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Aus: Ausgabe vom 16.01.2021, Seite 1 (Beilage) / Wochenendbeilage
Coronakrise

»In dem Moment hab’ ich gedacht, hier läuft etwas schief«

Über die Rückkehr aus China nach Berlin zu Beginn der Pandemie und Versäumnisse im Kampf gegen das Virus hierzulande. Ein Gespräch mit Christian Y. Schmidt
Interview: Markus Bernhardt
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Übersterblichkeit im November 2020: Mitarbeiter Niklas Grube öffnet im Krematorium »Die Feuerbestattungen Celle« eine Kühlkammer, in der vier Särge von Verstorbenen liegen, die mit oder am Coronavirus gestorben sind.

Sie sind Schriftsteller, China-Kenner, wohnen mit Ihrer Frau seit mehr als 15 Jahren in Beijing. Wie lebt es sich eigentlich in einem Land, was in Deutschland gemeinhin als kommunistische Diktatur gilt?

Gut (lacht). Ja, es regiert da die Kommunistische Partei. Aber ich würde das Land nicht als kommunistische Diktatur bezeichnen. Eher als sozialdemokratische, allerdings mit ziemlich wenig Demokratie. Natürlich hat die Partei da das Sagen, und eine echte Opposition gibt es nicht. Ich glaube, den meisten, vor allen Dingen den Ausländern, dürfte auf den ersten Blick kein großer Unterschied auffallen. Erst recht nicht im Alltag in den großen Städten, weil der dem unseren doch recht ähnlich ist. Das Essen ist allerdings besser.

Nach bisherigem Informationsstand ist die Covid-19-Pandemie im chinesischen Wuhan ausgebrochen. Obwohl sich Hinweise mehren, dass der erste Patient eine Italienerin war. Bleiben wir aber bei China. Wie haben Sie den Beginn der Pandemie dort wahrgenommen?

Meine Frau und ich haben im Dezember 2019 im Süden in der Provinz Jiangxi Urlaub gemacht. Wir hatten damals bereits gehört, dass es in Wuhan eine neue Lungenkrankheit gäbe. Details allerdings gab es nicht. Am 3. Januar sind wir dann mit dem Hochgeschwindigkeitszug nach Beijing zurückgefahren. Der Zug hat auch in Wuhan gehalten und dort sind natürlich auch einige Leute aus der Stadt in unseren Waggon gestiegen. Später haben wir gedacht: Da hätten wir uns schon anstecken können, denn damals war das Virus ja schon in Wuhan unterwegs.

Es war aber noch nicht die Rede davon, dass das Virus ansteckend ist. Also haben wir uns keine Sorgen gemacht. Als wir dann wieder in Beijing waren, kam die Krankheit weiter sporadisch in den Nachrichten vor, aber das klang alles nicht so schlimm. Dramatisch wurde es erst ab dem 20. Januar. Da erklärte die Regierung, dass es sich um eine ansteckende Seuche handeln würde. Zhong Nanshan, der berühmteste Virologe Chinas, der die erste SARS-Epidemie 2003 erfolgreich zum Erliegen gebracht hatte, war nach Wuhan geschickt worden. Er erkannte sofort, dass das Virus hoch ansteckend ist, und erklärte das in einer Pressekonferenz. Ab diesem Moment hat die Regierung reagiert. Drei Tage später, am 23. Januar, wurde Wuhan bereits dichtgemacht.

Und dann gab’s bei uns in Beijing auch schon bald Maßnahmen. Wir hatten sowieso Glück. Wegen des chinesischen Neujahrsfestes war Beijing praktisch schon vorher dicht. Büros, Fabriken, die meisten Restaurants, Bars usw. Alle Leute von außerhalb waren zu ihren Familien in die Provinz gefahren. Trotzdem wurde jetzt auch das geschlossen, was noch offen war: die Museen beispielsweise. Geöffnet blieben nur noch Supermärkte, Apotheken und Drogeriemärkte. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir in Beijing noch keine 100 Fälle.

Und wie fanden Sie das?

