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Aus: Ausgabe vom 15.01.2021, Seite 11 / Feuilleton
Punk

»And I don’t like you«

Garstiger, schlauer, abwechslungsreicher: Das neue Album der Sleaford Mods ist draußen
Von Christina Mohr
Beggars Group
Desillusioniert vor der Trinkhalle: Jason Williamson (l.) und Andrew Fearn

Huch, was ist das? Zu zittrigem, elektronischem Piepsen intoniert Jason Williamson mit schwächlichem Stimmchen: »And we’re all so Tory-tired / And beaten by minds small.« Stopp, kurze Pause. Dann wummert ein typischer Andrew-Fearn-Beat los, und Sleaford Mods drehen zu dem auf, was sich zu ihrem besten Album entwickeln wird: »Spare Ribs« entstand in drei Wochen während des letztjährigen Lockdowns, das irritierende Intro »A New Brick« bringt die Erschöpfung und Genervtheit corona- und brexitgeplagter Briten aufs Tapet.

Der Albumtitel soll ausdrücken, was »einfache Leute« für die Eliten bedeuten: nicht mehr als ein paar entbehrliche Rippen. Sleaford Mods aus Nottingham aber laufen in der längst noch nicht überstandenen Trostlosigkeit der vergangenen Monate zu Höchstform auf. Ihr sechstes Album als Duo (die frühen Platten mit Simon Parfrement und diverse EPs nicht mitgezählt) zeichnet sich durch stilistische Abwechslung (!) und relative Leichtigkeit im Sound (!!) aus, ohne auch nur ein Grad vom gewohnt zornigen Kurs abzuweichen.

Apropos Abwechslung: Weil Williamsons wütender, keifender Stream of very pissed consciousness die größte Aufmerksamkeit auf sich zieht, wird Producer, Elektroinstrumentalist und Hausbootbewohner Andrew Fearn oft nur als Hintergrundmusiker wahrgenommen, sein Ansatz als minimalistisch beschrieben und damit heftig unterschätzt. Wie wichtig seine – okay, reduzierten – Grooves für Williamsons Lyrics sind, wird auf »Spare Ribs« deutlich wie nie. Man höre etwa den rotierenden Bassflow auf der Single »Shortcummings«, der dem ätzenden Abgesang auf Boris Johnsons Exberater Dominic Cummings erst die düstere Untergangsstimmung verleiht, die funky Beats (das ist neu: Sleaford Mods mit Disco-Referenzen) des Titeltracks oder die Depeche-Mode-Synthiesounds in »All Day Ticket« und »Thick Ear«, die Sleafords räudigem Streetpunk-Ethos einen fast schon poppigen Touch geben. Aber keine Angst: Die 13 neuen Tracks wirken immer noch so fickrig-aufpeitschend wie Speed mit Whisky-Cola, die Bässe dröhnen im Kopf und wollen los, auf die Straße, in den Pub, egal wohin, aber raus.

Die anno 2020 allgegenwärtige klaustrophobische Krisenstimmung inspirierte Williamson zu besonders garstig-galligen Texten, wie im 90er-Electro-Track »I Don’t Rate You« (»I hate what you do / And I don’t like you«) – nein, herzige Insta-Stories sind mit den Mods nach wie vor nicht zu machen, »brrrrr!« ist der typische Laut, den Williamson von sich gibt, bevor die nächste Zeile aus ihm herausbricht. Statt dessen fährt er sich vor der Trinkhalle angesichts der Verbohrtheit und Unerreichbarkeit seiner Mitmenschen desillusioniert durchs Haar: »I wanna tell the bloke / Who drinks outside the shop / That it ain’t the foreigners / And it ain’t the fucking cops / But he don’t caaaare« (»Out There«), und klingt dabei wie ein gewisser Johnny R., die Älteren werden sich erinnern. In »Elocution« säuselt Williamson im gefakten Hipsterstyle über die »enorme Bedeutung unabhängiger Konzerträume«, die es nicht nur in England bald nicht mehr geben wird, um dann tourettemäßig loszupoltern: »I wish I had the time to be a wanker just like you!«

Bis hierhin wäre es schon ein außergewöhnlich gutes Album einer Band in fortgeschrittenem Alter, die zwar längst nicht mehr zur Arbeiterklasse gehört, aber den unbestechlichen Blickwinkel von Underdogs beibehalten hat. Doch im Sleaford-Kosmos ist tatsächlich Platz für echte Überraschungen: Frauen. Traten diese bisher nur am Rande als z. B. »Your wife« in den Lyrics in Erscheinung, haben Sleaford Mods für »Spare Ribs« gleich zwei tolle Künstlerinnen als Gastsängerinnen eingeladen: Ab Minute 2.36 grätscht Amy Taylor von Amyl and the Sniffers in »­Nudge It« und dreht den Kopfnicker-Tune in einen hämisch-aggressiven Rap. Im Mietbaracken-Elektroblues »Mork n Mindy«, der natürlich nicht nach Bluesrock klingt, ist Newcomerin Billy Nomates Willamsons Gegenpart, die seiner Sentimentalität mit Ironie und Coolness begegnet: »Ah, du bist erst vor kurzem hier gelandet, na so was. Ich fühle mit dir!« Was soll man sagen: Mit die beste Idee, die die Mods je hatten. Klar auch: Nur unter Typen ist diese ganze Scheiße ja nicht auszuhalten.

Sleaford Mods: »Spare Ribs« (Rough Trade/Beggars Group/Indigo)

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Debatte

  • Beitrag von Martin M. aus D. (14. Januar 2021 um 21:54 Uhr)
    Hier noch Musikhinweise: https://www.bbc.co.uk/programmes/m000qzjf und am Freitag 15.1. um 20 Uhr https://www.bbc.co.uk/programmes/m000r5lz

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