in das »Einheitliche Register der indigenen kleinen Völker Russlands« aufgenommen zu werden. Bisher erfolglos. Der Eintrag ermöglicht einen privilegierten Zugang zu den natürlichen Ressourcen: Fischvorkommen, Meeressäuger, Wald und Wild. Sonst unterliegt man einer Beschränkung oder gar einem Verbot. Ganz nebenbei verhindert dieser Eintrag eine Expansion der Industrie in die Naturflächen. Schulgina vertritt dagegen die Meinung, dass man die Pomoren nicht von den Russen abgrenzen darf. »Die Auffassung, dass die Pomoren eine selbständige Ethnie darstellen, existiert zwar, aber sie sind ein Teil der Russen und kein autonomes Volk. Sie sind eine ethnische Gruppe.«

Der ebenfalls in Archangelsk lebende Couchsurfer Wladimir Barmin, dessen Mutter Pomorin ist, wurde auf der Solombala-Insel, die zu Archangelsk gehört, geboren. Barmin ist als Systemadministrator in der onkologischen Klinik tätig. Auch sein Standpunkt ist, dass die Pomoren sich nie von den Russen abgesondert haben und dass genannter Kulturautonomieverein aus Eigennutz handele. »Ich vermute, dass die Bezeichnung Pomoren sich auf den geographischen Wohnsitz bezieht. Aber auch auf die Lebensweise, die größtenteils mit der Fischerei zu tun hatte. Alles drehte sich damals um den Fisch, man handelte mit ihm, und er ernährte einen.« Ein Pomore zu sein ist für den 25jährigen zugleich ein Zustand von Zugehörigkeit und Selbstidentifizierung.

Die Debatte, wer die Pomoren eigentlich sind, gibt es bereits seit Jahrzehnten – ein indigenes Volk, eine kulturhistorische Gruppe oder einfach Menschen, die das Küstengebiet des Weißen Meeres besiedeln und durch ihre Lebensweise vereint sind? Sie werden auch als Nachfahren der russischen Siedler und der finnougrischen Karelen angesehen. Ihre Mundart, Pomorska Goworja, ist vom Aussterben bedroht.

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Auch in den Städten der Oblast noch vereinzelt zu finden: Pomorische Holzarchitektur in Archangelsk

»Als ich klein war, merkte ich, dass sich im Sprachgebrauch meiner Großmutter und der älteren Nachbarn mir unbekannte Worte und Redewendungen einschlichen. Die ganz unverständliche Mundart ist mir nie begegnet, und daher denke ich, dass sogar die älteren Menschen inzwischen sehr viel von der modernen russischen Sprache angenommen haben«, meint Barmin. Er schlägt vor, sein pomorisches Großelternhaus in dem Dorf Konezdworje auf der Koneschnyj-Insel zu besuchen, um dort zu angeln. Zu erreichen ist diese Insel von Archangelsk aus mit einem Passagiermotorschiff über die Nördliche Dwina in etwa anderthalb Stunden. Unterwegs passiert das Schiff noch andere bewohnte Inseln. Boote und Angler runden das Bild ab.

Die Eingangstür von Barmins Dorfhaus ist sehr niedrig, damit es innen länger warm bleibt. Beim Hinein- und Hinaustreten muss man sich beugen. Das Plumpsklo wie auch der Schuppen befinden sich gleich im Haus. Doch die Luft ist rein. Am Tisch gibt es einen Ehrenplatz für den Gast. Ihm zur linken Hand sitzt der Hausherr. Der Sitzplatz der Frau befindet sich unweit des Holzofens, damit sie auf das Essen aufpassen und die Gäste bewirten kann.