Das fand ich gut. Schließlich ging es um die Sicherheit der Bevölkerung, und man hatte kaum Kenntnisse über diese neue Infektionskrankheit. Trotzdem ist sofort klar kommuniziert worden, dass es dringenden Handlungsbedarf gebe. Auf Bannern, die in der Öffentlichkeit aufgehängt wurden, wurden die Menschen aufgefordert, Masken zu tragen, ihre Wohnung verstärkt zu lüften und regelmäßig die Hände zu waschen und diese möglichst auch zu desinfizieren. Dazu der Appell: Hört auf die Wissenschaft und nicht auf irgendwelche Gerüchte.

Und man konnte sehen, dass die Leute das ernst nahmen. Wir hatten keinen Lockdown wie in Wuhan, trotzdem ging kaum noch einer auf die Straße. Anders als zur Zeit in Deutschland war es in Beijing nicht verpflichtend, im Supermarkt eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen. Es haben aber trotzdem fast alle gemacht. Selbst auf der Straße trugen bald 85 bis 90 Prozent der Menschen eine Maske. Weil den Leuten einfach klar war, dass das vernünftig ist.

Es war dann auch sehr schnell so, dass alle, die irgendwo einen Eingang zu bewachen hatten, also zum Beispiel Rezeptionisten in Büro- oder Hochhäusern oder die Kontrolleure an den Zugängen zur U-Bahn, schnell mit elektronischen Fieberthermometern ausgestattet wurden. Diese haben dann bei jedem die Temperatur am Handgelenk gemessen. Das gleiche in Parks, die alle ein Tor haben und von Parkwächtern betreut werden. Und wer nur etwas erhöhte Temperatur hatte, wurde aufgefordert, sich testen zu lassen.

Sofort wurden auch die Nachbarschaftskomitees mobilisiert. Das sind die Graswurzelorganisationen der Kommunistischen Partei. Deren Mitglieder gingen von Wohnung zu Wohnung, fragten, ob alle gesund seien und verteilten Handzettel mit Informationen. Gleichzeitig haben sie halb Beijing durchdesinfiziert, die öffentlichen Toiletten in der Altstadt, die Nahverkehrsmittel usw.

Sie sind dann Mitte Februar nach Deutschland geflogen. Welche Erfahrungen haben Sie da gemacht?

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Christian Y. Schmidt

Ich bin am 12. Februar nach Berlin geflogen, das war der letzte Direktflug von Beijing nach Berlin. Im Flugzeug hatten wir alle noch Masken auf, neun Stunden lang. Manche hatten sich sogar Schutzkleidung aus Müllsäcken gebastelt. Ein gespenstischer Flug. Und dann kamen wir in Tegel an – und niemand interessierte sich für uns. Es gab keine Tests, keine Desinfektion, keine Quarantäne. Alle rund 250 Leute, die in diesem Flugzeug waren, sind ausgestiegen, haben ihre Masken in den Müll geworfen und sind in die Stadt spaziert. In dem Moment hab’ ich gedacht, hier läuft etwas schief.

Inwiefern?

Wir sind ja nicht die ersten gewesen, die aus China nach Deutschland geflogen sind. Das hatten ja schon Tausende vor uns gemacht, auch ohne jeglichen Gesundheitscheck. Da war mir klar, dass das Virus schon längst in Berlin unterwegs war. Damals wusste man doch schon, dass auch Leute ohne Symptome ansteckend sein können.

Ich habe dann angefangen, die Leute hier auf Facebook vor dem zu warnen, was auf uns zukommen würde. Am 27. Februar zum Beispiel habe ich ein langes Posting verfasst und begründet, warum man in öffentlichen, geschlossenen Räumen eine Maske tragen sollte. Das war übrigens derselbe Tag, an dem der Virologe Christian Drosten in einem seiner ersten Podcasts das Tragen von Alltagsmasken noch für überflüssig erklärte. Wahrscheinlich, weil es zu diesem Zeitpunkt praktisch keine Masken in Deutschland gab.

Hier war stets behauptet worden, die chinesische Regierung, also die Kommunistische Partei, hätte überhaupt nicht reagiert. Die Gefahr würde geleugnet, es würde repressiv gegen Ärzte vorgegangen, die vor diesem neuartigen Virus gewarnt hatten. Wer lügt denn nun?

