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Aus: Ausgabe vom 14.01.2021, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Der Steiger kommt nicht mehr

Facharbeiterin für textliche Flächen: Zum Tod der Sprachkünstlerin Barbara Köhler
Von Florian Neuner
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Gedichte im Raum: Barbara Köhler (1959–2021)

Wenn Barbara Köhler ihre Texte vortrug, mit der rechten Hand gleichsam dirigierend, wurde augen- und ohrenfällig, wie wichtig Rhythmus und Klang für diese Dichterin waren. Die graphische Präsentation ihrer Gedichte als Textblöcke auf dem Papier wiederum verdeutlichte, dass Schrift von ihr stets auch als Bild aufgefasst wurde. Köhler setzte Sprache nicht als funktionierendes Medium der Kommunikation voraus, sondern befragte sie als Material. Geboren 1959 bei Amerika in Sachsen, wie sie gerne angab, machte sie eine Ausbildung als Facharbeiterin für textile Flächenherstellung, arbeitete in verschiedenen Berufen in Karl-Marx-Stadt und studierte am Institut für Literatur »Johannes R. Becher« in Leipzig.

Barbara Köhlers Debütband »Deutsches Roulette«, der Gedichte und Prosapoeme aus den Jahren 1984 bis 1989 enthält, erschien 1991 bei Suhrkamp, als man sich dort für frische Stimmen aus der gerade untergegangenen DDR interessierte. Vorangestellt ist dem Buch ein Werbespruch aus dem Mai 1990: »Die Revolution geht weiter: Gleiche Kaffeepreise für alle!« Ein Gedicht mit dem Titel »Happy End« beginnt mit den Worten: »was ist ankommen und wo/wie macht man das sagt man ja/und amen ebbe statt flut«, und auch wenn Assoziationen zur politischen Umbruchsituation sich einstellen mögen, ragen die Texte aus diesem zeithistorischen Kontext doch weit heraus und stellen die Arbeiten von ebenfalls in der DDR sozialisierten Generationsgenossen wie Durs Grünbein oder Uwe Kolbe in den Schatten.

Dass »Deutsches Roulette« als einziges Buch Köhlers heute noch bei Suhrkamp lieferbar ist, mutet wie eine bittere Pointe an, denn irgendwann wurde ihre Literatur dem Verlag offenbar zu steil. Vorher waren dort – neben Übersetzungen von Gertrude Stein und Samuel Beckett – noch Bücher erschienen wie »Wittgensteins Nichte« (1999) und »Niemands Frau« (2007), eine Neuinterpretation der Odyssee aus der Perspektive der Frauenfiguren, in denen die Autorin eine dezidiert weibliche Ästhetik entwickelt. Seit den späten 90er Jahren arbeitete Köhler, die seit 1994 in Duisburg lebte, zunehmend mit Texten im Raum. Eine ihrer schönsten Arbeiten, eine Hommage an ihre neue Heimat Ruhrgebiet, wurde 2018 im Duisburger Museum DKM gezeigt: »Lethe/Wasserlösung«. Auf einem schwarzen Band ist der schwarze Text nur bei bestimmtem Lichteinfall lesbar – eine poetische Auseinandersetzung mit der Sprache des Bergbaus: »Meere Wälder Moore: Mächte, vergessen. Ein Wasser steigt Erinnerung durch aufgeweichte Seigerrisse. Der Steiger? Kommt nicht mehr; die Meere steigen.«

Wie Gedichte im öffentlichen Raum zum Politikum werden können, wurde anhand von Eugen Gomringers harmlosem »avenidas« an der Wand der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin deutlich, das auf Betreiben von Studenten wegen Sexismusverdacht entfernt werden sollte. Wer, wenn nicht Barbara Köhler, wäre dazu in der Lage gewesen, auf das Gedicht adäquat zu antworten? Sie schrieb einen neuen Text, der Gomringers überdeckte, der aber dennoch »avenidas« durchscheinen lässt – sowohl im buchstäblichen Sinne, als auch textlich. Anlässlich der Ausstellung »Gegenwarten« kehrte Köhler im Sommer 2020 mit einem Text nach Chemnitz zurück, der auf einer Torkonstruktion der niederländischen Künstlergruppe Observatorium zu lesen war: »WAS BEGINNT AM/ENDE, WAS HÖRT/AM ANFANG AUF?«

In der bewohnbaren, temporären Brückenkonstruktion »Warten auf den Fluss«, den die Niederländer in Castrop-Rauxel gebaut hatten, verbrachte Barbara Köhler 2016 zwei Monate als Eremitin. Entstanden ist daraus das Buch »42 Ansichten zu Warten auf den Fluss« (2017). Ein Stipendienaufenthalt »als beobachtender teil des systems« in Istanbul wiederum war die Grundlage für das 2015 im Lilienfeld-Verlag erschienene Buch »Istanbul, zusehends«, das Gedichte und Fotos versammelt, in denen die politische Unruhe sich abbildet, ohne dass sie vordergründig kommentiert würde. Die unprätentiöse, humorvolle Sprachkünstlerin hatte wiederholt Poetik-Dozenturen inne und war zuletzt Gastprofessorin an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Am 8. Januar ist mit Barbara Köhler die wahrscheinlich innovativste Autorin ihrer Generation nach langer Krankheit viel zu früh in Mülheim an der Ruhr gestorben.

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