Fischfang der Pomoren

Bei der Hausführung benutzt Barmin Wörter, die für das russische Ohr schwer definierbar und verwirrend sind. Er erzählt über seinen Urgroßvater: »Meine Eltern haben mich immer als den Nachfahren eines pomorischen Fischfängers gesehen. Mein Urgroßvater war ein Stoßarbeiter-Fischfänger. Mit ihren Karbasy umkreisten sie sogar fast den Archipel Nowaja Semlja.« Karbasy sind Segel-Ruder-Fischereiboote, die für die Pomoren typisch waren – »offene Boote, und bei Stürmen war man dementsprechend schutzlos ausgeliefert«, erklärt Barmin. Zum Fischfang und zur Jagd auf Meeressäuger fuhren die Pomoren auch zur Insel Murman, zur heutigen Kola-Halbinsel und bis zur norwegischen Küste hinaus. Zudem unterhielten sie die nördliche Handelsroute zwischen Archangelsk und Nordsibirien und spielten damit eine wichtige Rolle bei der Erschließung der dortigen Seewege. Die Seearbeiter waren nicht nur in Russland, sondern auch in den Hafenstädten Norwegens und Schwedens präsent. Die pomorischen Kaufleute betrieben Seehandel. Eine alte Redewendung der Pomoren besagt: »Das Meer ist unser Feld.«

Barmin möchte Wasser aus dem Brunnen holen. Beim Verlassen des Hauses lehnt er ein Brett an die Eingangstür, als Symbol dafür, dass niemand zu Hause ist. Damit werden eventuelle Besucher davon abgehalten, umsonst an die Tür zu klopfen. Die Gesetze der Gastfreundschaft waren immer von großer Bedeutung: »Die Haustür darf man nie verschließen.«

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Anastasija Barmina aus Sewerodwinsk erzählt stolz von ihrem Vater, der als Fischfänger in der Kolchose arbeitete

Wladimir Barmin ergründet seinen Nachnamen. Es sei nicht auszuschließen, dass der Name sich von den Einwohnern des Bjarma-Landes ableitet. Vermutlich könnte die Lage dieses in den nordischen Sagas genannten Gebietes den südlichen Ufern des Weißen Meeres und dem Becken der Nördlichen Dwina zuzuordnen sein. Heute ist es ein Teil der Oblast Archangelsk. Die Wikinger bezeichneten die hiesigen Einwohner als Bjarmen.

Bei der Rückkehr nach Archangelsk organisiert Barmin für mich ein Treffen mit seiner Großmutter Anastasija Barmina, die in Sewerodwinsk lebt. Diese Stadt am Weißen Meer liegt etwa 35 Kilometer von Archangelsk entfernt und ist vor allem für ihre Schiffswerften bekannt. Auch die 84jährige Pomorin, die in dem Dorf Konezdworje zur Welt kam, erzählt über ihren Vater, den Stoßarbeiter-Fischfänger. »Bei uns gab es eine Fischfängerkolchose. Die Brigade gab den größten Teil des Fangs ab, den Rest teilten die Fischer unter sich auf. Bei uns zu Hause standen immer zwei bis drei Fässer des traditionell gesalzenen Atlantischen Lachses.«

Barmina holt alte Fotos, die ihren Vater mit einem typisch großen Bart zeigen. »Mein Vater war sehr kommunikativ, und alle möglichen Gäste kamen zu ihm.« Die Pferdefuhrwerke mit dem Gut standen ohne Aufsicht draußen. »Früher, da wurde nichts gestohlen.« Barmins Großmutter vermisst Konezdworje und schwärmt von dem dortigen Haus: »Da ist ein reiches Fünfwandhaus. In der Garage stehen ein Motorboot und ein weiteres Boot.« Als Fünfwandhäuser bezeichnet man die großen Holzhäuser, deren Fläche mit einer Wand in zwei unterschiedlich große Teile getrennt wird. Manche Wörter betont Barmina ungewöhnlich. Man merkt, dass ihre Sprache anders ist, auch manche Sätze bildet sie anders.

Die hiesigen Couchsurfer Olga und Alexej Terebejko vermittelten mir die ebenfalls in Sewerodwinsk lebende Pomorin Anna Katschagowa, die eine Sprache nutzt, die mir zum Teil ganz unverständlich ist. Sie spricht eine Mischung aus Russisch und der Pomoren-Mundart. Manche Wörter bleiben ohne Erklärung völlig unklar, andere gelten als veraltet. Für die Mundart ist es typisch zu lispeln. Die 87jährige betont auch die Wörter anders und bildet Endungen, die nicht dem Hochrussischen entsprechen. Ihre Sätze sind zum Teil ungewöhnlich konstruiert, die Sprache erinnert an das Altrussische. Zum Glück ist ihre Enkelin vor Ort, die sich bereit erklärt zu dolmetschen.