Keine Frage: Zu Beginn der Pandemie sind sicher Fehler gemacht worden. Das ist nicht zu bestreiten. Aber anfangs wusste man ja auch kaum etwas über das Virus. Und natürlich wollte niemand die Bevölkerung unnötig in Panik versetzen. Als sich dann langsam die Gefährlichkeit des Virus herauskristallisierte, haben die lokalen Behörden trotzdem versucht, die Gefahr herunterzuspielen und Kritiker mundtot zu machen. Auch das kann keiner bezweifeln. Da hatten die Lokalpolitiker offenbar Angst, gegenüber der Zentralregierung schlecht dazustehen. Doch als das Ausmaß der Epidemie endlich klar war, wurde gehandelt. Das war am 20. Januar.

Spätestens am 23. Januar, als dann der Lockdown über Wuhan verhängt wurde – einer Stadt mit elf Millionen Einwohnern –, war vollkommen klar, das wird extrem ernst genommen. Selbst wenn die chinesische Regierung zu diesem Zeitpunkt noch nicht die WHO über das Virus informiert gehabt hätte – was sie bereits am 31. Dezember getan hatte –, hätte jetzt jeder Regierung auf der Welt klar sein müssen, dass diese Epidemie keine Übung ist, sondern gefährlicher Ernst. Spätestens am 23. Januar hätten auch bei der deutschen Regierung sämtliche Alarmglocken schrillen müssen. Aber Jens Spahn erzählte am selben Tag in den »Tagesthemen«: »Der Verlauf hier, das Infektionsgeschehen, ist deutlich milder, als wir es bei der Grippe sehen.« Irre.

Nun haben Sie ja gesagt, dass die chinesische Regierung nach kurzen Startschwierigkeiten durchaus sehr entschlossen gegen die Virusverbreitung vorgegangen ist. Was kann Deutschland von China in Sachen Pandemiebekämpfung lernen?

Bestimmte Dinge sind nicht so einfach wie in China zu machen, zum Beispiel aufgrund von Datenschutzbestimmungen. Aber hat die Tatsache, dass Deutschland eine Demokratie ist, die Bundesregierung daran gehindert, genügend Masken zu bevorraten? Gibt es hierzulande Vorschriften, die es den Regierungen nicht erlauben, die Gesundheitsämter mit genügend Personal und Geld auszustatten, damit sie auch am Wochenende korrekte Infektionszahlen melden können? Hindert das Grundgesetz Deutschland daran, ankommende Passagiere auf den Flughäfen zu testen und im Zweifel eine überwachte Quarantäne zu verhängen?

In China muss man zum Beispiel im Moment 14 Tage in Quarantäne, wenn man aus dem Ausland einreist. Die findet in Hotels statt, in denen man das Zimmer nicht verlassen darf. Das könnte man doch auch in Deutschland machen. Da hätte dann sogar das Hotelgewerbe etwas davon, das gerade schwer unter der Pandemie leidet. Das und zig andere Maßnahmen hätte man von China übernehmen können, ohne dass die Demokratie Schaden genommen hätte.

Warum, glauben Sie, ist das nicht geschehen?

Ich denke, das hat viele Gründe. Zum einen hält sich ja auch diese Bundesregierung weitgehend an das neoliberale Credo, dass sich der Staat möglichst wenig einmischen sollte, auch nicht in das Gesundheitswesen. Man denke nur daran, dass Jens Spahn kurz vor Pandemiebeginn noch Krankenhäuser schließen lassen wollte, und an die ganze Privatisierungspolitik der Bundesregierung. Wer an so was glaubt, reagiert natürlich zu spät. Zum anderen liegt es wohl an dem, was Mark Siemons in der FAZ »zivilisatorische Kränkung« genannt hat; eine Kränkung, die man hierzulande empfindet, weil sich China und andere asiatische Gesellschaften bei der Pandemiebekämpfung als überlegen erwiesen haben. Wenn man die chinesischen Maßnahmen oder auch die anderer asiatischer Staaten übernehmen würde, würde man diese Überlegenheit anerkennen. Das tun aber die Gekränkten nicht, sondern verlegen sich lieber darauf zu leugnen, dass die Bekämpfung der Pandemie in China tatsächlich besser läuft.

