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Aus: Ausgabe vom 16.01.2021, Seite 10 / Feuilleton
Klassische Musik

Bis hinein in jedes Rosshaar

Intimer Zugang: Zwei neue Veröffentlichungen mit Beethovens Kammermusik und Cellosonaten
Von Stefan Siegert
Liese Klahn, PianoforteStephan Katte,
Bringen Beethoven nach Weimar: Pianoforte-Spielerin Liese Klahn zwischen Stephan Katte (Horn) und Peter Hörr (Cello)

Es ist eigentlich das Schönste am hinter uns liegenden Beethoven-Jahr: Beethovens Musik wird weiterhin gespielt, aufgelegt, heruntergeladen, gestreamt und gepostet werden. Ihre Energie und ihre Magie haben keine Halbwertzeit. Da ist es gut, zu Beginn des neuen, von Impfungen hoffentlich gesegneten Jahres zwei neue Beethoven-Produktionen vorzustellen.

Ein Weimarer Beethoven sozusagen. Der Tonsetzer war zwar nie in Weimar. Aber von den drei Musikern der CD mit Kammermusik Beethovens und einer zweiten Doppel-CD mit seinen Cellosonaten, sind zwei so gut wie aus Weimar. Pianoforte-Spielerin Liese Klahn war von 2002 bis 2018 Leiterin von Melos Logos, dem Festival der Klassik-Stiftung Weimar. Naturhornist (und Naturhornbauer) Stephan Katte, Solist der Hornsonate, lebt als gebürtiger Weimarer in seiner Heimatstadt. Cellist Peter Hörr ist zwar nur zugezogen, hat es aber von seiner Cello-Professur an der Leipziger Hochschule nicht weit bis ins Ilmtal.

Bis auf eines sind alle Stücke der Kammermusik-CD aus der Zeit der Wiener Akkumulation des jungen Beethoven. Er konnte in den 1790er Jahren, nach seinem Wegzug aus Bonn, mit den gedruckten Ausgaben seiner Klavier- und Kammermusik in der neuen Heimat gutes Geld verdienen. Gassenhauer wie Mozarts »Bei Männern, welche Liebe fühlen« aus der »Zauberflöte« oder jenes Stück aus Händels Oratorium »Judas Maccabäus«, das bei uns unter dem Namen »Tochter, Zion« Karriere als Adventslied machte, fanden in Form von Beethovens Variationen viel Zuspruch bei einer wachsenden Zahl von Hausmusikbegeisterten. Über die Einnahmen freute sich der Komponist nicht weniger als über den mit den Editionen weit über die Konzertsäle hinaus gehenden Zuwachs an Bekanntheit seiner Musik in den Salons und Gartenzimmern der Oberschicht.

Die ihre im Klang spürbare Materialität nicht hinter perfektem Gleichmaß verbergenden alten Instrumente erlauben einen intimen Zugang zur Kammermusik. So hört man Peter Hörrs intensiven Kontakt mit den Darmsaiten bis hinein in jedes Rosshaar seines geharzten Barockbogens. Und so dämmrig wolkig und zugleich gut konturiert klingt in Beethovens früher Hornsonate nur ein – ventilloses – Naturhorn. Stephan Kattes Lippen und seine Hand im Schalltrichter formen die Töne mal weich und lyrisch, dann bis zu metallener Härte. Katte, ein herausragender Hornsolist, hat seine Leidenschaft gut unter viel Klugheit und Bescheidenheit verstaut. Das Baujahr der in diesen Aufnahmen erklingenden Tasteninstrumente, im »Andante favori« ist eines allein zu hören, liegt jeweils in der Zeit der Kompositionen. Liese Klahn spielt die faszinierende Eigentümlichkeit des Érard-Flügels von 1811, seinen langen natürlichen Nachklang, die farbliche Vielheit seiner Register, unaufgeregt und hellwach aus. Auch dieses alte Instrument erleichtert das Hören der musikalischen Form, eins kommt der Form hörend wie körperlich nah. Im leichten Hall des Aufnahmeraums im Weimarer Schloss (in Goethes Luft) sind in der Kunst der drei Musiker Beethovens extreme Vorstellungen von Dynamik – egal ob kraftvoll oder fein nuanciert – besonders deutlich wahrnehmbar.

In den fünf, symmetrisch über Beethovens Berufsleben verteilten Cellosonaten spiegelt sich seine stilistische Entwicklung. Mit den beiden frühen Sonaten war die Gattung erfunden. Das Cello, bis dahin allein fürs Bassfundament zuständig, wird von da an zum gleichberechtigten Partner kon­trapunktischer und melodischer Unternehmungen. Opus 69 lässt besonders schön hören, wie Beethoven keinem Instrument so viel Gesang gab wie dem Cello. Im Opus 102 schweift der alte Beethoven auch in diesem Instrumentalbereich noch einmal durch den Orbit seiner Musik, endend ebenfalls mit einer kurzen, gewaltigen Fuge. Hier hört man musikalisch belebt Gewichtiges, in Weimar gespielt von Interpreten, die sich der Herausforderung in allen Punkten gewachsen zeigen. Wer den Cello-Beethoven, den Beethoven kleiner Kammermusik noch nicht kennt, hätte mit diesen CDs den optimalen Einstieg gefunden.

Liese Klahn/Peter Hörr/Stephan Katte: »Beethoven Chamber Music« (Ars Vobiscum/Arthaus)

Peter Hörr/Liese Klahn: »Beethoven Sonatas« (Ars Vobiscum/Arthaus)

Debatte

  • Beitrag von Simon B. aus B. (16. Januar 2021 um 10:04 Uhr)
    Kleiner Tip an den Autor und die Redaktion: Wer Gedanken vor der Niederschrift durchdenkt, vermeidet dadurch Stilblüten und Feuilleton-Katastrophen wie diese:

    »Die ihre im Klang spürbare Materialität nicht hinter perfektem Gleichmaß verbergenden alten Instrumente erlauben einen intimen Zugang zur Kammermusik.« (Eine Inversionsgirlande: umständlich zwar, dafür spürbar im Klang!)

    »So hört man Peter Hörrs intensiven Kontakt mit den Darmsaiten bis hinein in jedes Rosshaar seines geharzten Barockbogens.« (Surrealer Bericht aus dem Inneren des Instrumentenbaus; was fummelt der Musiker an den Saiten?)

    »Und so dämmrig, wolkig und zugleich gut konturiert klingt in Beethovens früher Hornsonate nur ein – ventilloses – Naturhorn.« (Klingt nicht wie Wolkenkonturen in der Dämmerung – hach, wie paradox – die Sonate im Horn?)

    »Stephan Kattes Lippen und seine Hand im Schalltrichter formen die Töne mal weich und lyrisch, dann bis zu metallener Härte.« (Instrumentalsolist als Schmutzfink im Sandkasten)

    »Katte, ein herausragender Hornsolist, hat seine Leidenschaft gut unter viel Klugheit und Bescheidenheit verstaut.« (Hoffentlich holt er sie da bei Bedarf raus.)

    »Das Baujahr der in diesen Aufnahmen erklingenden Tasteninstrumente, im ›Andante favori‹ ist eines allein zu hören, liegt jeweils in der Zeit der Kompositionen.« (Na, da liegt's gut.)

    Wir haben sehr gelacht.

    Die Redaktion der jW sucht ja nach einem neuen Korrektor – den hat sie wohl dringend nötig.

    Schönes Wochenende:)

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