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Am Leben erhalten: In Lomonossowo gibt es sowohl eine Knochenschnitzerfabrik wals auch eine Schule für das alte Handwerk

Glaube und Kulinarisches

Als Katschagowa ihr Heimatdorf Sowpolje erwähnt, zählt sie nicht ohne Stolz gleich vier Flüsse auf. »Der Atlantische Lachs kam zu uns. Früher fischten die Menschen, aber jetzt ist das verboten!« Die Pomorin erinnert sich an ihr Leben in Armut und Not. Schon mit zwölf Jahren wurde sie ein Waisenkind, unmittelbar danach brach der Zweite Weltkrieg aus. Sie aß Kartoffeln mit Moos, auch zermahlene Fischgräten und Stroh. Doch blieb sie gläubig. »Ich passte stets auf, als mein Vater über uralte kirchliche Feste erzählte.« Sie zählt 19 Feste auf, die sie bis heute einhält. Zum Schluss erwähnt sie den Gedenktag für Quiricus und Julitta. »Es hieß, dass man an diesem Tag weder in den Wald noch aufs Meer darf, weil Quiricus und Julitta verärgert sind.« Man glaubte, böse Geister wüteten an jenem Tag draußen. Die gläubigen Pomoren bekennen sich zur Russisch-Orthodoxen und zur Altorthodoxen Pomorischen Kirche. Schließlich trägt Katschagowa ein altes pomorisches Lied vor. Ihr Vater sang es, als er Schangi, eine Art offener Piroggen, zu Ostern im Holzofen buk.

Im Alltag spiegelt sich die pomorische Identität in der altertümlichen verzierten Holzarchitektur, der man vereinzelt in Städten, aber vor allem im Freilichtmuseum Malye Korely etwa 25 Kilometer von Archangelsk begegnet.

In einem Restaurant in Archangelsk kann man den leckeren eiweißreichen Kabeljauquark kosten. Der gehackte Fisch wird mit Quark, Knoblauch und Kräutern vermischt. Dazu gibt es Pertominski-Fischsuppe, die mit Milch zubereitet wird. Kosuli, das traditionelle Gebäck, das auch als Kinderspielzeug diente, kann man meist nur zur Weihnachtszeit kaufen. Dafür ganzjährig die Kulebjaki – die geschlossenen Piroggen mit Kabeljau, Seewolf oder Heilbutt.

Auf die Pomoren-Mundart, ihre Kultur und die traditionelle Lebensweise stößt man auch in den Märchen von Boris Schergin und Stepan Pissachow. Die beiden Schriftsteller wurden als Plastiken in Archangelsk verewigt. Die Pissachow-Plastik zeigt ihren Namensgeber, Fische in einem Netz tragend. Die Schergin-Plastik präsentiert auch die Meeresküste, die Schiffe, die Holzarchitektur und einen Glücksvogel. Russlandweit sind die aus Holz geschnitzten pomorischen Glücksvögel bekannt. Eine weitere Skulptur stellt einen Protagonisten Pissachows dar, der auf einem Fisch reitet. Dass ein Teil der Pomoren auch Rentierhaltung betreibt, wird seit 1930 ebenfalls durch ein Denkmal repräsentiert: ein Pomore mit einem Ren.

Die von der Meeresküste entfernten Ortschaften der Oblast – Lomonossowo, Solwytschegodsk, Matigory, Cholmogory und Metlino – sind nicht minder interessant. Dank der Zwiebeltürme der sehr alten Holz- und Steinkirchen, der malerischen Natur mit mehreren Flüsschen, die mit Fähren und Booten durchquert oder mit Pontonbrücken überquert werden. In Lomonossowo befinden sich eine Knochenschnitzerfabrik und eine Knochenschnitzerschule. Dank dieser Einrichtungen hat sich das traditionelle pomorische Handwerk bis heute erhalten.

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