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Aktion #CoronaToteSichtbarMachen: Christian Y. Schmidt am Stierbrunnen in Berlin-Prenzlauer Berg

Einerseits wird gesagt, dass China besser dastünde, weil es eine Diktatur sei, und dass man in Deutschland eben nicht die gleichen Maßnahmen ergreifen könne wie in China, weil halt Demokratie usw. Und wenn man dann die Maßnahmen aufzählt, die man auch in Deutschland ergreifen könnte, wird Zuflucht dazu genommen, dass die chinesischen Zahlen sowieso nicht stimmen würden und reine Propaganda seien. Dass sich aber diese beiden Argumente widersprechen, realisieren die, die sie anführen, gar nicht.

In Deutschland sorgen die staatlichen Maßnahmen im Kampf gegen die Pandemie auch für entschiedenen Widerspruch. Es gibt viele, die die Gefährlichkeit des Virus leugnen und in den letzten Monaten eine Art Wanderzirkus quer durch die Bundesrepublik veranstaltet haben. Trotzdem dürfte es sich bestenfalls um eine lautstarke Minderheit handeln. Wie erklären Sie sich diese Faktenfreiheit in deren Aussagen, die Wissenschaftsfeindlichkeit und dieses ausgeprägte Bedürfnis, Realität zu leugnen oder für eigene Propagandazwecke umzudeuten?

Also erst einmal ist es natürlich absurd, wenn diese Leute behaupten, sie seien so etwas wie eine Opposition. Man darf nie vergessen, dass man anfangs die Bundes- und Landesregierungen zu den Maßnahmen mehr oder weniger zwingen musste. Die haben sich doch gegen jeden einzelnen Schritt mit aller Kraft gesträubt, um »der Wirtschaft« nicht zu schaden.

Und zweitens hat es solche Leute wohl in jeder Pandemie gegeben. Schon zu Zeiten der Pest waren Menschen unterwegs, die entweder behauptet haben, die Seuche gäbe es nicht, das Sterben hätte andere Gründe, oder die auf dem Vulkan getanzt haben, Partys gemacht und Orgien gefeiert. Es gibt offensichtlich einen Bevölkerungsanteil, der für Irrationales empfänglich ist. Dann gibt es natürlich die, die das für ihre Zwecke benutzen, wie etwa die AfD, oder die ganzen Hardcorenazis, die auf den Zug schnell aufgesprungen sind, um Propaganda zu machen und Leute zu rekrutieren. Nazis, die jetzt mit dem Grundgesetz unter dem Arm rumlaufen. Das konnte man sich vor kurzem nicht ausdenken.

Und dann nimmt auch noch das halbe Esoterik- und Anthroposophenspektrum an den Protesten der »Querdenker« teil. Das ist in Deutschland nach ’68 wieder stärker geworden und bildete dann auch einen Teil der Ursuppe, aus der die Grünen entstanden sind. Da gab und gibt es Überschneidungen mit linken Ansätzen. Esoteriker fanden sich mit Hippies und auf der anderen Seite auch mit ehemaligen K-Gruppenmitgliedern zusammen.

Ein wichtiger Grund für die Existenz der »Querdenkerbewegung« in Deutschland ist aber auch, dass zu Beginn der Pandemie seitens der Bundesregierung schlecht und widersprüchlich kommuniziert worden ist. Wenn man zum Beispiel zuerst sagt, Alltagsmasken seien kontraproduktiv, um sie dann ein paar Wochen später in Supermärkten vorzuschreiben, muss man sich nicht wundern, wenn die Leute einem nichts mehr und statt dessen allen möglichen Quatsch glauben.

Es gab einmal Zeiten, in denen sich die Linke der Aufklärung verschrieben hatte. Wenn ich mir jetzt jedoch anschaue, wie viele Personen, die sich selbst für links gehalten haben, oder sogar noch immer halten, sich den »Querdenkern« zugehörig fühlen, spürt man davon nichts mehr. Besonders erschreckend finde ich, wie schnell auch Werte wie internationale Solidarität und Humanismus über Bord geworfen wurden, wenn man die Gleichgültigkeit betrachtet, mit der hier Tote in Kauf genommen werden oder auch die statistisch dokumentierte Übersterblichkeit geleugnet wird. Wie nehmen Sie derlei wahr?

Wie gesagt, auch das hat es in der Linken leider immer gegeben. Aber es ist trotzdem natürlich immer immer wieder tragisch, wenn man älter wird und dabei zusehen muss, wie einige Leute plötzlich kippen. Statt sich mit dem Kapitalismus und seinen Exzessen auseinanderzusetzen, wittern sie eine große Weltverschwörung. Dass alle Regierungen, egal welcher politischen Ausrichtung, gegen das Virus vorgehen, interessiert diese Leute dann gar nicht mehr. Dabei sind es natürlich vor allem rechte Regierungen, wie in Brasilien oder die des bald ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump, die die Virusbekämpfung für überflüssig halten. Dass vermeintliche Linke sich in diese Gesellschaft begeben, ist unverzeihlich.

Gemeinsam mit der Künstlerin Veronika Radulovic haben Sie deshalb die Aktion #CoronaToteSichtbarMachen initiiert, bei der Sie dazu aufrufen, im öffentlichen Raum Kerzen im Gedenken an die verstorbenen Pandemieopfer aufzustellen.

Wir wollen mit unserer Aktion unter anderem Bilder produzieren. Uns ist aufgefallen, dass vor allem während der ersten Welle von den Medien doch sehr detailliert berichtet wurde, wie schrecklich die Situation im Ausland ist. Am Anfang in China. Dann in Bergamo, in Spanien bis hin zu New York. Es gab viele erschütternde Bilder und ausführliche Berichte. Als dann klar wurde, dass es Deutschland nicht so hart erwischt, hat man sich hier gegenseitig auf die Schultern geklopft, wie toll man die Pandemie doch im Griff hätte.

Dann kam die zweite Welle, und plötzlich hatten wir Sterberaten, die die in Italien, Spanien oder Frankreich übertroffen haben. Da kam dann zunächst kaum noch etwas in den Medien. Nur diese Wasserstandsmeldung jeden Morgen, die immer größere Zahl der Coronatoten, immer nach der Zahl der Neuinfizierten, immer verbunden mit Konjunktionen wie »außerdem« oder »zudem«, als sei das etwas Belangloses. Ende Dezember und Anfang Januar waren es immer wieder über tausend Menschen, die als an Corona verstorben gemeldet wurden, innerhalb von 24 Stunden. Eine unfassbar hohe Zahl. Trotzdem kamen die Leute, die hinter diesen Zahlen, und ihre Geschichten in den Medien so gut wie gar nicht vor.

Das wollten wir mit unserer Initiative ändern. Wir wollten zeigen, dass auch hier Kranke in großer Zahl sterben, und das mit dem Aufstellen von Kerzen visualisieren. Die »Querdenker« produzieren mit ihren Aufmärschen starke Bilder, die dann in den Medien kommen. Dem wollen wir etwas entgegensetzen. Mir persönlich geht es auch darum, Druck auf die Politik auszuüben, damit die endlich anfängt, die Pandemie ernsthaft und systematisch zu bekämpfen.

Christian Y. Schmidt …… ist Schriftsteller und Journalist. Von 1989 bis 1995 war er Redakteur der Satirezeitschrift Titanic. Er arbeitet als freier Autor für verschiedene Tages- und Wochenzeitungen und hat einige Bücher über China verfasst. Seit 2003 lebt Christian Y. Schmidt zusammen mit seiner aus Beijing stammenden Frau vor allem in Ostasien, anfangs in Singapur und seit 2005 in Beijing. 2018 ist sein erster Roman »Der letzte Huelsenbeck« erschienen, 2020 die Erzählung »Der kleine Herr Tod« sowie der Bericht »Corona Updates Beijing«. Zusammen mit der Künstlerin Veronika Radulovic hat Schmidt die Aktion #CoronaToteSichtbarMachen initiiert, in deren Rahmen in verschiedenen bundesdeutschen Städten Kerzen im Gedenken an die an oder mit Covid-19 Verstorbenen aufgestellt werden.

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Debatte

  • Beitrag von Josie M. aus J. (17. Januar 2021 um 11:23 Uhr)
    Vielen Dank für dieses ausführliche und verbreitungswürdige Interview mit Christian Y. Schmidt.

    Josie Michel-Brüning, Wolfsburg

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